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Es riecht nach Kubicki

Von Marek Lantz
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Im Zweikampf: Eric García und Kylian Mbappé

Am späten Sonntag abend lernte die Fußballwelt einen neuen Begriff kennen: »Deliberate play«, zu übersetzen als absichtliches, bewusstes oder vorsätzliches Spiel. 80 Minuten waren im Finale der UEFA Nations League zwischen Spanien und Frankreich vergangen, es stand 1:1, als Theo Hernández von der linken französischen Außenbahn einen Steckpass in die Spitze auf Angreifer Kylian Mbappé spielte. Mbappé stand circa einen Meter im Abseits. Zwischen den beiden Franzosen befand sich jedoch der spanische Verteidiger Eric García, der den Steckpass noch mit einer ambitionierten Grätsche abzufangen versuchte. Dies gelang García nicht wirklich, weil er den Ball bei diesem Versuch aber leicht touchierte, allerdings ohne dessen Richtung und Tempo nennenswert zu beeinflussen, bevor dieser doch den von Hernández intendierten Weg zu Mbappé fand, griff die Regel des sogenannten »deliberate play«. Da Garcías Ballkontakt absichtlich erfolgte, wertet das Regelwerk dies als neue Spielsituation. Mbappés klare Abseitsstellung, mit der er sich letztlich (unfreiwillig) einen entscheidenden Vorteil verschaffte, war demzufolge gar kein Thema mehr. Der Supersprinter unter den kickenden Topstars nahm das Leder dann auch schnörkellos auf, strebte dem spanischen Tor zu und erzielte den 2:1-Siegtreffer für Frankreich.

Seit 2013 existiert in den entlegensten Winkeln der verschrifteten Fußballjurisprudenz das »deliberate play«, die Vorschrift kommt jedoch nur selten zum Tragen. Zumindest hierzulande wäre der Treffer nach der gängigen Regelauslegungspraxis unter den Unparteiischen wohl kaum anerkannt worden, was jenseits sportrechtlichen Winkeladvokatentums auch unter dem Gerechtigkeitsaspekt als einzig plausible Entscheidung einleuchtet. »Das ergibt keinen Sinn«, schimpfte nach dem Abpfiff daher auch verständlicherweise der spanische Kapitän Sergio Busquets und fand: »García hat das getan, was jeder Verteidiger gemacht hätte«. In der Tat: García versuchte, ein Gegentor zu verhindern. Hätte er es unterlassen, hätte er sein Ziel erreicht – absurd. Und warum riecht es eigentlich an dieser Stelle der »Unterklassen«-Kolumne plötzlich ziemlich streng nach Wolfgang Kubicki? Beim Profiteur derart grotesken Regelwerks schätzte man die Sachlage übrigens wie zu erwarten völlig anders ein: »Wenn wir so gewinnen, warum nicht?« schmunzelte der französische Mittelfeldstratege Paul Pogba frech in die Kameras.

Der schönste Satz des drittligafreien Fußballwochenendes kam derweil von Dmitri Woronow. Der 36jährige ist Trainer des skandalträchtigen Westregionalligisten KFC Uerdingen. Mit seiner Mannschaft kam er am Sonnabend mit sage und schreibe 0:11 bei Rot-Weiß Essen unter die Räder – Rekordergebnis in der Regionalliga. Nachdem das Debakel mit dem Abpfiff amtlich war, verweigerte Woronow dann mit einleuchtender Begründung jeglichen Erklärungsversuch: »Bevor ich etwas sage, muss ich erst verstehen, was passiert ist.«

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