Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Freitag, 22. Oktober 2021, Nr. 246
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 12.10.2021, Seite 16 / Sport
Turnen

Eskalation mit Ansage

Deutscher Turnerbund blockiert im Fall Gabriele Frehse. Hauptlast tragen Chemnitzer Turnerinnen
Von Andreas Müller
Turn_Trainerin_Frehs_69713208.jpg

Es könne sein, dass Gabriele Frehse dieser Tage »allein in der Turnhalle steht«. Christian Dahms, als Vorsitzender des Trägervereins des Olympiastützpunktes (OSP) Sachsen der Chef der Turntrainerin, ist Realist. Nach dem Urteil des Chemnitzer Arbeitsgerichts vom 1. Oktober müsse der OSP seine Angestellte zwar weiterbeschäftigen, jedoch: »Über die inhaltliche Ausgestaltung ihrer Arbeit ist aber noch keine Entscheidung getroffen.« Genau darüber wollen Gabriele Frehse und der Verein am Mittwoch sprechen – einen Tag nachdem die Stadt Chemnitz das Hallenverbot gegen die 61jährige aufgehoben hat. Der Deutsche Turnerbund (DTB), bei dem die sportfachliche Hoheit über den OSP liegt und der beim Arbeitsprofil der Trainerin das letzte Wort hat, fehlt am Tisch. Mehr als eine Woche, nachdem die Kündigung gegen die Trainerin wegen angeblicher Schikane von Sportlerinnen juristisch für unwirksam erklärt wurde, hat sich der Verband keinen Fußbreit bewegt. »Auch unabhängig von der Aufhebung des Hallenverbotes erwartet der DTB und geht davon aus, dass Frau Frehse keine Bundesstützpunkt-Athletinnen in Chemnitz trainieren wird«, teilte Pressesprecher Torsten Hartmann auf jW-Anfrage mit.

»Wir als Arbeitgeber sitzen zwischen Baum und Borke«, weiß Christian Dahms. Einerseits habe der OSP ein Interesse, dass seine Angestellte ihren Vertrag »nicht aussitzt«. Andererseits müsse man die Maßgabe des DTB beachten, auch wenn hochkarätiges Trainerpersonal Mangelware ist. Ein Dilemma. Die »Trainingsgruppe Frehse« um die Spitzenturnerinnen Sophie Scheder, Lisa Zimmermann und Emma Malewski trifft es besonders arg. Sie sind die eigentlich Leidtragenden, nachdem ihre wichtigste Ansprechpartnerin nach Schikanevorwürfen von Pauline Schäfer und anderen früheren Athletinnen im vorigen November zunächst suspendiert und Ende April gekündigt wurde – alles im Namen eines humanen Leistungssports, in dessen komplizierter Chemnitzer Konfiguration die Interessen aktueller Kaderathletinnen als eher nachrangig behandelt werden.

Daran soll sich anscheinend nichts ändern, denn der DTB blockiert den Dialog. »Das von mehreren Seiten geforderte Mediationsverfahren ist aus Sicht der Stadt notwendiger denn je«, betonte der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze. Nur auf diesem Wege sei ein zukunftsfähiger Bundesstützpunkt in Chemnitz langfristig zu erhalten und auszubauen. »Drohgebärden sind dabei nicht der richtige Weg.« Im schlimmsten Fall, so ließ Christian Dahms durchblicken, könne der Spitzenverband den Turnerinnen vom TuS 1861 Chemnitz-Altendorf offiziell verbieten, mit Gabriele Frehse zusammenzuarbeiten. Nicht auszudenken, was bei Zuwiderhandlungen oder gar einer offenen Revolte der 40 Leistungs- und Nachwuchsturnerinnen des Vereins und ihrer Eltern, die sich zu Gabriele Frehse bekennen, passieren könnte. Am Ende droht die Kürzung oder der Entzug von Fördermitteln, was nicht nur die Existenz des Bundesstützpunktes gefährdet, sondern die gesamte Sportart Turnen in Sachsen.

Gedankengänge, wie sie Pauline Schäfer fernliegen dürften. Die Wahl-Chemnitzerin aus Saarbrücken, seit 2018 von Frehse getrennt und nun beim Kunstturnverein (KTV) Chemnitz, wird als einzige deutsche Turnerin bei den am kommenden Wochenende beginnenden Weltmeisterschaften in Japan antreten. Zuvor war sie als einzige Chemnitzer Turnerin bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio dabei. Die Vorwürfe gegen ihre frühere Trainerin hatte die 24jährige ursprünglich mit der Erwartung verknüpft, dass der DTB auch an seinen anderen Standorten gründlich nachsieht, wie es um den »humanen Spitzensport« bestellt ist. Doch schon die erste Pflichtübung dieser Art entpuppt sich für die Funktionärsriege als viel zu schwierig.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Mehr aus: Sport