75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 7. Dezember 2021, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 12.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Neue Musik

Die Stille nach dem Overkill

Dem Lärm der Welt nachgeben oder trotzen? Notizen zum Musikprotokoll im Steirischen Herbst
Von Florian Neuner
10.jpg
Am Grazer Hauptbahnhof begrüßt eine Lichtinstallation von Marinella Senatore die Besucher

Der Steirische Herbst, bei seiner Gründung im Jahr 1968 das erste und lange Zeit auch einzige Avantgarde-Festival Österreichs, pflegte bereits ein politisches Selbstverständnis, als das noch etwas kostete. Vor allem Kunst im öffentlichen Raum sorgte immer wieder für Aufregung, dazu kam der eine oder andere Theaterskandal. Wer freilich im Herbst 2021 durch Graz spaziert, wird nichts Skandalträchtiges finden. Am Hauptbahnhof begrüßt eine Lichtinstallation von Marinella Senatore die Besucher und bereichert den Europaplatz auch um ein paar zusätzliche Sitzplätze. Wer dann auf dem Weg ins Stadtzentrum am Esperantoplatz vorbeikommt, könnte meinen, dort sei kürzlich ein Kind überfahren worden. Aber das Environment aus Stofftieren, Herzchengirlanden und handgeschriebenen Zetteln entpuppt sich als das »Simone Weil Memorial« von Thomas Hirschhorn. Warum der Schweizer Künstler, dem es mit der Würdigung der französischen Philosophin und politischen Aktivistin angeblich ernst ist, dafür die trashige Ästhetik eines gefaketen Spontanmahnmals wählt, erschließt sich ohne weiteres nicht.

Dem Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger zufolge gibt es zwei Möglichkeiten, künstlerisch auf die Zumutungen der Wirklichkeit zu reagieren: durch Affirmation oder durch Negation. Beide Wege waren vergangenen Freitag im Rahmen des Musikprotokolls im Steirischen Herbst exemplarisch zu erleben. Das vom Österreichischen Rundfunk (ORF) getragene Festival im Festival existiert ebenfalls seit 1968 und hatte als einziges profiliertes Festival für Neue Musik in Österreich lange Zeit eine Vorreiterrolle. Für Affirmation brutal stand der israelisch-schwedische Brachialmusiker Dror Feiler, der mit dem österreichischen Black Page Orchestra auftrat und auch im Programmheft um starke Worte nicht verlegen war: »Nur instinktive, subversive Aktionen und ihre kulturellen Ausdrucksformen, die in einer von Bürokratie und Technokratie beherrschten Gesellschaft nach Befreiung streben, haben auch das Potential, der Einheitsfront von Oberflächlichkeit, Kommerz, Technologie und Barbarei zu entkommen.« Neben diesem Overkill nahm sich das Stück von Maja Bosnic, für das die Komponistin Lärmschutzkopfhörer verteilen ließ, nachgerade harmlos aus.

Am früheren Abend hatte das Danapris String Quartet die konträre Strategie vorgeführt, dem Lärm der Welt mit dem Rückzug in die Innerlichkeit zu trotzen. Das Ensemble aus Kiew zelebriert einen solchen Kult des Leisen und Zerbrechlichen, 40 Jahre nachdem diese Ästhetik nach Luigi Nonos Streichquartett »Fragmente – Stille, An Diotima« in Westeuropa endemisch geworden war. Ayaz Gambarli, Alla Sagajkewytsch und Igor Sawgorodnij, der Bratscher des Quartetts, lieferten die passende Musik; lediglich das Quartett der Libanesin Cynthia Zaven fiel etwas aus dem Rahmen. Im Konzert des Ensemble for New Music Tallinn wiederum wurde ein historisches Instrument wiederbelebt: das Sechsteltonharmonium von Alois Haba. Miroslav Beinhauer ist der einzige Musiker, der es zu bedienen versteht; in Graz spielte er einen Reigen von Uraufführungen. Georg Friedrich Haas, der gebürtige Grazer, der sich seit langem mit Mikrointervallen beschäftigt, war in diesem Kontext unvermeidlich. Dazu kamen Kompositionen von Klaus Lang, Nina ­Fukuoka, ­Anna-Louise Walton und ein die Geduld arg strapazierendes Stück des Ensembleleiters Arash Yazdani, zu dem er selbst zutreffend schreibt: »Die Musik bewegt sich in viele Richtungen, führt auch mal nirgendwohin.« Allzu oft würden mikrotonale Cluster lediglich als Kolorit verwendet, wo in Habas System doch das Potential läge, das gewohnte Hören aus den Angeln zu heben.

Auch wenn Konzerte mit komponierter Musik das Rückgrat des Musikprotokolls bilden, öffnet sich das von einem Kuratorenteam um Elke Tschaikner vom ORF programmierte Festival seit Jahren weit in Richtung Klangkunst, Medienkunst und Improvisation. Neben dem Konzertsaal der Kunstuniversität ist der höhlenartige Dom im Berg der zentrale Aufführungsort. Die dortige Ambisonics-Anlage bespielten die Elektroniker Hüma Utku, KMRU und Gischt. Das Perkussionsduo Sulla Pelle setzte ebenso Akzente wie das Disson Art Ensemble aus Thessaloniki und das Grazer Ensemble Zeitfluss – die beiden letzteren mit bunten, von großen Qualitätsschwankungen geprägten Programmen (u. a. Loïc Destremau, Svetlana Maras, Isabel Mundry und Anselm Schaufler). Am Ende des langen Samstag abends vereinigten sich beide Ensembles mit dem London Contemporary Orchestra, um Phill Niblocks »Exploratory Project« aufzuführen – eine kompakte Klangballung, die nach 20 Minuten unvermittelt abbrach und das Publikum in die Grazer Nacht entließ.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton