Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Montag, 18. Oktober 2021, Nr. 242
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 12.10.2021, Seite 2 / Inland
Arbeitsbedingungen im Krankenhaus

»Wir bleiben eine gemeinsame Bewegung«

Berlin: Krankenhausbewegung erzielt mit Streiks erste Erfolge, ruft Gewerkschaften zur Solidarität auf. Ein Gespräch mit Karolina Habryka
Interview: Steve Hollasky
Demonstration_der_Be_71239990.jpg
Mehrere tausend Menschen demonstrierten am Sonnabend in Berlin für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen in den Kliniken

Für viele Menschen ist der Kampf der Beschäftigten von Charité, ­Vivantes und den Tochterfirmen beispielhaft. Was macht diese Auseinandersetzung so bedeutungsvoll?

Es wird um eine qualitativ gute und ethisch vertretbare Versorgung der Patientinnen und Patienten gekämpft, die wir seit Jahren in Deutschland nicht mehr ausüben können. Das Problem der Berufsflucht wird seit Jahren immer größer. Es geht darum, bei Unterbesetzung eine klare Konsequenz spürbar zu machen und den Arbeitgeber somit unter Druck zu setzen, aktiv solchen Situationen durch eine bessere Mindestbesetzung vorzubeugen. Bei Unterschreitung dieser Besetzung, also der konkreten Auslösung von Belastung, soll es Entlastung in Form von Freizeitausgleich geben. Die Krankenhausbewegung wird hoffentlich bundesweit eine Welle auslösen. Wir hoffen, dass die Kolleginnen und Kollegen in anderen Kliniken sehen, dass wir etwas ändern können und nicht unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen. Es lohnt sich zu kämpfen. Den Beruf aufzugeben, ist nicht die einzige Lösung. Wir bieten hier eine Lösung an, die dieses Problem nicht nur stoppen würde, sondern den Beruf auch wieder attraktiv macht.

Bei der Charité wurde ein Eckpunktepapier unterschrieben, der Streik dort ausgesetzt. Hat das Auswirkungen auf die Streikenden von Vivantes und den Vivantes-Töchtern?

Für uns ist das positiv, denn es zeigt: Es ist möglich, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und einen Entlastungsvertrag abzuschließen. Sicher gerät die Vivantes-Leitung jetzt unter Druck. Denn wenn sie sich weiterhin nicht bewegt, wird es eine Personalflucht in bessere Arbeitsbedingungen geben. Wir kämpfen dafür und werden dort als Gesundheits- und Krankenpfleger arbeiten, wo weder die Gesundheit der Patienten noch die des Personals gefährdet wird. Wir sind immer noch geeint und bleiben eine große gemeinsame Bewegung. Die Beschäftigten der Vivantes-Töchter haben weiterhin unsere uneingeschränkte Solidarität und Stärke an ihrer Seite. Wir lassen uns nicht spalten und kämpfen gemeinsam – bis alle Tarifabschlüsse erreicht werden. Es kann nicht sein, dass Gesetze, die bereits 2018 beschlossen wurden, nicht umgesetzt werden und viele weiterhin unter Mindestlohn arbeiten.

In einem Aufruf fordert ein Kreis von Kolleginnen und Kollegen, dass Verdi und andere DGB-Gewerkschaften Solidarität für den Kampf organisieren sollen. Was verlangen Sie konkret?

Wir fordern von Verdi und den Einzelgewerkschaften zum Beispiel die Organisation von Demonstrationen, Flyeraktionen und Aufklärung über unsere Forderungen. Die Problematik muss im Gesundheitswesen, in der Bevölkerung und in der Politik als gravierendes Problem erkannt werden. Wir sind jetzt bereits seit über 30 Tagen im Streik, das ist ein Skandal! Im Grunde fordert unser Streik doch nur, dass wir keine Menschen mehr gefährden müssen. Ich bin immer wieder erschrocken darüber, dass die Dringlichkeit dieser Situation nicht erkannt oder ernstgenommen wird. Es denken anscheinend viele, es wäre ein Selbstläufer. Aber so ist es nicht.

Wenn die Bahn bundesweit streikt, bekommt das jeder mit, weil viele Menschen davon betroffen sind. Unsere Lage ist leider eine andere. Unsere Überlastung kann tödliche Folgen haben. Bei uns heißt es nicht: »Ich bin drei Stunden zu spät gekommen wegen des Bahnstreiks«, sondern: »Meine Mutter ist verstorben, weil über drei Stunden keiner gesehen hat, dass sie keine Luft bekommt«.

Wenn die Pflege jetzt nicht gehört wird, dann wird es in naher Zukunft keine funktionierende Pflege mehr geben. Das ist keine Drohung, sondern eine Tatsache. Dieses Problem ist nicht auf eine Region beschränkt, sondern betrifft die gesamte Bundesrepublik.

Wie sind die Reaktionen auf Ihren Aufruf?

Viele waren bereits an unserer Seite und haben uns stark unterstützt. Viele gingen bisher wohl davon aus, dass unsere Forderungen bereits Gehör finden und wir bei so einer prekären Situation von den Arbeitgebern und der Politik ernstgenommen werden. Bisher habe ich eine große Bereitschaft zur Unterstützung verspürt, doch leider machen wir auch die Erfahrung, dass unser Anliegen anscheinend noch nicht genug Gehör findet.

Karolina Habryka ist Teamdelegierte in der Krankenhausbewegung und arbeitet seit 18 Jahren als Pflegekraft

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

Die Buchlesewoche der Tageszeitung junge Welt vom 20. bis 23. Oktober. Alle Infos hier!