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Aus: Ausgabe vom 13.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Folk

Im Tal der Elefanten

Der schwedische Songwriter José González entdeckt Schönheit auch da, wo sie sich verborgen hält
Von Hannes Klug
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Manchmal wird es auch karibisch: José González

José González ist in den vergangenen sechs Jahren viel spazierengegangen, so könnte man zumindest aus Titel und Cover seines neuen Albums schließen. Ein blauer Bach windet sich darauf durch eine Landschaft, die nur als schwarze Silhouette existiert, während sich Tiere und Pflanzen in naiv-bunter Malerei davon abheben, rosa Wolken um einen Berggipfel kreisen und daneben ein großer orangefarbener Mond am Himmel steht. Sieht es so aus, das »Local Valley« seines Heimatorts in der Nähe von Göteborg, ohne die Elefanten natürlich? Oder bewegen wir uns von Anfang an in einem Reich der Phantasie? Vielleicht ist das Lokale auch immer schon universell, halb Skandinavien, halb Afrika. Das dunkle Tal, das wir alle irgendwann durchwandern, endet zwangsläufig irgendwo.

Der schwedische Liedermacher mit argentinischen Wurzeln, der auf englisch singt, hat mit seinem Debüt »Veneer« 2006 sofort seinen eigenen unverkennbaren Sound etabliert – mit entspanntem Fingerpicking und einer sanften Stimme, die klingt, als wollte sie alle und alles miteinander versöhnen. So einfach sind die Dinge freilich nicht, sonst wäre González nicht ein solcher Solitär. Nach einem kurzen Ausflug in sinfonische Gefilde hat er sich jetzt für sein erstes Album nach »Vestiges & Claws« von 2015 so viel Zeit gelassen, dass man befürchten konnte, er habe sich womöglich etwas Neues ausgedacht. Das ist zwar nicht ganz falsch, geschieht jedoch in so überschaubarem Rahmen, dass schon die ersten gezupften Gitarrentöne unmissverständlich an vertraute Klänge anknüpfen. Da macht es auch nichts, dass der Sänger das erste Stück »El Invento« in spanischer Sprache vorträgt, die sich mindestens genauso gut wie das Englische eignet, wenn es darum geht, sich wohlig in die harmonischen, manchmal aber auch zyklisch mahlenden Phrasen hineinzufinden, die so ein José-Gonzalez-Album durchziehen und strukturieren.

In der Zwischenzeit ist González vom einzelgängerischen Barden zum Familienmenschen gereift. Er ist Vater zweier Kinder, von denen eines Pate für den Song »Lilla G« stand, das andere der Adressat der Nonsenslyrik im gleich darauf folgenden »Swing« (»Swing, swing, swing your belly, baby«) ist. Wer mag, kann das Stück auch als eine Aufforderung zu enthemmtem Tanzen verstehen. Bei diesen beiden Songs zeigt sich, wie sich das virtuose Gitarrenspiel von José González praktisch jedem Vorbild anverwandeln kann – in diesen Fällen den leichten, flirrenden und lebensfrohen Klängen des westafrikanischen Highlife.

Die Auskopplung »Head On« wiederum ist für die Verhältnisse dieses introvertierten Sängers geradezu unerhört konfrontativ: Er lenkt sein vage spirituelles Sendungsbewusstsein um ins materielle Diesseits, wenn er sich hier freizügig an der Protestlyrik der Afrobeat-Legende Fela Kuti bedient: »Rent seekers / Value extractors / Corrupt oligarchs / Power snatchers«, klagt er an und fordert: »Forget your miracles / Forget your god / Join forces and deal with it head on.« Dass er derart nach vorne geht, ist man von José González eher nicht gewohnt, aber dieser Song bildet mit den vorhergehenden Liedern »Void« und »Horizons« eine fast epische Dreierreihe . Eine lineare Abfolge beschreibt das zähe Auftauchen aus Apathie und alles verschlingender Leere und anschließend das Versprechen, das einem hoffnungsvollen Blick zum Horizont innewohnt, bevor, Kopf voraus, der Aufbruch zu neuen Zielen folgt.

Einen Weggefährten hat González dann aber doch noch in seine Ein-Mann-Band aufgenommen: einen Drumcomputer, der ihm vor allem für die zweite Hälfte des Albums Gesellschaft leistet. Das geschieht jedoch so dezent, dass es nicht zu ernstlicher Verstörung taugt. Manchmal wird es karibisch, manchmal aber auch einfach nur ein wenig rhythmischer, weltlicher und weniger ätherisch. Zwei der Texte auf »Local Valley« (das entsprechende Stück auf der Platte trägt übrigens dann den spanischen Titel »Valle Local«) singt José González auf schwedisch, »Tjomme« und »En Stund på Jorden«, ein Cover der iranisch-schwedischen Sängerin Laleh, von dessen ungestümer Orchestrierung in dieser Version nur zart gehauchte Töne übrigbleiben. So ist das mit José González: Er entdeckt Schönheit auch da, wo sie sich verborgen hält und auf den ersten Blick nicht zeigen will, und breitet sie daraufhin im Überfluss aus.

José González: »Local Valley« (City Slang)

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