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06.10.2021, 15:55:34 / Ausland

Kleingerechnet: Die Kosten des Afghanistan-Kriegs

Schätzungsweise bis zu 51 Milliarden Euro statt der offiziellen 17,3 Mrd: Über die wahren Kosten des Bundeswehr-Einsatzes
Von Joachim Guilliard
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Berücksichtigt man alle Nebenausgaben, war der deutsche Einsatz in Afghanistan weit teurer als vom Staat angegeben (Bundeswehrflugzeug in Kunduz, 24.5.2012)

Nach Angaben der Bundesregierung kosteten der knapp 20 Jahre dauernde Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und die parallel verfolgten Entwicklungsprojekte mehr als 17,3 Milliarden Euro, wobei der weitaus größte Posten auf das Militär entfällt. Im Verhältnis zu dem von den USA für den Krieg am Hindukusch offiziell bereitgestellten Budget von 933 Milliarden US-Dollar klingt der deutsche Anteil recht bescheiden.

Nach den Berechnungen des »Costs of War Project« an der Brown University in Boston betragen die tatsächlichen Kosten allerdings mehr als das Doppelte. Indem die Wissenschaftler auch weitere kriegsbedingte staatliche Ausgaben und die bisherigen Versorgungskosten für Verwundete, Kriegsversehrte und Veteranen einbeziehen, kommen sie auf Gesamtkosten von 2.261 Milliarden US-Dollar. Nicht berücksichtigt sind hierbei makroökonomische Auswirkungen, wie sie etwa der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und seine Ko-Autorin Linda Bilmes in ihrem Buch »Die wahren Kosten des Krieges – Wirtschaftliche und politische Folgen des Irak-Konflikts« von 2008 in die Berechnung der Kosten mit einfließen ließen und so bereits für die ersten fünf Jahre des Irakkrieges Kosten in Höhe von drei Billionen Dollar berechneten.

Analoge Berechnungen für die deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan über die gesamten 20 Jahre gibt es bisher nicht. Eine Studie von Tilman Brück, Olaf J. de Groot und Friedrich Schneider für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vom Mai 2010 legt aber nahe, dass auch die tatsächlichen Kosten des bisher blutigsten deutschen Militäreinsatzes ein Mehrfaches der offiziell ausgewiesenen betragen. Während die Bundesregierung das offizielle Kriegsbudget für das Jahr 2010 mit 1.059 Millionen Euro bezifferte, kamen die Studienautoren, indem sie ‒ ähnlich wie das »Costs of War Project« ‒ weitere kriegsbedingte Kosten berücksichtigten, auf zweieinhalb bis drei Milliarden Euro. Sie betonen dabei, dass ihre »Schätzungen äußerst konservativ sind«.

Für den Fall, dass der Einsatz 2011 endet, schätzten sie im Jahr 2010 die gesamten Kosten für die ersten zehn Jahre Krieg auf 18 bis 33 Milliarden Euro. Im als realistischer angesehenen Szenario eines schrittweisen Abzugs deutscher Truppen ab 2013 prognostizierten sie Kosten in Höhe von 26 bis 47 Milliarden, bei einer Ausweitung des Engagements sogar weit über 50 Milliarden Euro. Auch hier blieben makroökonomische Auswirkungen ebenso unberücksichtigt wie die »nicht-finanziellen Kosten, wie durch den Krieg verursachte ökologische oder kulturelle Schäden«.

Legt man das Verhältnis der offiziellen zu den realistischen Kosten aus dem Jahr 2010 zugrunde, die ungefähr auch dem von dem »Costs of War Project« für die USA berechneten Verhältnis entsprechen, so liegen die Gesamtkosten des deutschen Einsatzes in Afghanistan schätzungsweise zwischen 43 und 51 Milliarden Euro.

In der Ausgabe der jungen Welt vom Donnerstag, den 7. Oktober, wird zum Thema der Kriegskosten ein ergänzender Kommentar von Jörg Kronauer abgedruckt.

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