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Aus: Ausgabe vom 09.10.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Heiße und kalte Enteignung

Von Arnold Schölzel
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Als einen »seltsamen Artikel« bezeichnete Arno Orzessek in der DLF-»Kulturpresseschau« am vergangenen Sonntag einen Text der Berliner Journalistin und Schriftstellerin Mirna Funk. Sie hatte für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 28. September »Notizen aus der Wahlnacht« aufgeschrieben. Funk berichtet darin von Unwohlsein, das sie ergriffen habe, als sie in Berlin beim Wahlanstehen einen Zettel, auf dem sie das Wort »Enteignung« ausmachte, in die Hand gedrückt erhielt: Ihr sei »heiß und kalt« geworden, sie habe eine »meiner Panikattacken, die ich schon 25 Jahre als Souvenir meiner Third Generation Identity mit mir schleppe«, bekommen. Sie meint, im Gegensatz zu den 56,4 Prozent Berlinern, die für den Entscheid gestimmt hatten.

Die SZ-Leser erfahren: Bis zu Funk ist nicht gedrungen, dass in kapitalistischen Gesellschaften tagtäglich ökonomisch Schwächere enteignet werden. Das Wort taucht u. a. deswegen sogar im Grundgesetz auf, weil bei dessen Verabschiedung 1949 der Zusammenhang von Monopolkapital und Faschismus Allgemeingut war. Bei Funk ist das anders. Sie folgt jener Wortmagie, nach der Wörter die Realität sind, die sie sich vorstellt. Sie ist Mitstreiterin in der linguistischen Massensportbewegung, Wörter, Begriffe, wissenschaftliche oder künstlerische Texte unabhängig von Bedeutung, Inhalt oder Qualität ins selbst fabrizierte Moralin zu tunken und in diesem Fall die Vokabel »Enteignung« zum »Allerfuckingletzten« zu erklären. Das reicht, um in der SZ folgendes über die Befürworter des Volksentscheids veröffentlichen zu dürfen: »Die schienen so richtig gute Laune bei dem Wort bekommen zu haben, ohne dass sie an die deportierten Juden denken mussten, denen die Nazis ihre Besitztümer genommen hatten, um sie zu Schnäppchenpreisen auf sogenannten Judenauktionen zu versteigern. Ich möchte nicht wissen, wie viele von den Enteignungsfanatikern nach der Wahl auf ihr vom Flohmarkt ergattertes Sofa geplumpst waren, das man Juden vor 80 Jahren genommen hatte.« Es müsse »einer völligen Geschichtsvergessenheit geschuldet sein und einem autoritätsdurchtränkten Begehren nach dem Besitz anderer«, dass keinem der »Möchtegern-Gerechtigkeitskämpfer das Mittagessen hochgekommen« sei. Funk wird ihr Mittagessen wohl bei sich behalten, wenn in Berlin mal wieder eine Zwangsräumung ansteht, weil die Rendite von Vonovia oder Heimstaden nicht reicht. Ist ja keine Enteignung.
DLF-Kommentator Orzessek fragte, ob Funk den Unterschied zwischen Nazi-Enteignung und heutiger, mit satten Entschädigungen verbundener, begriffen habe. Er hatte übersehen, dass die für seinen Sender arbeitende Journalistin Anja Nehls da auch keine Unterschiede macht. Sie hatte bereits am 21. September auf DLF Kultur geklagt: »Allein der Begriff ›Enteignen‹ macht mir angst. Geschichtlich gesehen ist dabei nämlich selten etwas Gutes herausgekommen. Russland enteignet nach der Revolution die gesamte Bourgeoisie, die Nazis jüdisches Eigentum und die DDR Grund und Boden. Enteignungen sind für demokratisch denkende Menschen der Anfang vom Ende.« Was macht Nehls da bloß mit den von der Großen Französischen Revolution von 1789 in Gang gesetzten Besitzveränderungen bei Adel und Klerus? Und erst die armen Hohenzollern seit 1918. Und die Landesverfassung Hessens, in der seit 1946 steht, dass Industrie, Banken und Großgrundbesitz »Gemeineigentum« sein sollen. 2018 wurde das per Referendum bestätigt – Ende der Demokratie.
Ist es. Denn »Gemeineigentum« liefert keine »Identität«. Wer »Enteignung« sagt, bleibt nach Funk und Nehls daher Antisemit und/oder Bolschewist. So schließen sich ideologische Kreisläufe.

Funk wird ihr Mittagessen wohl bei sich behalten, wenn in Berlin mal wieder eine Zwangsräumung ansteht, weil die Rendite von Vonovia oder Heimstaden nicht reicht. Ist ja keine Enteignung.

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