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Aus: Ausgabe vom 08.10.2021, Seite 1 / Titel
Spekulationsgeschäfte

Konzerne außer Kontrolle

Vonovia sichert sich Mehrheit an Deutsche Wohnen. Shortseller Fraser Perring zwingt Aktienunternehmen Adler-Group in die Knie
Von Simon Zeise
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Bürotürme zu Mietwohnungen: Spekulanten auf dem Immobilienmarkt gehören enteignet (Berlin, 23.5.2021)

Auf dem Immobiliensektor in Deutschland tummeln sich Spekulanten wie Ameisen. Und das Geschäft blüht: Am Donnerstag verkündete Branchenprimus ­Vonovia, mehr als 60 Prozent der Aktien des Konkurrenten Deutsche Wohnen (DW) erworben zu haben. Damit entsteht ein europäischer Immobilienriese mit mehr als 550.000 Wohnungen. Die Übernahme soll 2023 abgeschlossen sein. »Hier entsteht Europas größter Wohnungskonzern, und das Kartellamt schaut zu. Die Rechnung dieser Übernahme bezahlen die Mieterinnen und Mieter«, kritisierte die Bundestagsabgeordnete Caren Lay (Die Linke).

Wo viel Geld in Umlauf ist, gedeihen krumme Geschäfte. »Tricks bei der Bewertung von Immobilien sind ein weitverbreitetes Problem«, sagte Christoph Trautvetter vom »Netzwerk Steuergerechtigkeit« am Donnerstag gegenüber jW. Es gebe genug Fälle, die zeigten, dass unabhängige Experten die Bewertung abgeben, die vom Auftraggeber gewünscht seien, und Wirtschaftsprüfer das nicht ausreichend hinterfragen.

Den trüben Sektor, in dem Geldwäsche an der Tagesordnung ist, sollte eigentlich eine Spezialeinheit beim Zoll, die Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen (FIU), durchleuchten. Der verantwortliche Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) prahlte schon mit Erfolgen: »Wir haben mehr hingekriegt in den letzten drei Jahren als in den letzten 30 Jahren.« Doch Anfang September stellte die Osnabrücker Staatsanwaltschaft den Laden auf den Kopf, weil zahlreichen Verdachtsmomenten nicht nachgegangen worden war.

Wenn Behörden pennen, müssen andere übernehmen: Shortseller Fraser Perring, der mit umfassenden Recherchen bereits den Milliardenbetrug von Wirecard aufdeckte, zielt auf einen dicken Fisch in der Branche: In einem 61seitigen Dossier unter dem Titel »Bond-Bösewichte« hat er es auf die Adler-Group abgesehen. Der auf Luxuswohnungen spezialisierte Immobilienentwickler verfügt über ein Portfolio, das rund 114 Milliarden Euro schwer ist. Die Adler-Group sei eine »Brutstätte für Betrug, Täuschung und finanzielle Falschdarstellung«, erklärte Perring am Mittwoch. Das Kerngeschäft des Managements sehe vor, besser kapitalisierte Unternehmen zu kaufen, ihnen Schulden aufzuladen und über verschleierte Transaktionen mit nahestehenden Personen Geld abzuzweigen. Die Immobilien seien enorm überbewertet; eine Abschreibung in Höhe von 2,36 Milliarden Euro notwendig. Alle Beteuerungen des Immobilienriesen, es handele sich um bloße »Unterstellungen«, halfen nichts: Der Aktienkurs des im SDax notierten Konzerns brach um 30 Prozent ein.

Für Perring ist klar: »Auf jeden Fall haben Personen bei der Finanzaufsicht geschlafen«, sagte er am Donnerstag gegenüber jW. »Das Geschäft der Adler-Group ist so sehr verwoben mit anderen Unternehmen, dass die Wirtschaftsprüfer viel genauer hätten hinsehen müssen.« Es handele sich um denselben Wirtschaftsprüfer, die Agentur Ebner Stolz, der bereits die insolvente Greensill-Bank betreut hatte. Das Geldhaus hatte mit überdurchschnittlichen Renditen geworben, die es durch die Absicherung von internationalen Kreditverträgen erwirtschaften wollte. Im März dieses Jahres war das Schneeballsystem zusammengebrochen. Großbanken wie die Schweizer UBS mussten Milliarden abschreiben. In Deutschland blieben mehrere Kommunen auf Schuldenbergen sitzen. Und wie bei der Greensill-Pleite seien Forderungen auf andere Unternehmen übertragen worden. »Zufälle geschehen nicht oft im Leben«, findet Perring.

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  • Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg (11. Oktober 2021 um 11:39 Uhr)
    Es wird so bleiben, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und so ist es auch bei den Immobilienhaien und -konzernen! Wenn eine Übernahme nicht so einfach gelingt, dann werden halt Aktien gekauft, und so wird es eine schleichende Übernahme geben, wo das Bundeskartellamt kein Veto mehr einlegen kann. Aber das Interesse vom Bund, diesem Treiben von Vonovia, Deutsche Wohnen und Co. ein Ende zu setzen ist sowieso gering! Und ob sich da auf langfristiger Basis was ändert, ist mit Sicherheit zu bezweifeln, es lebe die Rendite und der Gewinn diverser Unternehmen!