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Aus: Ausgabe vom 07.10.2021, Seite 16 / Sport
Reitsport

Reiten für alle

Wer sich richtig auf den Sport einlässt, fertigt seine Pferde selbst: das Hobby Horsing
Von Gabriel Kuhn
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Um Hindernisse mit einem Steckenpferd bewältigen zu können, bedarf es Training – Ruska Mäkeläinen bei einer Hobby-Horsing-Konkurrenz in Rauma, Finnland (24.10.2020)

Man könnte es für einen Scherz halten: Junge Menschen, die auf Steckenpferden über Hindernisse springen. Und nicht nur das. Dressurreiten steht auch auf dem Programm. Doch ­»Hobby Horsing«, wie die Aktivität nach dem englischen Wort für »Steckenpferd« genannt wird, ist ein Sport – mit Verbänden, Turnieren, Trainern und Punktrichtern.

Der Ursprung des Hobby Horsing liegt in Finnland. Vielleicht keine Überraschung, wenn man bedenkt, dass in Finnland auch die jährlichen Weltmeisterschaften im Luftgitarrespielen und im Handyweitwurf abgehalten werden (der Weltrekord liegt bei beachtlichen 110,42 Metern).

Hobby Horsing begann als Subkultur beinahe ausschließlich weiblicher Teenager. Der Sport lässt sich auch als das beschreiben, was in linken Begriffen ein »feministischer Freiraum« ist. Die heute 24jährige Alisa Aarniomäki ist eine Galionsfigur des Sports. Im Jahr 2017 erklärte sie Reportern der Associated Press: »Ich denke, dass Hobby Horsing feministisch ist. Mädchen können dort frei sein. Es gibt keine Jungs, die ihnen sagen, was sie tun sollen.«

Der beißt auch mal

Das Jahr des internationalen Durchbruchs des Hobby Horsing war 2017. Einen wesentlichen Anteil daran hatte der preisgekrönte Dokumentarfilm »Hobbyhorse Revolution« der finnischen Filmemacherin Selma Vilhunen. Vier Jahre zuvor war ihr Kurzfilm »Muss ich mich um alles kümmern?« für einen Oscar nominiert worden. Auch für Vilhunen war die feministische Komponente entscheidend: »Mädchen dürfen stark und wild sein, in einem Alter, in dem die Gesellschaft erwartet, dass sie zurückhaltend sind.«

Das Hobby Horsing zieht eine Vielfalt weiblicher Teenager an. Oft sind junge Mädchen darunter, die sich sonst, wie Elsa Salo in Vilhunens Film, als Außenseiterinnen sehen. In einem Hobby-Horsing-Feature in der New York Times vom 24.4.2019 sagte die elfjährige Fanny Oikarinen: »Die normalen Sachen, die normale Mädchen mögen, das sind nicht meine Sachen.«

Neben Sport und Subkultur ist Hobby Horsing auch eine Phantasiewelt. Die Steckenpferde haben nicht nur Namen wie »Chattanooga Choo Choo« oder »Haters Gonna Hate«, ihnen werden auch eigene Persönlichkeiten zugeschrieben. In einem Bericht des Hessischen Rundfunks über eine Hobby-Horse-Gruppe in Frankfurt-Kalbach vom 18.5.2021 klärte die elfjährige Clara das Fernsehteam über ihre Hengste auf: »Man kann den hier nicht lockerlassen, weil, dann macht er, was er will, und rennt auch mal weg. Und dann habe ich noch einen, der ist irgendwie so richtig aggressiv und beißt dann auch ganz gerne mal.«

Bissl Linksgalopp

Der sportliche Aspekt geht freilich nicht verloren. Hindernisse von über 140 Zentimetern Höhe werden bei Hobby-Horse-Turnieren überquert. Um das mit einem Steckenpferd zwischen den Beinen bewältigen zu können, bedarf es ordentlichen Trainings. Auch konventionelle Reitervereine haben dies mittlerweile erkannt. Einige inkludieren Hobby-Horse-Kurse in ihre Ausbildung. Dazu gehört der Reitverein Gaildorf in Baden-Württemberg. Reitlehrerin Nadine Seibold meinte im Südwestdeutschen Rundfunk, dass die Teilnehmerinnen vor allem lernen würden, den Takt zu halten. Eine Mutter zeigte sich beglückt darüber, dass ihrer Tochter ein Verständnis für Hufschlagfiguren und »ein bissle Linksgalopp und Rechtsgalopp« vermittelt bekäme.

Die Verbindungen zwischen dem offiziellen Reitsport und Hobby Horsing sind offensichtlich. Für manche Mädchen mag Hobby Horsing tatsächlich als Vorbereitung für herkömmliche Reitstunden dienen. Für die meisten ist es jedoch Ersatz. Hier kommt die Klassengesellschaft ins Spiel. Reiten bleibt ein Sport der Mittel- und Oberschicht. Es ist teuer. Ein Steckenpferd ist ab 25 Euro zu haben. Steckenpferde brauchen kein Futter, keinen Stall, keine kostenintensive Pflege. Hobby Horsing ist Reiten für alle.

Auch Tierschützer müssen sich keine Sorgen machen. Jüngst geriet der Reitsport bei den Olympischen Spielen in Tokio in Verruf, als die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu im Springreiten dem ihr zugelosten widerspenstigen Pferd mit der Peitsche zusetzte.

Das Zentrum des Hobby Horsing bleibt Finnland. Dort spricht man von mehr als 10.000 Ausübenden. Als Prinz William dem Land 2017 einen Besuch abstattete, erhielt er von Alisa Aarniomäki gefertigte Steckenpferde als Geschenk für seine beiden Kinder. Die Pferde waren vom finnischen Außenministerium in Auftrag gegeben worden. Der Prinz zeigte sich »gerührt«.

Das Hobby Horsing reicht mittlerweile jedoch über die Grenzen Finnlands hinaus. Es gibt mehr als ein Dutzend nationaler Verbände. In Deutschland listet die Website ­hobby-horsing-deutschland.de neben drei Büchern zum Thema beinahe 40 Vereine auf.

Nähen und Basteln

Vor allem in Finnlands Nachbarland Schweden hat sich Hobby Horsing fest etabliert. In Stockholm arrangiert »Stockholm Käppis« Springreitturniere, bei denen Interessierte auch probereiten können (»Käpphäst« ist das schwedische Wort für Steckenpferd). Zu den Gründerinnen von »Stockholm Käppis« gehört die zehnjährige Blixa Stendin Puig, die im Gespräch mit jW erklärte, dass sie vor allem an den kreativen Aspekten des Hobby Horsing Gefallen findet, dem »Nähen und Basteln«. Wer sich richtig auf den Sport einlässt, fertigt seine Pferde selbst.

Dass die Hobby-Horsing-Szene und ihre Aktivitäten fest in der Hand der Jugendlichen sind, bestätigten Blixas Eltern. Anna Andie Stendin meinte, gelegentlich beim Transport der Steckenpferde zu den Veranstaltungsorten zu helfen. Ansonsten haben Erwachsene mit den Events kaum etwas zu tun. Kommuniziert wird in der Szene, wenig überraschend, über Social Media.

Was aus Hobby Horsing wird, wenn es populär genug ist, um kommerziell verwertbar zu sein, wird sich zeigen. Im Moment stehen Gemeinschaft, Kreativität und Spaß im Vordergrund. Dazu werden Selbstvertrauen und persönliche Entwicklung gestärkt. Es mag einfach sein, sich über Hobby Horsing lustig zu machen. Doch die sozialen Werte des Sports kommen darin stärker zum Ausdruck als in vielen der Spektakel, die uns sonst im Namen des Sports so vorgesetzt werden.

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