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Aus: Ausgabe vom 07.10.2021, Seite 15 / Medien
Streit um WDR-Moderatorin

Doppelte Standards

Fall Nemi El-Hassan: Antimuslimische Ressentiments in Romanform fallen unter Kunstfreiheit. Israelkritische »Likes« nicht geduldet
Von Kristian Stemmler
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»Persona non grata«: Nemi El-Hassan

Im Deutschland der Zukunft hat eine ganz andere Diktatur begonnen. »›Wollt Ihr absolute Diversität?‹, schreit ein junger Mann mit Vielfaltsmerkmal ins Megaphon. ›Ja!‹, skandiert die Menge, klatscht und jubelt.« Mit diesen Worten, die auf Joseph Goebbels’ Sportpalastrede von 1943 anspielen, beginnt der Roman von Constantin Schreiber »Die Kandidatin«. Ein reißerisches Machwerk, das den Roman »Unterwerfung« des Franzosen Michel Houellebecq zum Vorbild hat. Schreiber skizziert in seinem Buch eine feindliche Übernahme Deutschlands durch Muslime, die zu einer Art »Diktatur der Diversität« führt. »Der Roman strotzt vor Ressentiments«, schrieb die Taz, als das Buch im Juni herauskam.

»Die Kandidatin« wäre vermutlich von den Feuilletons als Schundliteratur bewertet und keiner Zeile gewürdigt worden, wenn der Autor nicht in einer anderen Rolle bekannt wäre. Constantin Schreiber ist seit Januar 2017 bei ARD-aktuell tätig und moderiert Ausgaben der »Tagesschau« und des »Nachtmagazins«. Ihm ist vergönnt, was der deutsch-palästinensischen Journalistin und Medizinerin Nemi El-Hassan jetzt vom WDR verwehrt worden ist: bei einem Sender der ARD vor der Kamera zu stehen. Ein Vergleich des Vorgehens in der »Affäre El-Hassan« mit dem im »Fall Schreiber« sagt viel aus über Doppelstandards bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und in den Medien insgesamt.

Zur Erinnerung: Mitte September wurde El-Hassan nach einer Kampagne von Bild und Bild TV (siehe jW vom 23. September) zur Persona non grata erklärt. Das Boulevardblatt hatte Bilder präsentiert, die die Journalistin 2014 auf der Al-Kuds-Demonstration in Berlin zeigten, die sich gegen die Politik Israels richtet und der regelmäßig »antisemitische Tendenzen« vorgeworfen werden. Dass sich El-Hassan von der Teilnahme an der Demo distanzierte, half ihr nicht. Der WDR, bei dem sie im November eine Stelle als Moderatorin des Wissenschaftsmagazins »Quarks« antreten sollte, entschied Ende September, dass sie die Sendung vorerst nicht moderieren wird.

Das Problem, so WDR-Intendant Tom Buhrow, sei weniger ihre Teilnahme an der Al-Kuds-Demonstration als vielmehr »problematische Likes«. Die Instagram-Likes, auf die Buhrow sich bezieht, hatte zuvor Bild »aufgedeckt«. Sie galten dem Account »Jewish Voice for Peace«, eine israelkritische Gruppe. Die Berliner Zeitung bezeichnete die Begründung des WDR zu Recht als abwegig. Die Forderungen der Gruppe würden »im deutschen Kontext« in die Nähe von Antisemitismus gerückt, ihre kritische Diskussion gelte etwa in der israelischen, palästinensischen oder amerikanischen Öffentlichkeit aber als relativ normal.

Während El-Hassan der Auftritt vor der Kamera verweigert wurde, ist Constantin Schreiber, dessen Buch von vielen Seiten massiv kritisiert und von Rechten bejubelt wurde, nach wie vor regelmäßig um 20 Uhr in der Tagesschau zu sehen. Das Buch sei ja »nur« ein Roman und Privatsache, hieß es bereits im Juni vom für die Tagesschau zuständigen Sender NDR. Auf Anfrage von jW bestätigte die NDR-Presseabteilung am Dienstag, dass diese Haltung weiter gilt: »Die schriftstellerische Tätigkeit von Herrn Schreiber ist getrennt von seiner Tätigkeit bei ARD aktuell zu betrachten und fällt unter die Kunstfreiheit«, heißt es in der Stellungnahme.

Der Vergleich der beiden Fälle zeigt vor allem eines: Wenn es um Israel geht und der Vorwurf von Antisemitismus im Raum steht, so abwegig er auch sein mag, reichen schon ein paar Likes, um einer anerkannten Journalisten die Tür zu weisen. Wenn jemand ein Buch mit Ressentiments gegen Muslime und Linke füllt, wird das vom Sender als Privatsache betrachtet, solange »Roman« auf dem Buch steht.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen ( 6. Oktober 2021 um 20:10 Uhr)
    Ja, nicht nur das, der Unterschied ist natürlich auch erstens: Constantin Schreiber ist ein deutsches Vorzeigeweißbrot und wird daher anders behandelt. Nemi El-Hassan ist halt Nemi El-Hassan, zwar auch Deutsche, für einen Großteil der Bevölkerung aber freilich keine richtige Deutsche (offen sagen trauen sich das natürlich die wenigsten, weil es allzu offen völkisch und rassistisch wäre). Zweitens: Schreiber »kritisiert« bzw. verleumdet den Islam und Progressivismus, das darf man, weil alles andere wäre ja eine unbotmäßige Einengung der Meinungsfreiheit. Wohingegen Israel und das mit ihm in der Regel gleichgesetzte Judentum eine heilige Kuh ist. Immerhin wäre sie fast Moderatorin im WDR geworden, darüber muss man schon froh sein im Jahr 2021. Glücklicherweise (also aus Sicht der Reaktionären und Traditionsbewahrer, die es nicht gern sehen, dass Menschen wie Nemi El-Hassan in der Öffentlichkeit zur Normalität zu werden drohen) hat der reaktionäre Mob aber einen perfekten Vorwand gefunden, denn beim Thema Antisemitismus geht es um Staatsdoktrin und um parteiübergreifende Einmütigkeit, von AfD bis in Die Linke hinein können sich da Leute einigen, wie abscheulich Antisemitismus ist (aus unterschiedlichen Gründen), daher ist das auch so ein Totschlagvorwurf, bei dem sich kaum einer zu widersprechen traut, weil er fürchten muss, sich dann ebenfalls dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt zu sehen, sollte man wagen, da eine kritische Bemerkung zu machen. Und so war es ja dann auch, es gab doch eine gemeinsame Erklärung von einigen Persönlichkeiten, die den Umgang mit Frau El-Hassan kritisiert haben und dafür selber als Antisemiten oder zumindest »Antisemitenversteher« denunziert wurden.
    Und: Praktisch ist das allemal, man kann es so hinstellen, als ginge es einem um die Solidarität mit Juden oder Israel, wo es der Mehrheit der »Empörten« letztlich doch eher um das Kopftuch und um ihre muslimische Identität bzw. ihre arabischen Wurzeln geht. Ihnen sind weniger Menschen jüdischen Glaubens wichtig als dass sie vielmehr Menschen mit muslimischem Glauben ablehnen.
    • Leserbrief von Oli P. aus Berlin ( 8. Oktober 2021 um 11:12 Uhr)
      Willkommener Denkanstoß! Ich finde es erschreckend, in welcher Gesinnungsblase sich Zeitungsredakteure heutzutage komfortabel eingenistet haben und ihr Klientel mit dem bedienen, was denen voraussichtlich gefällt. Hiervor sind auch Autoren renommierter Zeitungen, die auch als Fernsehautoren arbeiten, nicht gefeit. Was nicht gefällt, wird gnadenlos niedergemacht, bestenfalls ignoriert. Schwarzweißdenken par excellence. Beim Roman von Constantin Schreiber sind sich jedoch »Linksversiffte« und die »Ewiggestrigen« ausnahmsweise einig: Die im Roman beschriebenen Zustände gefallen keiner Seite. Am Roman wird kritisiert, dass die aufgegriffen Narrative nicht fiktional, sondern real sind. Der Romanautor ist daher als realer Rassist zu brandmarken und mit völliger Ablehnung zu bestrafen. Die anderen mögen diesen Roman gerade wegen der realen Bezüge, wenn auch zugespitzt beschrieben. Diese werden durch den Roman in ihren Denkmustern bestätigt. Diese Selbstbestätigung missfällt wiederum den anderen. Eine Streitkultur wie im Kindergarten ist unausweichlich. Das erschreckende hierbei ist, dass die Streitakteure nahezu allesamt eine hohen Bildungsgrad aufweisen, der hierbei offenkundig zu nichts nutze ist. Bei den Streitigkeiten fällt mir hierbei besonders auf, dass die Fraktion, die früher gegen jegliches Establishment war und alle Reiterstatuen vom Sockel zerrte, inzwischen selbst mit Reputationen als Glaubwürdigkeitsnachweis (quasi Beweismittel) arbeitet. Man sieht sich folglich selbst inzwischen in der Zentrale der Macht angekommen und kann sich entsprechendes leisten. Der Autor Christian Schreiber ist ein Nahostexperte, lebte und arbeitete lange Zeit dort, spricht selbst arabisch und entspricht somit nicht dem Abziehbild des dumpfen, minderbemittelten, hinterwäldlerischen autochthonen (Ost-)Deutschen, für den die öffentlichen Sendeanstalten ein linksversiffter, selbstgerechter Sauhaufen sind.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Berlin ( 7. Oktober 2021 um 19:38 Uhr)
      Perfekt formuliert. Danke für die Aufklärung.
    • Leserbrief von Christian Wemhöner aus Berlin ( 7. Oktober 2021 um 17:29 Uhr)
      Gerade bei diesem Thema gilt - ein Mindestmaß an politischem Bewusstsein und Geschichtswissen hilft. Ein arabischer Name und muslimische Religion sind keine Garanten für eine antifaschistische Gesinnung. Mit den Adjektiven »rassistisch«, »völkisch« oder »reaktionär« sollte man gerade hier sehr vorsichtig sein. Es waren die Nazis, die die ersten Islamisten nach Deutschland holten. Es gab eine muslimische Einheit der Waffen-SS, und das erste Islamische Zentrum in Deutschland wurde von einem ehemaligen Offizier (bosnischer Herkunft) der Waffen-SS gegründet. Islamismus und Faschismus sind Brüder im Geiste. Besonders die Muslimbrüder – die Erfinder islamischen Terrorismus – hatten eine große Nähe zu den Nazis. Organisationen und Verbände, die den Muslimbrüder nahestehen, sind aktuell aktiver denn je in Deutschland. Sie sind gebildet, haben eine Strategie. Sie sponsern Kunst und Kultur – Fußball übrigens auch, siehe Paris St. Germain. Katar ist das geistige und finanzielle Zentrum der Muslimbrüder. Und ganz so eindeutig, wie hier dargestellt, ist die Sache nicht mit Nemi El-Hassan. Da geht es nicht nur um eine antisemitische Al-Kuds-Demonstration oder Likes im Internet. Es lohnt ein Blick in ihren beruflichen Werdegang als Musikerin und Künstlerin. Da tauchen im Umfeld dann Organisationen auf, die im Verdacht stehen, den Muslimbrüdern nahezustehen. Natürlich gilt die Unschuldsvermutung für sie. Das Beispiel zeigt aber, dass der erste Eindruck nicht immer der Realität entsprechen muss. Und die Zuweisung »reaktionär« plötzlich eine ganze andere Bedeutung bekommt.

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