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Aus: Ausgabe vom 07.10.2021, Seite 4 / Inland
Antisemitismus in der BRD

Entschuldigung missglückt

Leipziger Hotel antwortete auf Antisemitismus-Anschuldigung mit zweifelhafter Reaktion
Von Annuschka Eckhardt
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Seltsame Symbolik: Die Mitarbeitenden des Leipziger Luxushotels »Westin« scheinen keine Unterscheidung zwischen dem Judentum und dem Staat Israel zu machen (Leipzig, 5.10.2021)

»Deutschland 2021« und »Ich bin gerade sprachlos«, sagte der Musiker Gil Ofarim auf einem Video, dass er am Dienstag abend auf der Plattform Instagram veröffentlicht hatte. Der Kinderstar aus den 90er Jahren sitzt darin auf den Stufen vor dem Leipziger Luxushotel Westin und trägt eine schwarze Lederjacke, ein Nasenpiercing und eine silberne Kette mit Davidstern-Anhänger. Vor der Aufnahme hatte er nach eigener Aussage im Foyer des Hotels angestanden, um einzuchecken. Da der Computer an der Rezeption kaputt gewesen sei, habe sich eine lange Schlange gebildet. Drei andere Gäste seien dem Sänger in der Schlange vorgezogen worden, wie der 39jährige in seinem Video berichtete, als er sich darüber beschwerte, habe es aus einer Ecke geschallt: »Packen Sie Ihren Stern ein«. Der Mitarbeiter an der Rezeption habe gesagt, wenn er »seinen Stern« einpacke, könne er einchecken.

Nach Bekanntwerden des Vorfalls versammelten sich am Dienstag abend Hunderte Menschen vor dem Leipziger Hotel, das zur US-amerikanischen Hotelkette Marriott International gehört, um sich solidarisch mit dem Sänger und gegen Antisemitismus zu zeigen. Das Bündnis »Leipzig nimmt Platz« hatte zu der Spontankundgebung aufgerufen.

Mitarbeitende des Hotels und dessen Manager reagierten auf die Demonstration mit einer zweifelhaften Geste: Sie traten auf den Vorplatz des Hotels und trugen ein großes weißes Banner, auf dem neben dem Namen des Hotels auch Flaggen des israelischen Staates und Halbmonde abgedruckt waren.

Warum die Zusammensetzung der Symbole auf dem Transparent des Westin-Hotels problematisch ist, erklärte Wieland Hoban, Mitglied im Vorstand des Vereins »Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost« am Mittwoch gegenüber junge Welt: »Die Gleichsetzung aller jüdischen Menschen weltweit mit einem Staat, der sich als jüdisch definiert und dieses Selbstverständnis durch ethnische Diskriminierung und Militärbesatzung umsetzt«, sei »ärgerlich und verletzend für alle, die diese Zuordnung ablehnen«. Es müsse möglich sein, jüdische Menschen zu unterstützen, ohne den Staat Israel ins Spiel zu bringen. Das führe außerdem zu »Feindseligkeit« gegenüber Jüdinnen und Juden aufgrund der »Handlungen und Politik Israels«, so Hoban im jW-Gespräch. Man sei es in der Bundesrepublik zwar gewohnt, dass Israel-Fahnen als Zeichen von Solidarität mit jüdischen Menschen angesichts von Antisemitismus gezeigt würden, wie auch auf dem von Angestellten des Hotels hochgehaltenen Banner. Doch eine sinnvolle Maßnahme im Kampf gegen Antisemitismus wäre es, diese Gleichsetzung zu unterlassen.

Wie am Mittwoch im Laufe des Tages bekannt wurde, hatte der rassistische Vorfall vielfältige Folgen. Das Management des Leipziger Westin-Hotels beurlaubte zwei Mitarbeiter. Die Staatsanwaltschaft prüfe die gegen den Mitarbeiter des Hotels erhobenen Vorwürfe, wie ein Sprecher der Anklagebehörde in der sächsischen Stadt mitteilte. Zugleich stellte auch der beschuldigte Hotelangestellte Anzeige wegen Verleumdung. Bis jW-Redaktionsschluss hatte sich das Hotel für den Vorfall nicht bei Ofarim entschuldigt.

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