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Aus: Ausgabe vom 07.10.2021, Seite 2 / Ausland
Politische Gefangene in der Türkei

»Gemeinsamen Erfolg für viele erkämpfen«

Solidaritätskampagne fordert Freilassung des türkischen politischen Gefangenen Ali Osman Köse. Ein Gespräch mit Sandra B.
Interview: Nick Brauns
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Auch im Silivri-Gefängnis in der Türkei sitzen Tausende politische Gefangene ein (Silviri, 15.3.2013)

Seit mehreren Monaten findet in der Türkei und anderen Ländern eine Kampagne für die Freilassung des politischen Gefangenen Ali Osman Köse statt. Wer ist Köse und warum setzen Sie sich für ihn ein?

Ali Osman Köse sitzt bereits seit insgesamt 37 Jahren als politischer Gefangener mit lebenslanger Haftstrafe in verschiedenen Gefängnissen der Türkei. Sein antifaschistischer und antiimperialistischer Widerstand reicht bis in die Jahre der Militärdiktatur nach dem Putsch von 1980 zurück. Er hat seine revolutionären Ideen unter allen Umständen verteidigt und sich jeglichem Unrecht und Unterdrückung widersetzt. Er ist ein Zeitzeuge des Faschismus und des Widerstands in Gefängnissen der Türkei. Köse ist einer von Hunderten, aber seine widerständige Geschichte, die Ungerechtigkeit, die ihm angetan wird sowie sein kritischer Zustand aufgrund unzureichender medizinischer Versorgung haben uns bewegt, diese internationale Kampagne aufzubauen. Es geht nicht nur um Solidarität mit einem einzelnen Gefangenen, sondern darum, einen gemeinsamen Erfolg für die vielen anderen zu erkämpfen. Von der Freilassung Köses würden auch andere kranke Gefangene profitieren, weil der politische Druck erhöht und die AKP-Regierung zum Handeln gedrängt würde.

Wie ist Köses Gesundheitszustand nach so langer Haft?

Ali Osman Köse wurde in den 90er Jahren in Polizeiwachen schwer gefoltert, erfuhr Langzeitisolation und überlebte mehrere Gefängnismassaker. All das hat schwerwiegende Auswirkungen auf seine Gesundheit. Er leidet an neurologischen Krankheiten, Kreislaufbeschwerden, Bluthochdruck, Hörverlust, Gleichgewichtsstörungen, Magenproblemen, Sehstörungen und hatte zuletzt sogar Nierenkrebs. Der mit der Kampagne international aufgebaute Druck auf die Behörden und die Leitung des Krankenhauses haben wohl Köses Leben gerettet; denn Ende Mai wurde endlich seine vom Krebs befallene Niere entfernt. Doch schon eine Woche nach der Operation wurde er wieder ins Tekirdag F-Typ Hochsicherheitsgefängnis Nr. 1 zurückverlegt. Dort stand nicht einmal für das Wechseln seines Wundverbandes ein Anstaltsarzt zur Verfügung. Die Bandage musste von seinem Mitgefangenen gemacht werden.

Wie ist generell die Lage erkrankter Gefangener in der Türkei?

Kranke Gefangene in der Türkei sind schlicht ihrem Schicksal überlassen, wenn sich niemand für sie einsetzt. Ansuchen auf ärztliche Kontrollen oder Routinebehandlungen werden oft verschleppt oder ignoriert. Neben den Justizbehörden spielt das gerichtsmedizinische Institut eine Rolle, dessen Beurteilung über Haftfähigkeit als Entscheidungsgrundlage dient. Es gibt rund 2.000 kranke Gefangene in der Türkei, 600 davon leiden unter ernsthaften Erkrankungen. Jährlich werden Dutzende Gefangene grausam ums Leben gebracht, indem ihre medizinische Versorgung im Gefängnis vernachlässigt wird, oder weil man ihnen – wie in Köses Fall – trotz ernsthafter Gesundheitsprobleme »Haftfähigkeit« bescheinigt.

Welche Aktivitäten finden im Rahmen der Kampagne statt?

Es gibt in der Türkei und in Europa wöchentliche Mahnwachen, Proteste vor Konsulaten der Türkei, regelmäßige Veröffentlichungen auf sozialen Medien, etc. An einem Solidaritätshungerstreik im Juni beteiligten sich 93 Menschen in 10 Ländern, um Freiheit für Ali Osman Köse zu fordern. Zuletzt wurden Hunderte Unterschriften an das gerichtsmedizinische Institut und das Justizministerium in der Türkei geschickt.

Der türkische Staat ist im Umgang mit Revolutionären schon häufig über Leichen gegangen. Ist es realistisch, dort auf Humanität zu hoffen?

Unsere Kampagne deckt einerseits auf, dass die AKP-Regierung die Rechte der Gefangenen mit Füßen tritt. Andererseits zeigt sie, dass wir durchaus fähig sind, diese legitime Forderung und die Stimme der kranken und politischen Gefangenen weit über die Grenzen hinweg hörbar zu machen. Der Kampf vermittelt, dass die Gefangenen niemals alleine gelassen werden. Solidarität ist immer eine Quelle der Hoffnung in Zeiten, in denen die Herrschenden sämtliche Mittel der Repression einsetzen, um die fortschrittlichen Kräfte zu schwächen.

Sandra B. ist Sprecherin der Freiheitskampagne für Ali Osman Köse in Wien

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