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Aus: Ausgabe vom 06.10.2021, Seite 12 / Thema
Internationalismus

Herz und Magen

Kuba und China erfreuen sich heute bester Beziehungen – während des Kalten Krieges aber herrschte Eiszeit
Von Marcel Kunzmann
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Chinesische Migranten gibt es in Kuba bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts – Veranstaltung der Escuela Cubana de Wushu anlässlich des 170. Jahrestages chinesischer Einwanderung (Havanna, 3.6.2017)

Zwischen Havanna und Beijing liegen mehr als 12.700 Kilometer. Das entspricht in etwa dem Durchmesser des Äquators. Um so erstaunlicher, dass nicht wenige Menschen in Kuba heute Nachnamen wie »Chen« oder »Wang« tragen. Kuba und China blicken auf eine fast zweihundertjährige gemeinsame Geschichte zurück, deren Anfänge bis in die Qing-Dynastie reichen. Nach einigem Hin und Her im Kalten Krieg befinden sich die Beziehungen der beiden sozialistischen Länder mittlerweile auf ihrem bisherigen Höhepunkt.

Besser als Sklaven

Am Ende des 18. Jahrhunderts lebten auf Kuba lediglich 200.000 Menschen. Jeder fünfte war ein Sklave, von denen die meisten in den Zuckerplantagen schuften mussten. Das Verbot des Sklavenhandels im spanischen Königreich ab 1820 stellte die kubanische Elite vor ein gewaltiges Problem: Ohne ständigen Zufluss billiger Arbeitskräfte bestand wenig Aussicht auf ein weiteres Wachstum der Plantagenwirtschaft. Das Verbot wurde von der Kronkolonie daher zunächst geflissentlich ignoriert.

Das änderte sich erst 1845, als sich Spanien in Folge eines neuen Abkommens mit Großbritannien zur Unterbindung des Sklavenhandels gezwungen sah, die Strafen drastisch zu verschärfen. Tatsächlich hatte sich die Sklaverei in der Perle des spanischen Kolonialreichs immer mehr zum Problem entwickelt: Zwischen 1841 und 1843 fanden auf Kuba mehrere Aufstände statt. Die Gefahr einer erfolgreichen Revolution wie im benachbarten Haiti wurde größer. Mit der Mechanisierung der Zuckerindustrie stieg zudem der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften, während die afrikanischen Sklaven in den Augen ihrer Herren als »nicht lernfähig« galten.

Experimente mit Lohnarbeitern aus Galizien und den Kanaren schlugen fehl, da sie sich als »schwer disziplinierbar« erwiesen. 1847 kamen die ersten 600 chinesischen Vertragsarbeiter in Kuba an. China war fünf Jahre zuvor mit dem Vertrag von Nanjing, der den Ersten Opiumkrieg beendete, gezwungen worden, sich für den Außenhandel zu öffnen. In der armen Landbevölkerung während der späten Qing-Dynastie fanden die kubanischen Plantagenbesitzer billige Arbeitskräfte als Ersatz für die afrikanischen Sklaven.

Chinesische Kulis, wie die Kontraktarbeiter genannt wurden, waren in der Regel auf acht Jahre gebunden. Sie mussten für ihren Patron sämtliche anfallenden Arbeiten verrichten – bis zu zwölf Stunden pro Tag auf dem Feld, im häuslichen Bereich oft länger. Neben ihrem Lohn erhielten sie Kost und Logis sowie zwei Kleidungsstücke pro Jahr. »Ich stimme dem vereinbarten Gehalt zu, obwohl ich weiß, dass die Gehälter von anderen freien Arbeitern und Sklaven auf der Insel Kuba deutlich höher sind«, heißt es in einem Standardvertrag, der angehenden Kulis vorgelegt wurde. Körperliche Züchtigung war die Regel. Einen Chinesen zu »kaufen« erwies sich für die kubanischen Großbauern als lukratives Geschäft: Mit Gesamtkosten von 720 Pesos waren sie auf zehn Jahre gerechnet kaum teurer im Unterhalt als ihre afrikanischen Kollegen. Lohnsklaven wurden so zum perfekten Ersatz für »echte« Sklaven.

Wie der kubanische Historiker Juan Pérez de la Riva erklärt, ist die chinesische Migration nach Kuba die mit Abstand am besten dokumentierte. Von den 124.000 Vertragsarbeitern, die bis 1874 auf der Insel eintrafen, sind nicht wenige geblieben. Etwa 2.000 von ihnen kämpften im Ersten Unabhängigkeitskrieg 1868 und 1878. Ein ihnen gewidmetes Denkmal in Havanna ziert die Inschrift: »Es gab nicht einen einzigen kubanisch-chinesischen Verräter oder Deserteur.« Bis in die 1920er Jahre wanderten weitere Chinesen in mehreren Wellen nach Kuba aus, die Community wuchs auf 700.000 Personen an. Neben Han-Chinesen waren vor allem Kantonesen aus Hongkong und Hakka (Provinz Guangdong) unter den Einwanderern. Chinesen stellten damit nach den Europäern und Afrikanern die drittgrößte Gruppe im kubanischen »Melting-Pot«. Sie gründeten Geschäfte, betrieben Restaurants und Kinos. Obwohl nur noch wenige Nachkommen chinesischer Migranten Mandarin oder Kantonesisch sprechen, ist Havannas Chinatown (span.: barrio chino) bis heute ein eindrucksvolles Zeugnis der chinesischen Einwanderung.

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Kuba und China reichen bis ins Jahr 1879 zurück, als das chinesische Kaiserreich ein Konsulat in Havanna eröffnete. Im September 1960 war Kuba das erste Land Lateinamerikas, das die international isolierte Volksrepublik China anerkannte. Doch nur wenige Jahre später ging die Freundschaft jäh zu Ende. Aber der Reihe nach.

Zwischen Moskau und Beijing

Mao war sich der Tragweite der kubanischen Revolution früh bewusst. Am 4. Januar 1959, vier Tage nach dem siegreichen Einzug der Rebellenarmee in Havanna, würdigte er die Guerilleros in einem Artikel des Parteiorgans Renmin Ribao (Volkszeitung) als nationale Befreiungsbewegung. Am 24. Januar fand in Beijing eine Kundgebung zur Unterstützung der kubanischen Revolution statt. Während seiner Reise durch verschiedene blockfreie Staaten suchte Che Guevara ab Sommer 1959 direkten Kontakt zu chinesischen Diplomaten. Im November 1960, zwei Monate nach Aufnahme der Beziehungen, brach er zum ersten Mal in offizieller Funktion nach China auf. Beijing reagierte zunächst zurückhaltend, gewährte jedoch einen Kredit in Höhe von 60 Millionen US-Dollar. Mao hoffte damals auf eine graduelle Transformation Kubas im Stile der neudemokratischen Periode der ersten Jahre der Volksrepublik. Die Sozialistische Volkspartei (PSP), aus der 1965 die heutige Kommunistische Partei Kubas (PCC) hervorging, sollte sich für eine breite Volksfront aus verschiedenen sozialen Klassen einsetzen und sich außenpolitisch zunächst auf Lateinamerika konzentrieren, anstatt das Bündnis mit den sozialistischen Staaten zu suchen. Doch es kam anders.

In Folge des gescheiterten Invasionsversuchs in der Schweinebucht verkündete Fidel Castro am 15. April 1961 auf einer Massenkundgebung den sozialistischen Charakter der Revolution. Ein Jahr später verhängten die Vereinigten Staaten ihre bis heute andauernde Wirtschaftsblockade gegen die Insel. Beim erneuten Besuch der kubanischen Handelsdelegation 1963 in China erklärte Premierminister Zhou Enlai, dass der gewährte Kredit als Entwicklungshilfe verstanden werden könne. »Es ist kaum zu glauben, dass solche Art von Krediten existieren: zinsfrei, ohne Fälligkeit und sogar ohne die Pflicht, sie zurückzuzahlen«, verkündete Zentralbankchef Che Guevara begeistert seinen Mitstreitern. Die Volksrepublik versuchte jetzt auf allen Gebieten mit der sowjetischen Wirtschaftshilfe zu konkurrieren, auch kubanischer Zucker wurde zum selben, weit über dem Weltmarktniveau liegenden Preis angekauft wie von Moskau. Nach dem verheerenden Hurrikan Flora im Herbst 1963 sandte China sofort Hilfsgüter.

Die Volksrepublik stieg mit einem Handelsvolumen von 224 Millionen US-Dollar bis 1965 zum zweitwichtigsten Handelspartner Kubas nach der Sowjetunion auf und teilte ihre technischen Erfahrungen auf dem Gebiet der Landwirtschaft und der Industrialisierung. Als der Leiter der Agrarreform, Carlos Rafael Rodriguez, über die anhaltenden Lebensmittelknappheit klagte, nutzte Chinas Gesandter Zhen Tao die Gelegenheit für einen Vorschlag: Kuba solle den Moment nutzen, seine Landwirtschaft weg von der Zuckerrohrmonokultur hin zum Anbau von Getreide umzustellen. Rodríguez beharrte demgegenüber auf dem sowjetischen Konzept der sozialistischen Arbeitsteilung, in dessen Rahmen Kuba durch seine Spezialisierung auf den Zuckerexport mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern versorgt wurde. Che Guevara, der ideologisch eher mit Mao denn mit Chruschtschows Sowjetunion sympathisierte und gerade dabei war, die Industrialisierung voranzutreiben, ließ gleichwohl chinesische Experten für Reisanbau ins Land.

Während der gesamten ersten Hälfte der 1960er Jahre manövrierte das neue Kuba stets im Spannungsfeld zwischen China und der Sowjetunion. Zu beiden versuchte die kubanische Führung gleichermaßen gute Beziehungen aufzubauen, stets in der Hoffnung, dass die ideologischen Gräben in nicht allzu ferner Zukunft überwunden sein würden. Das Gegenteil trat jedoch ein: Mao und Chruschtschow entfernten sich im Kampf um die Vorherrschaft innerhalb der kommunistischen Bewegung immer weiter voneinander. Che Guevara bezeichnete das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis 1963 als eine »traurige Entwicklung«, bei der »wir nicht versuchen zu analysieren, wer richtig oder wer falsch liegt«.

Während der »Großen Debatte« in den Jahren 1963 bis 1965 über die Frage, ob moralische oder materielle Anreize bei der Entwicklung der Wirtschaft im Vordergrund stehen sollten, trat Che Guevara für moralische Anreize ein. Er setzte sich mit seinem »Budgetfinanzierungsmodell« gegen Ernest Mandel, Charles Bettelheim und andere durch, welche die inzwischen dezentralisierter arbeitende sowjetische Wirtschaft präferierten. Mit dem »gleichzeitigen Aufbau von Sozialismus und Kommunismus« mittels der Schaffung des »neuen Menschen« durch harte Arbeit und ideologische Erziehung knüpfte Che Guevara nahtlos an Maos ökonomischen Voluntarismus an, mit dem dieser China Jahre zuvor im Rahmen des »Großen Sprungs nach vorn« in die Zukunft hatte katapultieren wollen und dabei kläglich gescheitert war. Fidel Castro, der sich nicht selbst in die Debatte einmischte, favorisierte Guevaras Ansatz. Die im März 1968 von ihm verkündete »revolutionäre Offensive« kann vor dem Hintergrund des »großen Sprungs« wie der Kulturrevolution verstanden werden. Erst in Folge des gescheiterten Kampfes um die Zehn-Millionen-Tonnen-Zuckerernte – trotz aller Mobilisierungen betrug die »Große Ernte« des Jahres 1970 am Ende nur 8,5 Millionen Tonnen – erfolgte eine Rückkehr zu sowjetischen Methoden der Wirtschaftslenkung.

Warum also der Bruch mit China? Der französische Journalist K. S. Karol beobachtete treffend: »Castros Magen ist in Moskau, aber sein Herz ist in Beijing.« Ab 1963 gewann bei Castro der Magen zunehmend die Oberhand. Nach seiner ausgedehnten Moskaureise von April bis Juni 1963 war der Groll des Revolutionsführers auf Chruschtschow wegen des Abzugs der sowjetischen Mittelstreckenraketen während der Oktoberkrise 1962 vergessen. Neue Verträge waren unter Dach und Fach. Castros zweiter Besuch 1964 löste dann Irritationen auf chinesischer Seite aus, weil in dem gemeinsamen Abschlusskommuniqué Havannas und Moskaus zum ersten Mal »Fraktionsbildung und Sektierertum in den Rängen der kommunistischen Bewegung« verurteilt wurden. Gemeint war Mao.

»Eine Art Hitler-Karikatur«

Nach Chruschtschows Absetzung im Oktober 1964 versuchte Castro im Gespräch mit Chinas Botschafter zu vermitteln. Er betonte die Bedeutung des chinesisch-sowjetischen Verhältnisses für die kommunistische Weltbewegung und gratulierte Beijing zum ersten erfolgreichen Kernwaffentest. Mao blieb kompromisslos und zeigte sich auch vom anschließenden Besuch einer kubanischen Delegation unbeeindruckt. Che Guevara ließ er zu dessen Leidwesen im Februar 1965 nicht einmal mehr zu sich vor. Castro fürchte sich so sehr vor den »zwei Dämonen«, der Atombombe und dem Imperialismus, dass er »den dritten Dämon, den sowjetischen Revisionismus«, bereitwillig akzeptiere, kritisierte Mao Kubas immer enger werdendes Bündnis mit Moskau. Der gleichzeitige Aufbau prochinesischer Fraktionen innerhalb der kommunistischen Parteien Lateinamerikas und die schärfere Propaganda der Chinesen wurden im Gegenzug von Kuba mit Argwohn betrachtet.

Nach dem vorläufigen Scheitern eines erneuten Handelsabkommens 1966 machte Castro schließlich China öffentlich für die Kürzung der Reisrationen von sechs auf drei Pfund pro Woche verantwortlich und warf der Volksrepublik vor, die US-Blockade mitzutragen. Wenige Tage zuvor hatte Kuba einen Kreditvertrag in Höhe von 90 Millionen US-Dollar mit der Sowjetunion unterzeichnet. Chinas Medien ließen erklären, dass sich die Reislieferungen auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr bewegten und fragten, warum Castro die laufenden Verhandlungen öffentlich mache. In einer Rede vor Studenten am 13. März 1966 legte der damals 38jährige kubanische Staatschef nach und beleidigte Mao als »senilen Idioten«. Kuba werde niemals von über 60jährigen regiert werden. Scharf kritisierte er die fortgesetzte chinesische Propagandatätigkeit »im Stil der Yankee-Botschaft«, die als Versuch zur Spaltung der Partei aufgefasst wurde. Die Chinesen sollten lieber Engels »Dialektik der Natur« studieren, »denn im Verlauf der Zeit wird selbst die Sonne einmal ausgelöscht werden«, stichelte er gegen den Personenkult um Mao, der in der chinesischen Propaganda mit diesem Zentralgestirn verglichen wurde. Castro habe nun endgültig bewiesen, dass Kuba im »antichinesischen Chor« mitsinge, verurteilte Chinas Parteizeitung die Rede. Der Vorfall ging in die Geschichte der kubanisch-chinesischen Beziehungen als die sogenannte Reisaffäre ein und markiert das vorläufige Ende der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern: Im Schatten des chinesisch-sowjetischen Zerwürfnisses war Kuba gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden – und wählte den Magen. »China tat alles in seiner Macht stehende, um die Kubaner zufriedenzustellen, konnte es aber nicht mit den sowjetischen Öl-, Energie- und Waffenlieferungen aufnehmen«, urteilt der zwischen 1964 und 1969 amtierende chinesische Botschafter in Kuba, Wang Youping.

Maos Treffen mit US-Präsident Richard Nixon im Februar 1972, das selbst Chinas engen Verbündeten Albanien irritierte, wurde in Havanna nur noch mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Der Tiefpunkt der diplomatischen Eiszeit war 1979 mit dem chinesischen Einmarsch in Vietnam erreicht. Während einer Rede erklärte Castro, dass Chinas Führer sich zu einer »verrückten neofaschistischen Fraktion« entwickelt hätten. Deng Xiaoping bezeichnete er als »eine Art Hitler-Karikatur«.

Neustart nach 1989

Erst die Ereignisse des Jahres 1989 brachten wieder Bewegung in das erstarrte Verhältnis. Nachdem Außenminister Qian Qichen im Juni, direkt nach der Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu einer Lateinamerikareise aufgebrochen war, traf er auf versteinerte Gesichter bei seinen Gastgebern. Der Empfang in Havanna stellte sich für Chinas Chefdiplomaten hingegen als unerwartet positive Überraschung heraus: Castro lud Qian zu einem ausgiebigen Dinner ein, das bis weit in die Nacht andauerte und bei dem er seine »volle Unterstützung« für die Volksrepublik zum Ausdruck brachte. Ein Auseinanderbrechen Chinas würde »auch für den Rest der Welt zu einer Tragödie«, so Castro. Beide Länder verständigten sich darauf, vergangene Grabenkämpfe beizulegen und die Beziehungen ernsthaft zu verbessern.

Im November 1993 stattete Staatspräsident Jiang Zemin dem zu dieser Zeit auf der Weltbühne völlig isolierten Kuba einen Besuch ab. Castro zeigte sich an den wirtschaftlichen Reformen im Reich der Mitte interessiert. Das Konzept der sozialistischen Marktwirtschaft nannte er eine »kühne Idee«, Kuba bewundere Chinas Mut und Experimentierfreude. 1995 erfolgte ein Gegenbesuch, bei dem sich Castro von den Erfolgen von »Reform und Öffnung« persönlich überzeugen wollte. Kuba hatte zuvor mit der Öffnung für privates Kleingewerbe und ausländische Investitionen selbst Reformschritte getätigt, mit denen die ökonomische Basis für das sozialistische Modell sichergestellt werden sollte. »Die unglaublichen Katastrophen, die sich in den Ländern der ehemaligen UdSSR trotz ihres enormen Reichtums an Energieressourcen, Rohstoffen und Finanzmitteln ereignet haben, zeigen angesichts der beeindruckenden Erfolge von China und Vietnam deutlich, was getan und was nicht getan werden kann, um die Revolution und den Sozialismus zu retten«, äußerte Fidel im selben Jahr. Der Übernahme des »chinesischen Wegs« stand er jedoch stets skeptisch gegenüber.

Seit den 1990er Jahren wurden die diplomatischen Kontakte und Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern stetig ausgebaut. Jeder chinesische Staatschef seit Jiang war mindestens einmal in Kuba zu Gast. Der Warenaustausch blieb im Windschatten des engen Bündnisses zwischen Kuba und Venezuela zwar zunächst gering, wuchs Anfang der 2000er jedoch an. Ab 2005 unterstützte die Volksrepublik Kubas »Energierevolution« mit der Lieferung von Kühlschränken, Induktionskochern und Leuchtstofflampen. Auch der Neustart von Havannas öffentlichem Nahverkehr gelang mit chinesischer Technik: Die umgebauten, von Lkw gezogenen Eisenbahnwaggons (»Camellos«), die in den 1990er Jahren das Stadtbild Havannas geprägt hatten, wichen ab 2007 chinesischen Bussen des Zhengzhouer Herstellers Yutong.

Bruderländer

Die engeren Wirtschaftsbeziehungen wurden unter Raúl Castros Präsidentschaft ab 2008 zunehmend von freundschaftlichen Gesten flankiert. Legendär wurde Castros Erscheinen vor chinesischen Studenten 2008 in Havanna, als er den Kulturrevolutionshit »Dong Fang Hong« (»Der Osten ist rot«) in Mandarin anstimmte. »Sie hätten niemals erwartet, dass Großvater Raúl dieses Lied kennt, geschweige denn mit so guter Aussprache vortragen kann«, würdigte die Staatszeitung Global Times den Auftritt. »Rote Sonne grüßt Mao Zedong« heißt es darin. Eine späte Wiedergutmachung für Fidels bärbeißigen Verweis auf die Dialektik der Natur.

2012 nahmen die kommunistischen Parteien beider Länder erstmals seit 1966 wieder Beziehungen auf. Spätestens mit Xi Jinpings Antrittsbesuch im Jahr 2014 erlangte das Verhältnis eine neue Qualität. Beide Staaten bezeichnen sich seither wieder als Bruderländer. Mehrere Wirtschaftsabkommen wurden vereinbart. Der Hafen von Santiago de Cuba erhielt eine Runderneuerung, und Kuba begann im großen Stil Technik für Mobilfunk und Digitalfernsehen aus China zu importieren. Heute ist die Karibikinsel das einzige Land außerhalb Chinas, das den chinesischen TV-Übertragungsstandard DTMB nutzt. Auch der Ausbau des Internets erfolgte maßgeblich mit chinesischer Technik. War Kuba noch vor wenigen Jahren zu Recht als »digitale Wüste« verrufen, surft man heute in Havanna in einem der schnellsten Mobilnetze Lateinamerikas. Möglich wurde das durch den Erwerb neuester LTE-Sendemasten von Huawei. 2016 stieg China mit einem Umsatz von 2,6 Milliarden US-Dollar noch vor Venezuela zum wichtigsten Handelspartner Kubas auf. Fidel würdigte Xi als »einen der stärksten und fähigsten revolutionären Führer, die ich in meinem Leben kennenlernte«. Heute ist China der wichtigste Abnehmer für Kubas Zucker und ein wachsender Markt für Zigarren. 2018 trat Kuba der Initiative der Neuen Seidenstraße (»One Belt, One Road«) bei. Auf kulturellem Gebiet ist die Eröffnung eines Konfuzius-Instituts sowie die Sanierung der Druckerpresse von Kwong Wah Po, der Zeitung der chinesischen Community in Havanna, zu nennen. Im Rahmen eines neuen Bildungsabkommens wird an immer mehr weiterführenden Schulen Mandarinunterricht angeboten.

Im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise infolge der verschärften US-Blockade und des pandemiebedingten Tourismuseinbruchs ging der Handel mit China wieder zurück und lag 2020 nur noch bei 1,3 Milliarden US-Dollar. Aufgrund des noch stärkeren Rückgangs im Handel mit Venezuela ist China damit aber immer noch Kubas wichtigster Handelspartner. Anders als in den 1960er Jahren erwarten die Chinesen heute – wenn auch moderate – Gegenleistungen für ihre Handelskredite, die Kuba zuletzt immer weniger bedienen konnte. Ausländische Direktinvestitionen chinesischer Firmen spielen auf der Insel noch eine untergeordnete Rolle.

»Bereichernde Erfahrungen«

Ungeachtet der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der vergangenen Jahre haben sich die freundschaftlichen Beziehungen und der politische Austausch zwischen Kuba und China auch in Zeiten der Coronapandemie weiter intensiviert. Kubas Botschaft in Beijing leitete frühzeitig Chinas Einschätzung über das Virus und die getroffenen Gegenmaßnahmen weiter, die in Havanna adaptiert wurden. Inzwischen arbeiten beide Länder in einem Technologiepark an der Entwicklung neuer Impfstoffe. Mit »Sinopharm« wurde ab August 2021 zum ersten Mal ein ausländisches Vakzin gegen Covid-19 auf Kuba eingesetzt. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet geht der Austausch weiter. Präsident Miguel Díaz-Canel hob in seiner Rede auf dem VII. Parteitag des PCC im April 2021 die »bereichernden Erfahrungen Chinas und Vietnams« und deren »unbestreitbare Fortschritte in der Wirtschaft und im Lebensstandard« hervor. Zum ersten Mal seit Ende des Kalten Krieges hat ein PCC-Parteitag damit ein fremdes Modell als Bezugspunkt für die eigenen Anstrengungen beim Aufbau des Sozialismus benannt. Raúl Castros erster öffentlicher Auftritt nach dem Parteitag fand anlässlich des 100. Gründungsjubiläums der KP Chinas statt, das auf der Insel breit gewürdigt wurde. Kuba, das inmitten der Krise aufgebrochen ist, sein Sozialismusmodell neu zu erfinden, scheint heute nicht nur den Magen, sondern auch sein Herz wieder in China zu finden.

Marcel Kunzmann schrieb an dieser Stelle ­zuletzt am 2. Juni 2021 über die Landwirtschaftsreform in Kuba.

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  • Leserbrief von Wolfgang Mix aus Hamburg ( 6. Oktober 2021 um 22:01 Uhr)
    Einen gangbaren »chinesischen Weg« für das sozialistische Kuba gibt es nicht. Dass die seltsamen Zuckungen der chinesischen Außenpolitik seit den 1970er Jahren bei einem Revolutionär und Internationalisten wie Fidel Castro nicht gut angekommen sind, kann nicht verwundern. So wurde z. B. die KP Thailands, die in ihrem Land jahrelang einen von China unterstützten Guerillakrieg führte, im Zuge der chinesischen Anbiederung an die USA Ende der 70er Jahre fallen gelassen, löste sich nachfolgend auf und konnte sich bis heute nicht wieder erneuern. Der Autor dieses teilweise fragwürdigen Artikels, Marcel Kunzmann, gehört weniger zu jenem linken Milieu, welches 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus Sehnsucht nach einem neuen »großen Bruder« verspürt und sich dafür die kapitalistische Wirtschaftsmacht China auserkoren hat. Vielmehr ist er Teil eines neoliberalen Netzwerkes um den Hamburger Politologen Bernd Hoffmann, welcher schon seit Jahrzehnten den unmittelbaren Zusammenbruch Kubas herbeireden will und bis heute schiefliegt. Anknüpfend daran, dass auch in Kuba manche Leute in der Krise den Blick auf China richten, ist diesen Kreisen jede Argumentation recht, Tendenzen der Verunsicherung in Kuba selbst wie auch in der Solibewegung hierzulande zu befeuern. Das aktuell von Hoffmann unter Mitwirkung Kunzmanns herausgegebene neue Buch zu Kuba ist dafür sehr aufschlussreich.

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