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Aus: Ausgabe vom 06.10.2021, Seite 2 / Inland
Arbeitskampf

Gorillas schlägt zurück

Berliner Lieferdienst reagiert auf Streiks mit Entlassungen
Von Simon Zamora Martin
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»Fast allen wurde gekündigt«: Streik am Warenlager im Berliner Bergmannkiez

Entgegen aller Beteuerungen übt der Chef des Lieferdienstes Gorillas, Kagan Sümer, weiter Druck auf die Belegschaft aus. Am Dienstag traten Fahrer der Firma in Berlin-Steglitz in den Streik, nachdem das Unternehmen auf Drohungen gegen die Beschäftigten nicht reagiert hatte, wie das »Gorillas Worker Collective« auf Twitter mitteilte. Am Freitag waren bereits die »Rider« in drei Berliner Warenhäusern in den Ausstand getreten, um gegen fehlende Lohnzahlungen, Verstöße gegen die gesetzliche Ruhezeit und fehlende Schutzausrüstung zu protestieren. Doch anstatt mit den Beschäftigten über eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu verhandeln, wurden am Dienstag Kündigungen gegen Streikende ausgesprochen.

»Fast allen Beschäftigten im Warenhaus Bergmannkiez wurde heute gekündigt«, sagte der Fahrer Duygu gegenüber jW. Seit Freitag befindet sich das Lager in einem unbefristeten Ausstand. Im Vergleich zu vorherigen Arbeitskämpfen waren sie im Bergmannkiez diesmal viel besser vorbereitet: Am Freitag traten 100 Prozent der Belegschaft in den unbefristeten Streik. Aus der Firmenzentrale herbeigeeilte Manager versicherten, am Montag Gespräche über die fünf Forderungen der Streikenden führen zu wollen. Doch nach dem Wochenende schickten sie nur einen privaten Sicherheitsdienst, um den Beschäftigten den Zutritt zum Lager zu verweigern. Am Dienstag hätten viele Beschäftigte schriftliche Kündigungen in ihrem Briefkasten gefunden. Andere hätten Anrufe mit unterdrückten Rufnummern bekommen, in denen ihnen eine mündliche Kündigung ausgesprochen wurde. »Am Telefon wurde die Kündigung mit der Teilnahme an den Streiks begründet«, so Duygu. Bis jW-Redaktionsschluss äußerte sich das Unternehmen nicht zu den Entlassungen.

Kampflos wollen die Fahrer die Kündigungen nicht hinnehmen. Als ersten Schritt planen sie eine »Lärmdemo« vor der Firmenzentrale in der Schönhauser Allee. Aber um den Kampf für die Wiedereinstellung aufrechterhalten zu können, muss die Streikkasse des »Gorillas Workers Collective« gefüllt werden.

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  • Leserbrief von Bernard Gaultier aus Wolfmannsgehau ( 6. Oktober 2021 um 16:45 Uhr)
    Ich hätte mir nicht träumen lassen, jemals für einen türkischen »Unternehmer« Partei zu ergreifen, aber in diesem Fall möchte ich mal eine Ausnahme machen: Kagan Sümer hat völlig recht, die renitenten Mitarbeiter vor die Tür zu setzen – und zwar mit dem Verweis auf die Illegitimität der Arbeitsniederlegungen, die vom deutschen Gewerkschafts- und Streikrecht nicht gedeckt sind. Ich kann als Arbeitnehmer nicht permanent auf vermeintliche Rechte pochen, die mein Arbeitsvertrag nicht hergibt und über die vereinbarte Zusammenarbeit von Arbeitgeber und Arbeitnehmer hinausgehen, und mich auf der anderen Seite arrogant über geltendes Recht und Gesetz hinwegsetzen, weil mir irgend etwas nicht in den Kram passt. Jedem dieser Mitarbeiter hätte das Recht zugestanden, seinem Arbeitgeber den Stuhl vor die Tür zu stellen und zu einem Mitbewerber abzuzwitschern – was Kagan Sümer sicherlich richtig wehgetan hätte. Eine illegale Arbeitsniederlegung aber kann er als Arbeitgeber nicht hinnehmen, wenn er dauerhaft Ruhe in den Karton kriegen und sein Unternehmen längerfristig am Markt plazieren will. Da offensichtlich Regularien einer normalen Kündigung durch das Unternehmen verletzt wurden, wie anonyme Anruf etc. pp., steht es jedem davon Betroffenen zu, arbeitsgerichtlich dagegen vorzugehen und dem selbstgefälligen Arbeitgeber schön geschmeidig den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und vielleicht findet sich sogar eine freundliche Gewerkschaft, die den »Gorillas«-Mitarbeitern dabei mit Rat und Tat zur Seite steht! Dann dürfte es bald vorbei sein mit der Selbstherrlichkeit der Kagan Sümer & Co.