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Aus: Ausgabe vom 05.10.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
TVL

Zulage für alle Bühnen

Beschäftigte des Konzerthauses Berlin verlangen Theatersonderzahlung. Für Forderung nutzen sie aktuelle Tarifrunde für öffentlichen Dienst
Von Susanne Knütter
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Beschäftigte des Konzerthauses Berlin demonstrieren für gleichen Lohn an allen Landesbühnen (Berlin, 28.9.2021)

Am vergangenen Donnerstag endete die Friedenspflicht, diese Woche Freitag sollen die ersten Gespräche stattfinden. Damit beginnt die Tarif- und Besoldungsrunde für die Beschäftigten der Länder 2021 (TVL). In der Regel finden dann auch erst Protestaktionen statt. Etwa 70 Beschäftigte vom Konzerthaus Berlin setzten bereits letzte Woche Dienstag ein Zeichen und versammelten sich zur aktiven Mittagspause auf dem Gendarmenmarkt. Sie unterstützten einerseits die Forderungen für die diesjährige TVL-Runde von fünf Prozent und mindestens 150 Euro mehr Lohn im Monat. Andererseits demonstrierten sie für »Gerechtigkeit für alle an allen Theatern, Opern und Konzerthäusern«, wie der Bühnentechniker David Raugust am Rande der Kundgebung im Gespräch mit jW sagte.

Die Konzerthausbeschäftigten arbeiten nicht selten sechs Tage die Woche. Sie haben geteilten Schichtdienst, das heißt, sie müssen vormittags und abends ran. Dienstpläne werden von Woche zu Woche erstellt, weil kurzfristig Orchesterproben angesetzt werden können. Das wäre kein Pro­blem, wenn es mehr Personal gäbe. Über eine Erhöhung der Planstellen kann das Haus selbst aber nicht entscheiden, weil es der Landeshaushaltsordnung unterworfen ist. Die Beschäftigten des Konzerthauses Berlin sind direkte Angestellte des Landes, erklärte der im Bezirk Berlin-Brandenburg für den Kulturbereich zuständige Verdi-Sekretär Hikmat El-­Hammouri gegenüber jW. Um den erhöhten Arbeitsaufwand etwas auszugleichen und um eine flexible Abrechnung zu ermöglichen, bekommen die Bühnenbeschäftigten des Landes die Theaterbetriebszulage (TBZ). An allen Opern, Theatern und der Philharmonie wird sie gezahlt. Am Konzerthaus bekommen sie die meisten nicht. Das würde 21 Prozent seines Bruttogehalts ausmachen, sagte Alan Doan Minh, der ebenfalls Bühnentechniker am Konzerthaus Berlin ist. Laut Verdi sind das real an die 500 Euro Lohnunterschied im Monat.

Schichtzulagen für Nachtdienste oder während der Feiertage werden zwar gezahlt. Die Zuschläge seien im Endeffekt dennoch weniger als die TBZ, erklärte Raugust. Ein Grund ist, dass diese im Gegensatz zu den Schichtzuschlägen unabhängig von Urlaubszeiten und der Sommerpause gezahlt wird, wo nur in der Frühschicht gearbeitet wird.

Seit 1991 gilt der Landestarifvertrag für die Theater und Bühnen. Alle Kulturhäuser, für die die TBZ gelten sollte, wurden namentlich im Tarifwerk aufgeführt. Da sich das Konzerthaus im Umbau befand, als man den Vertrag aushandelte, fehlt es in der Liste. Andere Häuser, wie beispielsweise das Schillerthater, das es mittlerweile nicht mehr gibt, oder der inzwischen privatisierte Friedrichstadtpalast sind darin aufgeführt, wie Astrid Westhoff, Tarifkoordinatorin für den öffentlichen Dienst bei Verdi im Bezirk Berlin-Brandenburg gegenüber jW sagte. Bis 2005/2006 haben die Konzerthausbeschäftigten die TBZ trotzdem erhalten. Alle neu eingestellten Beschäftigten erhielten sie fortan nicht mehr. Die Vorenthaltung der TBZ sei damit eine »Ungleichbehandlung doppelter Art: gegenüber allen anderen Landesbühnen und gegenüber den Kollegen im Konzerthaus«, so El-Hammouri.

Damit soll nun Schluss sein. Vor anderthalb Jahren wurde der Senat von Verdi angesprochen, daran etwas zu ändern. Der sah keine Rechtsgrundlage. Vor gut vier Wochen hat die Gewerkschaft die Senatsverwaltung für Kultur und für Finanzen zu Tarifverhandlungen aufgefordert. Das Ziel ist, einen Haustarifvertrag abzuschließen, der die Anwendung des Landestarifvertrags von 1991 vorsieht. Auf Nachfrage verwies die Verwaltung von Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) auf den Finanzsenat, der für Tarifverhandlungen zuständig sei. Der schrieb, er könne dazu gegenwärtig keine Auskunft geben, da »in Tarifangelegenheiten zunächst mit den betroffenen Gewerkschaften kommuniziert« werde. Dort ist bislang noch keine Antwort eingegangen. Auch deshalb ist die aktuelle TVL-Runde für die Konzerthausbeschäftigten so wichtig. Der Tarifvertrag der Länder sieht Öffnungsklauseln vor, die die Übernahme des Landestarifvertrags für die Bühnenbeschäftigten möglich machen.

Es zeichnet sich bereits ab: Ohne Druck wird es nicht gehen. Die Kollegen wissen das. Von den 114 Orchestermusikern und 70 weiteren Konzerthausangestellten ist mehr als ein Drittel erschienen. Vor zwei Jahren, während der letzten TVL-Runde, begannen die Kollegen sich zu organisieren, berichteten Raugust und Alan Doan. Denn »so geht es nicht mehr weiter«. Da sind sich alle einig und so beteiligten sich an dem Protest vor dem Konzerthaus Bühnentechniker, Orchesterwarte, Kollegen von der Beleuchtung, der Kasse, der Ausstattung und Azubis. Darunter nicht nur Neubeschäftigte, sondern auch langjährige Kollegen, die die TBZ erhalten, und Orchestermusiker, für die ein gänzlich anderer Tarifvertrag gilt.

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