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Aus: Ausgabe vom 05.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Komische Kunst

Angelruten aus Beton

Der Krug ist übervoll: Dem Humoristen Flann O’Brien zum 110. Geburtstag
Von Ella Carina Werner
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Die Räder steh’n im Keller: Die Hölle in Roundstone (Grafschaft Galway)

Es war das Jahr 1998, als mich etwas von Grund auf erschütterte. Ich hatte zum 18. Geburtstag den Roman »Der dritte Polizist« des irischen Autors Flann O’Brien geschenkt bekommen – eher zufällig, weil ich eine leidenschaftliche Fahrradfahrerin war und das Buch vom Radeln handeln sollte. Es war das erste Mal, dass ich allein in meinem Zimmer lauthals lachte. Stundenlang. Über einen intellektuellen Helden, der sich nach einem Mord in der Hölle befindet, verbildlicht durch eine irische Polizeiwache, auf der die beiden anwesenden Polizisten in Endlosschleife über Fahrräder fachsimpeln und über das Leben philosophieren: »Es ist ein großer Fehler, und ohne ist man besser dran, und dasselbe gilt für Bettpfannen und importierten Schinken.« Ein dritter Polizist taucht übrigens nie auf.

Zugegeben, nach einem »Pageturner« oder einer guten Schmunzellektüre für den Strand klingt das nicht. Wer spannende Lektüre oder überhaupt eine fassbare Handlung sucht, wird enttäuscht, aber Freundinnen und Freunde des Absurden, der grotesken Details und des trockenen Tonfalls (von Harry Rowohlt kongenial übersetzt) kommen voll auf ihre Kosten.

Dass es so etwas Lustiges überhaupt gab! Ich war in der ostwestfälischen Provinz der neunziger Jahre groß geworden, mein Humorhorizont reichte von »Verstehen Sie Spaß?« über Uli-Stein-Cartoons bis bestenfalls Kurt Tucholsky. »Der dritte Polizist« war das erste Buch, in dem ich Dutzende Sätze dick unterstrich, um sie jederzeit wiederzufinden. Und jetzt, beim Wiederlesen des vergilbten Taschenbuchs, amüsieren sie mich noch immer.

Flann O’Brien – oder Brian O’Nolan, wie er mit bürgerlichem Namen hieß – wurde am 5. Oktober 1911 in dem nordirischen Städtchen Strabane als drittes von zwölf Kindern geboren. Er wuchst behütet, ja vom Rest der Gesellschaft fast abgeschottet auf, weil sein national gesinnter Vater seine Sprösslinge von der englischen Sprache fernhalten wollte, der Rest Irlands aber kaum noch irisch sprach. O’Brien studierte, brillierte in Debattierklubs und wurde in Dublin Ministerialbeamter, als welcher er die vielköpfige Familie nach dem frühen Tod des Vaters allein ernähren musste, nachzulesen in der lesenswerten Biographie von Antony Cronin. Ein Leben zwischen Beamtenverpflichtungen, Schreiben und, mit den Jahren mehr und mehr, Kneipenbesuchen.

Guter Stoff

1939, mit Beginn des Zweiten Weltkriegs, von dem Irland nur am Rande berührt wurde, veröffentlichte O’Brien seinen ersten Roman mit dem rätselhaften Titel »Auf Schwimmen-zwei-Vögel«. Ein Buch, in dem sich wundersame Romanfiguren, wie altirische Sagengestalten und Wildwestwesen, gegen ihren Autor verschwören. Heute wird O’Briens Erstlingswerk als Vorläufer des postmodernen Romans gepriesen, vor allem aufgrund seines fintenreichen Spiels mit Erzählkonventionen: »Ein Anfang und ein Ende pro Buch waren etwas, das mir nicht behagte. Ein gutes Buch kann drei völlig verschiedene Anfänge haben (…), und mindestens hundertmal so viele Schlüsse.« James Joyce, an dem sich O’Brien zeitlebens abarbeitete, lobte den »wahrhaft komischen Geist« des Romans. Beileibe kein Bestseller, wurde O’Briens Debüt in Literatenkreisen gefeiert. Anders als »Der dritte Polizist«, das der Erzähler kurz darauf schrieb, von seinem Verlag jedoch als »zu phantastisch« abgelehnt wurde und buchstäblich in der Schublade des Autors verschwand, bis seine Witwe den Roman nach O’Briens frühem Tod 1966 endlich herausholte.

Mit diesen beiden Büchern ist O’Brien in den achtziger, neunziger Jahren zum »Kultautor« auch in Deutschland aufgestiegen, und wie sehr hätte er, der alles Ungenaue und Klischeehafte hasste, dieses Etikett gehasst. Unter Humornerds zitierte man O’Brien wie andere Leute Szenen aus »Pulp Fiction«.

Mit Mitte zwanzig wurde ich dann noch mal gründlich überrascht, als ich eine Sammlung von Zeitungskolumnen des Autors in die Hände bekam. Unter dem irischen Pseudonym Myles na gCopaleen – das Spiel mit falschen Identitäten gehörte für O’Brien zum Schreiben sowie zum Leben dazu – verfasste der Autor ab 1940 bis zu seinem Tod eine fast tägliche Kolumne auf der Titelseite der Irish Times. Vor allem die Texte der ersten Jahre – in den Fünfzigern wurde die Kolumne düsterer, polemischer – sind ein einzigartiges Kompendium literarischer Hochkomik. In fabulierfreudigen Kurztexten, die oft in Fortsetzungen verfasst sind, ersinnt der Autor etwa einen »Buchhandhabungsservice« für lesemuffelige Bildungsbürger: »Warum sollte so ein wohlhabender Mensch sich die Mühe machen und so tun, als läse er überhaupt? Warum sollte da nicht ein professioneller Buchhandhaber auf den Plan treten und seine Bibliothek für Soundsoviel pro Regal angemessen zerzausen?« Im Angebot: Eselsohren, hochtrabende Anmerkungen am Seitenrand oder kunstvolle Whiskeyflecken.

Begnadete Albernheiten

Auf Deutsch sind die besten Kolumnen in den Sammelbänden »Trost und Rat« sowie »Golden Hours« nachzulesen. Darin zu finden: wie man Angelruten aus Beton herstellt, in welche Ozeane man die Insel Irland umlenken solle, um vom verhassten England so fern wie möglich zu sein, ein »Katechismus der Klischees« sowie zahllose Verbesserungsvorschläge für das Kulturleben. »Könnte man nicht verfügen, dass ein Stück von denselben Schauspielern gespielt wird, solange sie leben? Wenn Jahre später einer oder zwei gestorben sind, könnte eine kurze Programmnotiz die Abwesenheit der fehlenden Charaktere erläutern (…).« Bemerkenswert ist, dass solch begnadete Albernheiten, nicht selten noch dazu auf irisch oder gar deutsch oder französisch verfasst, jahrzehntelang in einer seriösen Tageszeitung erscheinen konnten. Nicht weniger bemerkenswert, dass man sich O’Briens Ausführungen z. B. über das Dubliner Abwassersystem der vierziger Jahre noch heute so lustvoll reinzieht, als ginge es ums Hier und Jetzt. Für mich wird die Kolumne mit dem Titel »Cruiskeen Lawn« (irisch für: übervoller Krug) für immer das eigentliche Juwel des O’Brienschen Gesamtwerks bleiben, zu dem auch die lohnenswerten späten Romane »Das harte Leben« und »Das Barmen« gehören.

Wer mit leichter Hand und ironischer Distanz soviel Komisches erschafft, könnte man meinen, nimmt sein Leben und sich selbst mit Humor. Auf O’Brien trifft dies nicht zu. Zeitgenossen beschrieben ihn als leicht reizbar, ja pedantisch. In privaten Briefen skizziert der Autor verbissen seinen Plan, mit den Büchern viel Geld zu verdienen wie andere mit »Schundromanen« à la »Vom Winde verweht«. Das Reichwerden ist ihm nicht gelungen. Eines der reichhaltigsten Œuvres der komischen Weltliteratur jedoch schon. An diesem Dienstag wäre Flann O’Brien 110 Jahre alt geworden.

Ella Carina Werner ist Satirikerin und Titanic-Kolumnistin. Zuletzt erschien von ihr die Geschichtensammlung »Der Untergang des Abendkleides« (Satyr, 2020)

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