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Aus: Ausgabe vom 05.10.2021, Seite 6 / Ausland
Soziale Spaltung in Brasilien

Rios Profiteure

Coronakrise: Reichtum in Brasiliens Metropole vervielfacht – Armut ebenso
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Immer mehr Menschen müssen in Rio de Janeiro auf der Straße leben (29.7.2021)

Vor der Coronakrise lagen sie auf Pappdeckeln unter den Markisen vor allem im Stadtzentrum Rio de Janeiros und an der Copacabana. Heute gibt es Obdachlose in allen Stadtteilen der brasilianischen Metropole, selbst im Nobelviertel Ipanema. An manchen Orten, wie im Aterro do Flamengo, haben sie sich notdürftig unter anderem mit alten Plastikplanen regelrechte Zeltsiedlungen errichtet.

Laut offiziellem, alle zwei Jahre durchgeführtem Zensus gab es 2018 in Rio etwa 4.628 Obdachlose. 2020 zählten die städtischen Behörden 7.272 auf der Straße lebende Menschen. Ein Zuwachs von 57 Prozent. Doch Hilfsorganisationen, die die Wohnungslosen mit warmen Mahlzeiten versorgen, halten diese Zahlen für untertrieben. Die seit Jahren steigende Inflation sowie die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöste Erwerbslosigkeit und Einkommensverluste hätten viel mehr Menschen in die Armut getrieben. Zudem habe sich auch das Profil der Straßenbevölkerung Rios verändert. Mehr als 70 Prozent der Obdachlosen waren vor der Coronakrise Männer und ältere Menschen. Heute leben vermehrt Frauen mit kleinen Kindern und ganze Familien auf der Straße.

Ihr Wohnungseigentümer habe die Miete verdoppelt, beklagte eine Mutter mit drei Kindern vergangene Woche gegenüber junge Welt. Ihr »neues« Zuhause ist eine notdürftig mit zerrissenen schwarzen Plastikplanen überdeckte alte Matratze im Stadtpark von Flamengo. Da ihre geringen Einkünfte aus dem Sammeln von Aluminiumdosen nicht mehr für beides, Miete und Essen, gereicht habe, entschied sie sich für ein Leben auf der Straße. Geschichten wie diese sind heute typisch in den Straßen von Rio und auch in den anderen brasilianischen Großstädten wie São Paulo, Recife oder Curitiba. Auch laut jüngster Studie der Getulio-Vargas-Stiftung (FGV) nahm die Armut in Rio während der Coronakrise deutlich zu. 2019 galten noch »lediglich« 16,9 Prozent der Bevölkerung am Zuckerhut als arm. Heute sind es demnach mit 23,8 Prozent mehr als ein Fünftel.

Doch wo es Verlierer gibt, da sind die Gewinner nicht weit: Laut Forbes stieg die Zahl der Milliardäre in Rio de Janeiro von 21 im Jahr 2014 auf 25 im Jahr 2019 und weiter auf 37 in diesem Jahr an. Unter den zehn reichsten Cariocas (Einwohner Rios) haben drei ihren Reichtum im boomenden privaten Gesundheitssektor erworben und ihn während der Coronakrise noch deutlich vergrößert. So stieg laut Webjournal Diário do Rio das Vermögen des Verwaltungsratsvorsitzenden der Krankenhauskette Rede D’Or São Luiz, Jorge Moll Filho, von zwei Milliarden US-Dollar (etwa 1,7 Milliarden Euro) im Jahr 2020 auf heute 11,3 Milliarden an. Er ist damit der viertreichste Brasilianer.

Die reichste Frau Rio de Janeiros und zweitreichste Brasiliens wiederum ist Dulce Pugliese de Godoy Bueno mit 6,4 Milliarden US-Dollar auf dem Konto. Sie ist Mitbegründerin der privaten Krankenkasse Amil, die seit 2012 zur US-amerikanischen United Health Group gehört und die Dasa Clinical Diagnostics Group, das viertgrößte Labornetzwerk der Welt kontrolliert. Darüber hinaus gehören mehrere Krankenhäuser zu ihrem »Gesundheitsimperium«. Der Dritte im Bunde ist Teil der Verwandtschaft: Ihr Sohn Pedro de Godoy Bueno, der zur Zeit jüngste Milliardär Brasiliens. Er ist Präsident von Dasa und Aktionär des Gesundheitskonzerns United Health Brasil. Sein Vermögen verdreifachte sich durch während der Pandemie gemachte Profite von 1,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 auf drei Milliarden in diesem.

Insgesamt verfügen die zehn reichsten Milliardäre in Rio de Janeiro zusammen über ein Vermögen von 76,9 Milliarden US-Dollar, rund 400 Milliarden Reais. Zum Vergleich: Der Staatshaushalt des Bundesstaates Rio de Janeiro betrug in diesem Jahr rund 90 Milliarden Reais mit einem aufgrund der wirtschaftlich katastrophalen Fußballweltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 sowie der Pandemie aufgehäuften Schuldenberg von 172 Milliarden Reais.

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