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Aus: Ausgabe vom 05.10.2021, Seite 12 / Thema
20 Jahre »Krieg gegen den Terror«

Eine furchtbare Bilanz

Die humanitären Kosten westlicher Interventionen nach »Nine Eleven« – ein Überblick
Von Joachim Guilliard
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Ein Land wie ein Friedhof. Fast eine Million direkte und indirekte Tote forderten der 2001 begonnene Krieg und die anschließende Besatzungszeit in Afghanistan (Kabul 27.6.2003)

»Unser Krieg gegen den Terrorismus beginnt mit Al-Qaida, aber er wird dort nicht enden«, verkündete US-Präsident George W. Bush am 20. September 2001 in einer Fernsehansprache. »Jede Nation in jeder Region muss nun eine Entscheidung treffen. Entweder sind sie auf unserer Seite oder auf der Seite der Terroristen.« Er verband diese Drohung mit der Warnung, die »Amerikaner sollten sich nicht auf eine Schlacht, sondern auf einen lang andauernden Feldzug einstellen, wie wir ihn bislang noch nicht erlebt haben«.

Die von Bush jun. beschworene Vision sollte sich auf furchtbare Weise bewahrheiten: Die folgenden militärischen Interventionen wurden zu einigen der längsten und teuersten Kriege in der Geschichte der USA. Die Anschläge vom 11. September 2001 waren ein lokaler krimineller Akt, der mehr als 3.000 Menschen tötete. Die Folgen der damit gerechtfertigten Interventionen hingegen waren global: Ganze Städte wurden zerstört, Staaten zerschlagen, die Gesellschaften zerrissen und ins Elend gestürzt. Die Zahl der Opfer übersteigt die von New York und Washington tausendfach.

Ausbreitung der Kriege

Geht es um die Folgen der Kriege nach den Terroranschlägen von »Nine Eleven«, so wird meist nur an Afghanistan und Irak gedacht. Es müssen hierbei jedoch wesentlich mehr Länder einbezogen werden, auch wenn die Kriege dort nicht mehr in unmittelbarem Zusammenhang zu diesem kata­klystischen Ereignis stehen. Bereits der Angriff der US-geführten »Koalition der Willigen« auf den Irak wurde nicht mit Terrorismus, sondern mit einer angeblichen Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen begründet. Für Zustimmung sorgte jedoch nicht zuletzt das über die US-Medien breit gestreute Gerücht, Saddam Hussein sei in die Anschläge vom 11. September involviert gewesen.

Die von neokonservativen Falken dominierte US-Regierung machte keinen Hehl daraus, dass sie mit der Besetzung von Afghanistan und dem Irak in erster Linie ihrer strategischen Agenda folgte, mit der sie die US-Dominanz im »größerer Mittleren Osten« ausweiten und das »neue amerikanische Jahrhundert« einleiten wollte. Diese Begriffe verschwanden mit dem Amtsantritt von Barack Obama, das Streben nach Kontrolle der Region aber blieb und war wesentliches Motiv hinter den sich anschließenden Kriegen und Interventionen.

Dies gilt insbesondere für die Interventionen in Libyen und Syrien, auch wenn diese meist in den Kontext des »arabischen Frühlings« gestellt werden. Der Krieg in Syrien begann tatsächlich zunächst als Bürgerkrieg, wenn auch vom Westen und den arabischen Monarchien angefeuert, die Eskalation dieses Krieges wurzelte jedoch nicht zuletzt in der Besatzung des Iraks. Sie schuf die Grundlage für die Entstehung der Vorgängerorganisation der beiden stärksten und für Syrien verheerendsten dschihadistischen Milizen, des »Islamischen Staates« (IS) und der Fatah Al-Scham-Front. Diese lieferten dann den NATO-Mächten wiederum den Vorwand für die militärische Intervention, als erneuter Antiterrorkrieg.

Die Besatzung des Irak endete offiziell Ende 2011, der Krieg jedoch nicht. Nach der Wiederausbreitung des IS im Norden und Westen des Landes eskalierte er erneut. Eine von den USA angeführte Allianz, an der sich auch Deutschland beteiligte, bekämpfte die Dschihadisten ab September 2014 sowohl im Irak als auch grenzüberschreitend in Syrien – dort parallel zu syrischen und später auch russischen Streitkräften.

Der NATO-Krieg gegen Libyen wurde zwar etwas entfernt von den zentralen Schauplätzen geführt, jedoch gleichfalls mit dem Ziel, ein Regime zu stürzen, das nicht bereit war, sich der Vorherrschaft des Westens und seiner neoliberalen Agenda unterzuordnen. Libysche islamistische Milizionäre, die zusammen mit den von ihnen erbeuteten Waffen von der CIA nach Syrien geschleust wurden, spielten schließlich bei der initialen Ausbreitung des Bürgerkrieges eine entscheidende Rolle.

Parallel zu den großen Kriegen weiteten die USA ihren »Krieg gegen den Terror« nach dem 11. September 2001 mit Hilfe von Spezialeinheiten, Drohnen und einheimischen Kräften auf viele andere Länder aus, zunächst vor allem auf Pakistan, Jemen, Somalia und die Philippinen, bald auf den gesamten Globus. Aktuell erstrecken sich ihre »Counterterrorism« genannten Operationen auf 85 Länder.¹ Sie unterstützen zudem seit 2015 zusammen mit ihren NATO-Partnern den Krieg der saudischen Allianz gegen Jemen und beteiligen sich auch in Somalia an einem langjährigen blutigen Krieg um die Kontrolle des Landes.

Es erscheint daher gerechtfertigt, die Opfer all dieser nach dem 11. September 2001 entfesselten »Post 9/11-Wars«, wie sie in den USA genannt werden, zusammen zu betrachten, auch wenn sie selbstverständlich jeweils weit mehr Facetten haben.

Die ignorierten Opfer

Offiziell wurde die Fortsetzung der Besatzung von Afghanistan und Irak bald vorwiegend mit dem Bemühen um die Einführung demokratischer Verhältnisse und mit Entwicklungshilfe legitimiert – die Kriege wurden zur »humanitären Intervention«. Es wurden jedoch keine Anstrengungen unternommen, ihre humanitären Kosten zu ermitteln. Von den beteiligten Armeen werden sie geradezu verschleiert. So haben dem jüngsten Bericht des Pentagons zufolge die US-Streitkräfte in Afghanistan, Somalia und Irak von 2017 bis 2020 nur 85 Zivilisten getötet.² Die UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) hingegen hat allein in Afghanistan für die Jahre 2016 bis 2020 über 2.000 Opfer von Angriffen ausländischer Truppen registriert.³ Die meisten dieser Angriffe wurden von US-Einheiten ausgeführt.

Doch auch die Angaben der UNO über zivile Opfer von Kriegshandlungen sind weit davon entfernt, ein realistisches Bild zu vermitteln. In ihren Jahresberichten zu Afghanistan schwanken diese seit 2010 zwischen 2.800 und 3.800.⁴ Solche Zahlen sind selbstverständlich kaum geeignet, eine größere Öffentlichkeit aufzuschrecken, liegen sie doch nur wenig höher als die Anzahl der Verkehrstoten in Deutschland. Die von der UNO und NGOs erfassten Angaben zu zivilen Opfern von Kampfhandlungen beruhen überwiegend auf passiv beobachteten, das heißt u. a. von Medien gemeldeten oder von Kliniken registrierten Fällen. Unter Kriegsbedingungen kann so jedoch, wie Studien zeigen, nur ein kleiner Teil der Opfer erfasst werden, um so weniger, je heftiger die Kämpfe sind und je abgelegener sie stattfinden.

Zudem werden meist nur die direkten Kriegstoten gezählt, die eindeutig als Zivilisten einzuordnen sind. Ohne unabhängige Untersuchungen vor Ort lässt sich der Status der Opfer aber selten feststellen. Die NATO-Truppen stufen die von ihnen Getöteten stets solange als Kombattanten ein, wie das Gegenteil nicht belegt werden kann. Die Erfassung der Todesfälle beruht jedoch zum guten Teil auf Meldungen westlicher Medien, die sich wiederum stark auf Verlautbarungen der NATO-Stäbe stützen. Zudem wird eine Beschränkung auf zivile Opfer der Sache auch nicht gerecht. Auch getötete Kombattanten wurden Opfer des Krieges, unabhängig davon, ob sie in den Reihen der Regierungstruppen, der Taliban oder andere Widerstandsgruppen kämpften.

Schließlich bleiben auch die indirekten Opfer des Krieges unberücksichtigt, d. h. die Menschen, die beispielsweise aufgrund des Zusammenbrechens der Versorgung mit Nahrung, Wasser und Strom, wegen Seuchen oder des blockierten Zugangs zu Gesundheitseinrichtungen sterben. Ihre Zahl übersteigt aber mit der Zeit die Zahl der direkten Toten um ein Vielfaches.

Eine realistische Schätzung der Gesamtzahl der Opfer eines militärischen Konflikts ist nur mit Hilfe repräsentativer Umfragen möglich, durch die sich die Sterblichkeit vor und während des Konflikts ermitteln lässt. Aus der Differenz kann man, sofern andere Ursachen ausscheiden, die durch den Konflikt zusätzlich verursachten Sterbefälle (die sogenannten Excess Deaths) mit einer gewissen Genauigkeit abschätzen und auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen. Solche Mortalitätsstudien wurden auch schon in vielen Fällen durchgeführt, beispielsweise in Angola, Bosnien, im Kongo oder im Sudan – vorwiegend dort, wo der Westen ein Interesse an den Zahlen hatte.

Doch bei den »Post 9/11-Wars« fühlten sich weder die beteiligten NATO-Staaten noch die UNO oder die WHO dazu bemüßigt. Es ist der persönlichen Initiative von Wissenschaftlern zu verdanken, dass es wenigstens für die ersten zehn Jahre des Irak-Kriegs realistische Schätzungen durch Mortalitätsstudien gibt. Diese sind auch die zentrale Basis für die Studie »Body Count« – Opferzahlen nach zehn Jahren »Krieg gegen den Terror« der »Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges« (IPPNW).⁵ Durch den Vergleich der Schätzungen dieser Studien mit denen auf passiver Beobachtung beruhenden konnte auch ein Maß für eine realistischere Schätzung der Zahl der Opfer für die Zeiträume und für die Länder ermittelt werden, für die bisher keine Mortalitätsstudien vorliegen.

Über die repräsentativen Umfragen kann man zudem auch ein genaueres Bild darüber erhalten, auf welche Weise die Menschen ums Leben kamen. So ergaben die Studien zum Irak beispielsweise, dass fast ein Drittel aller Opfer von Gewalt während der Besatzung von den westlichen Truppen getötet worden waren, hauptsächlich durch Luftangriffe und Artilleriegeschosse.

Direkte und indirekte Tote

Nach den vorsichtigen, auf sorgfältiger Auswertung der verfügbaren Daten beruhenden Schätzung der IPPNW-Metastudie forderten die Kriege in Afghanistan, Pakistan und Irak bereits im ersten Jahrzehnt mindestens 1,3 Millionen Todesopfer. Eine ähnlich gründliche Analyse der Daten über die Opfer der »Post 9/11-Wars« für das zweite Jahrzehnt steht noch aus.

Neta C. Crawford und Catherine Lutz vom »Costs of War«-Projekt an der Boston University haben jedoch verdienstvollerweise immer wieder Fallzahlen für Afghanistan, Pakistan und Irak, später auch Syrien und Jemen veröffentlicht, wenn auch nur auf Basis passiv beobachteter Fälle. Insgesamt ermittelten sie für diese fünf Länder bis August 2021 über 900.000 direkte Kriegstote, ca. 375.000 davon stufen sie als zivil ein. Die beiden Wissenschaftlerinnen halten diese Zahl aber selbst für viel zu niedrig und gehen zudem von einem Vielfachen an indirekten Opfern aus.⁶

Generell müsse man, so David Vine, ein weiterer Mitarbeiter von »Costs of War«, von viermal so vielen Toten ausgehen.⁷ Daher könne, so Vine Ende 2019, die Gesamtzahl der durch die Kriege getöteten Menschen schon 3,1 Millionen übersteigen. Vine verwies dabei auf eine vom Sekretariat der »Genfer Erklärung über bewaffnete Gewalt und Entwicklung« veröffentlichten Studie vom September 2008.⁸ Diese kam zum Schluss, dass in den meisten Konflikten die Zahl der indirekten Todesfälle drei- bis 15mal so hoch war wie die Zahl der direkten Todesfälle. Die in den Jahren 2000 bis 2003 über den Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo durchgeführten Mortalitätsstudien ergaben ein Verhältnis zwischen direkten und indirekten Kriegsopfer von etwa eins zu sechs.⁹

Diese Faktoren stimmen gut mit den Ergebnissen der IPPNW-Studie überein, die die per Mortalitätsstudien geschätzten Gesamtzahlen von Kriegsopfern im Irak mit den durch passives Beobachten erfassten Zahlen verglich. Hier ergab sich, dass die Zahlen der tatsächlichen Opfer mindesten fünf- bis achtmal größer sind als die durch Beobachtung ermittelten.

Afghanistan

In Afghanistan summiert sich die von Crawford und Lutz erfasste Zahl der im Krieg getöteten Afghanen und Afghaninnen auf etwa 170.000, davon werden 46.000 als zivil eingestuft.¹⁰ Einen Hinweis auf erhebliche Lücken liefert u. a. eine genauere Vorortrecherche, die ein Team der BBC im August 2019 einen Monat lang durchführte, in einem Jahr, in dem UNAMA eine durchschnittliche Zahl von Opfer erfasste. Obwohl auch das BBC-Team selbstverständlich nicht alle Vorfälle im Lande erfassen konnten, zählte es in diesem Monat allein 2.300 Kriegstote. »Costs of War« hat mit durchschnittlich 710 Toten pro Monat nur ein Drittel dieser Menge erfasst.

Unter Berücksichtigung der wahrscheinlichen Dunkelziffer müssen wir also allein in diesem Land von mindestens 800.000, möglicherweise aber auch von mehr als einer Million direkten und indirekten Opfern ausgehen, mehr als 40.000 pro Jahr. Hinzu kommen noch die Menschen in Pakistan, die im Rahmen des Afghanistan-Kriegs getötet wurden. Deren Erfassung und genaue Abgrenzung ist jedoch schwierig. Crawford und Lutz schätzen ihre Zahl auf fast 67.000, so dass wir zu den Opfern des Afghanistan-Kriegs vermutlich 200.000 bis 300.000 Opfer in Pakistan hinzuzählen müssen.

Irak

Bei ihren Angaben zum Irak übernehmen Crawford und Lutz die Zahl der zivilen Opfer vom »Iraq Body Count« (IBC), einer britischen Initiative, die seit 2003 am zuverlässigsten die gemeldeten Todesfälle bei bewaffneten Auseinandersetzungen im Lande registriert. Zu den vom IBC erfassten rund 200.000 Ziviltoten ermittelten sie noch ungefähr 90.000 getötete irakische Kombattanten und 8.000 ausländische – überwiegend US-amerikanische – Soldaten und Söldner und errechneten so eine Gesamtzahl von rund 300.000 Toten. Für die ersten acht Jahre bis 2011 hatte Crawford insgesamt 165.000 direkte Opfer des Krieges geschätzt.¹¹ In den Jahren nach dem offiziellen Ende der US-Besatzung wurden demnach noch einmal fast genauso viele Menschen getötet.

Geht man von der durchaus noch konservativen, auf den Mortalitätsstudien für den Irak basierenden Schätzung des IPPNW-Body-Count von über einer Million Opfer für den Zeitraum bis 2011 aus und rechnet diese analog zum Zuwachs bei Crawford und Lutz hoch, wächst die Gesamtzahl aller Opfer im Irak auf mehr als 1,8 Millionen. Diese Hochrechnung macht eine repräsentative Studie über die Opfer der Rückeroberung der Millionenstadt Mossul plausibel, die im Mai 2018 in der Fachzeitschrift PLOS Medicine erschien. Demnach waren dabei wahrscheinlich ca. 90.000 Menschen getötet worden, 33.000 davon Frauen und Mädchen, die meisten durch Luftangriffe.¹²

Syrien

Wesentlich schwieriger sind Schätzungen über die Opfer der übrigen »Post 9/11-Wars«. So gibt es zu Syrien stark abweichende Angaben, überwiegend aus den Reihen der Opposition. Aufgrund der Unzuverlässigkeit der Daten hat das Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte (OHCHR) schon bald seine darauf basierende Veröffentlichung von Opferzahlen wieder eingestellt.¹³ Crawford und Lutz stützen sich überwiegend auf die Daten der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), die u. a. aus London und Brüssel finanziell unterstützt wird. Sie ist dennoch die zuverlässigste der oppositionellen Quellen. Die Wissenschaftlerinnen betrachten nur die Zeit seit dem direkten Eintritt der US-geführten Allianz in den Krieg ab September 2014 und kommen so auf ca. 266.000 Tote. Sie vermuten aber, dass die Zahl aller Opfer zwei Millionen übersteigen könnte. SOHR selbst schätzte die Gesamtzahl von März 2011 bis Juni 2021 auf 606.000.¹⁴

Jemen

Auch für den Jemen gilt, wie der renommierte Nahostkorrespondent des Independent, Patrick Cockburn, feststellte, dass »das Fehlen glaubwürdiger Zahlen über die Todesopfer« es »ausländischen Mächten leichter« macht, »den Vorwurf der Mitschuld an einer menschlichen Katastrophe von sich zu weisen«.¹⁵ Einem dem UN-Menschenrechtsrat Anfang September vorgelegten Bericht zufolge wurden im Jemen seit Beginn des von Saudi-Arabien und seinen Verbündeten geführten Krieges im Jahr 2015 schon mindestens 18.000 Zivilisten allein durch Luftangriffe getötet oder verwundet. Diese wurden überwiegend von Saudi-Arabien und ihren Verbündenden geflogen, die von den NATO-Staaten politisch und mit Waffen sowie von den USA auch direkt militärisch unterstützt werden.

Crawford und Lutz übernahmen für ihren Report die von der britischen Initiative ACLED (Armed Conflict Location and Event Data Project) veröffentlichten Zahlen zum Jemen, die allerdings nur die Jahre 2015 bis 2019 umfassen. In diesem Zeitraum hat ACLED rund 112.000 direkte Kriegstote erfasst. In ihrer öffentlich zugänglichen Datenbank summieren sie sich mittlerweile auf ca. 145.000.¹⁶

Das an der University of Sussex entstandene Projekt sammelt und analysiert weltweit Informationen über gewaltsame Konfliktereignisse. Zum Jemen hat es wesentlich mehr Todesfälle registriert als die UNO, scheint in der Erfassung aber dennoch weniger vollständig zu sein als die auf einzelne Länder spezialisierten Projekte. Der »Iraq Body Count« ermittelte beispielsweise 2016 im Irak 16.400 zivile Opfer von Gewalt, ACLED nur 10.600.¹⁷

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) schätzte die Gesamtzahl der Opfer des Krieges sowie der vom Westen tolerierten Blockade des Landes bereits 2019 auf 233.000. Zu 102.000 bei Kampfhandlungen getöteten Opfern rechneten ihre Wissenschaftler noch 131.000 indirekte hinzu. Auf Basis der Entwicklung in vergleichbaren Kriegen kalkulierten sie mit statistischen Methoden, wie viele Opfer bei Fortführung des Krieges in den folgenden Jahren zu erwarten sind. Für 2022 rechnen sie in diesem Fall schon mit 482.000 Toten.¹⁸ Ausgehend von den eher niedrigen Zahlen von ­ACLED sind jedoch sehr wahrscheinlich bereits jetzt mehr als 700.000 Jemeniten infolge des Krieges gestorben.

Libyen

Libyen, das dritte Land, gegen das NATO-Staaten nach 2001 direkt Krieg führten, wird von »Costs of War« nicht einbezogen. Mehrere Initiativen, darunter auch ACLED, haben die Opfer dieser Aggression und des darauf folgenden Zusammenbruchs des Staates unterschiedlich aufwendig erfasst. Nicolas Davies, Journalist und Forscher bei der US-Friedensorganisation »Code Pink«, kommt in einer darauf basierenden, plausiblen Schätzung auf ungefähr 250.000 im Zeitraum von 2011 bis 2017 direkt oder indirekt getötete Libyer und Libyerinnen.¹⁹ Rechnet man die von ACLED seither erfassten 4.850 Fälle analog hoch,²⁰ so muss man mittlerweile von fast 300.000 Toten ausgehen.

Schließlich fehlt bei »Costs of War« auch noch Somalia, wo die USA seit langem mit Luftangriffen, verdeckten Operationen und der Bewaffnung und Unterstützung lokaler Kräfte intervenieren. ACLED hat hier seit 2001 ca. 56.000 gewaltsame Todesfälle in seiner Datenbank erfasst. Nach Davies’ Einschätzung könnte dieser Krieg aber allein seit der von den USA unterstützten äthiopischen Invasion im Jahr 2006 mehr als 500.000 Opfer gefordert haben.

David Vines Hochrechnung von 3,1 Millionen Opfern der »Post 9/11-Kriege« bis Ende 2019 war somit sicher nicht übertrieben. Auch diese hielt er noch für eine konservative Annahme, vier Millionen erschienen ihm damals schon realistischer, aber auch weit mehr durchaus möglich. Gehen wir von den aktuellen Zahlen von »Costs of War« aus und rechnen noch die Schätzungen für Libyen und Somalia hinzu, so müssen wir befürchten, dass die Gesamtzahl der Opfer tatsächlich fünf Millionen schon längst übersteigen kann.

Öffentlichkeit schaffen

Selbstverständlich handelt es sich bei diesen Hochrechnungen um sehr grobe Schätzungen und können die USA und ihre Verbündeten nicht für die Gesamtzahl der Opfer verantwortlich gemacht werden. Doch ob die tatsächlichen Zahlen zwanzig oder fünfzig Prozent höher oder niedriger liegen, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass sie die realistischen Größenordnungen wiedergeben. Diese müssen zur Kenntnis genommen und öffentlich gemacht werden. Natürlich sind auch schon die ab und an in den Medien verbreiteten Opferzahlen erschreckend. Sie sorgen aber, da im Rahmen solcher Kriege wohl zu erwarten, für wenig Aufregung. Würde das ganze Ausmaß der menschlichen Katastrophen, die durch solche Kriege verursacht werden und die Dimensionen eines Völkermords annehmen, einer breiten Öffentlichkeit bekannt, wären sie in Zukunft wohl kaum so leicht führbar.

Anmerkungen:

1 Global Expansion of Post-9/11 Wars, From 2018 to 2020, the US government undertook »counterterrorism activities« in 85 countries. Costs of War, Juni 2021

2 Pentagon annual report declares 85 civilian deaths in recent US actions, Airwars, 2.6.2021

3 40 % of all civilian casualties from airstrikes in Afghanistan – almost 1,600 – in the last five years were children, Action on Armed Violence, AOAV, 6.5.2021

4 Afghanistan Annual Report on Protection of Civilians in Armed Conflict: 2020, UNAMA, Februar 2021

5 »Body Count« – Opferzahlen nach 10 Jahren »Krieg gegen den Terror«, IPPNW, 19.3.2015

6 Neta C. Crawford, Catherine Lutz: Human Cost of Post - 9/11 Wars: Direct War Deaths in Major War Zones. Costs of War, 13.11.2019

7 David Vine: Reckoning with the costs of war: It’s time to take responsibility. The Hill, 13.11.2019

8 Global Burden of Armed Violence, Geneva Declaration on Armed Violence and Development, September 2008

9 Bethany Lacina, Nils Petter Gleditsch: Monitoring Trends in Global Combat: A New Dataset of Battle Deaths. European Journal of Population 21 (2): 145–166, Januar 2005

10 Neta C. Crawford, Catherine Lutz: Human and Budgetary Costs to Date of the U.S. War in Afghanistan. Costs of War, 15.4.2021

11 Neta C. Crawford: Civilian Death and Injury in Iraq, 2003–2011. Boston University/costsofwar.org, September 2011

12 Joachim Guilliard: Mossul ein Jahr nach der »Befreiung« – 90.000 Tote durch Angriff der US-geführten Allianz. In: Ossietzky 18/2018, 15.9.2018

13 J. Guilliard: Frisierter »Body Count« in Syrien. In: junge Welt, 6.2.2013

14 Total death toll Over 606,000 people killed across Syria since the beginning of the Syrian Revolution, SOHR, Stand Juni 2021

15 Patrick Cockburn: The Yemen war death toll is five times higher than we think. In: Independent, 26.10.2018

16 Curated Data, Middle East: acleddata.com/curated-data-files

17 www.iraqbodycount.org/database

18 Assessing the Impact of War on Development in Yemen, UNDP, 22.4.2019

19 Nicolas J S Davies: How Many Millions Have Been Killed in America’s Post-9/11 Wars? Part 3: Libya, Syria, Somalia and Yemen. In: Consortium News, 25.4.2018

20 ACLED, Curated Data, Africa, Stand 31.08.2021

Joachim Guillard schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. September 2019 über die humanitäre Situation im Irak nach der Befreiung vom »Islamischen Staat«

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