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Aus: Ausgabe vom 09.10.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
Literatur

Prag, Blicke

Von Frank Schäfer
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1

Wir stehen vor der berühmten Aposteluhr am Prager Rathaus. Prazsky orloj bimmelt jede volle Stunde eine Weile, was die Menschen, zumindest am späteren Abend, nach ein paar Kannen Urquell, zu Jubelstürmen hinreißt. Diese Kollektivbegeisterung bei einem Glockenspiel ist merkwürdig. Noch kurioser ist das Geschrei einer einzelnen Frau, das im folgenden anhebt. Ein verzweifeltes Greinen wie in einem Horrorfilm. Ich verstehe immer »Nula«, die Vokale langgezogen, gedehnt vom Schmerz. Und was ich dann sehe, ist eine Art Horrorfilm, den vermutlich alle Eltern schon irgendwann mal durchgespielt haben. Eine Mutter sucht ihr Kind. Zwei weitere Kinder stehen um sie herum, völlig verstört. Einen Vater sehe ich nicht. Die asiatische Frau schreit erneut, ihr »Nuulaaa« spürt man kalt im Kreuz.

»So schreit nur eine Mutter«, sagt meine Frau.

Der Platz am historischen Zentrum ist voller Menschen, fast alles Europäer. Ein kleines asiatisches Kind, ich denke sofort an ein Mädchen, müsste doch auffallen. Wir sehen eine andere Touristin, die aufgeregt in eine Richtung zeigt, die kleine asiatische Familie setzt sich eilig in Bewegung, immer wieder, auch als man sie schon nicht mehr sieht, hört man zwischendurch die mütterliche Klage. Der mit Menschen vollgestellte Platz wirkt für einen Moment wie eingefroren. Man fühlt sich hilflos, dann schuldig. Hätte man helfen müssen? Hätte man helfen können? So ganz schüttelt man das nicht ab.

Zurück im Hotel trinken wir noch einen Wein und gehen ins Bett. »Hoffentlich hat die arme Frau ihr Kind wiedergefunden«, flüstert sie noch im Wegdämmern. Das hoffen sicher viele Prager an diesem Abend.

2

Zwei schlanke Mädchen, eins in Hotpants, so hieß das jedenfalls mal, das andere in knappem Tennisrock, defilieren vor uns durch die Prager Innenstadt. Sie sind offenbar auf dem Weg zur Karlsbrücke. Wie wir. Zwei ältere Herren, älter als ich, also wirklich ältere Herren, drehen sich um nach ihnen. Einer macht einen Spruch mit schmierigem Grinsen, es ist Tschechisch, aber trotzdem verstehe ich ihn. Der Drang, ihm in die Eier zu treten, ist groß. Aber dann bleiben die beiden Mädchen stehen und drehen sich um, es sind Mutter und Tochter, die Frau in »heißen Höschen«, so nannte das Bild in den Schwiemelsiebzigern, sieht gut aus, aber sie ist keine 16 mehr, sondern vielleicht 56. Die beiden alten Tschechen sind auch auf sie reingefallen, und ihr schmieriges Grinsen war vielleicht gar nicht so schmierig, sondern verwundert oder vielleicht sogar bewundernd. Vermutlich war es doch eher schmierig.

3

Beim Bummeln durch die Stadt sehen wir immer wieder sehr bunte, ungesund polychromatische Candy Stores. Wie das so ist, wenn einen ständig die gleichen Eindrücke massieren, irgendwann wird man neugierig. Zunächst braucht es ein Alibi. »Wir müssen Oscar etwas aus dem Urlaub mitbringen, er hat schließlich die Blumen gegossen … Denk mal dran, dass ich nachher anrufe, das hat er garantiert vergessen!« Dann dauert es nicht mehr lange, und man ist reif für den Candy Store.

Wir kommen gerade aus einer ziemlich hochkarätigen Banksy-Ausstellung und fühlen uns eher konsumkritisch, eingenordet von diesem antikapitalistischen Meisteragitpropper. Trotzdem sind wir kurz davor hineinzugehen, natürlich nur, um eine Kleinigkeit für den Sohn zu kaufen. Aber vor dem Eingang steht ein kleines Mädchen und kotzt so heftig, dass der Vater einen Panthersprung zur Seite machen muss, um nichts abzubekommen. Das ist ein ziemlich wirkmächtiges konsumkritisches Statement, und einmal mehr zeigt sich, dass die Realität der Kunst absolut überlegen ist. Banksy konnte es uns nicht ausreden, wir wären reingegangen, aber dieses kleine kotzende Mädchen hat uns sofort überzeugt. Reality rules. Wir hätten aber auch rübersteigen müssen …

4

Auf einer der in der Moldau gelegenen kleinen Inseln, die mit Rasen und Bäumen parkähnlich bepflanzt als Naherholungsort genutzt werden, sieht man zahme Nutrias, die den Menschen aus der Hand fressen. Es sind keine Biber, es sind Wasserratten, wie ihr langer peitschenartiger Schwanz zeigt. Das Wort Ratte, allein das Wort, lässt uns Abstand halten, obwohl ihr Kopf eigentlich ganz possierlich aussieht. Vermutlich hat sich deshalb der Name Nutria in der DDR durchgesetzt, dort hat man sie gezüchtet, zur Fell-, aber auch Fleischgewinnung.

Meine Frau recherchiert im Netz und stößt auf Fotos von Nutriababys. Sie sehen aus wie zornige Greise. Das kennt man von Kleinkindern. Grantelnde Alte und ganz junge Lebewesen ähneln sich. Und man ahnt, welcher evolutionäre Zweck dahinter steckt. Die in der Physiognomie manifeste Hilfsbedürftigkeit löst bei den Angehörigen den Impuls aus, ihnen zu Diensten zu sein. Selbst beim allergrößten senilen Genöcker.

5

Banksy, der kapitalismuskritische Punk, kritisiert kapitalismuskritische Punks, die Schlange stehen, um an einem Stand kapitalismuskritische T-Shirts zu kaufen. Er ist auch einer von ihnen. Er weiß das. Am Ende der Ausstellung gibt es einen viel zu großen Verkaufsraum, in dem seine erfolgreichsten Arbeiten als Poster, Postkarten, Kunstbände, Tassen und, ja, auch Schlüsselanhänger feilgeboten werden. Dummerweise fehlen T-Shirts mit den schlangestehenden Punks und ihren kapitalismuskritischen T-Shirts. Man muss die nach oben offene Kritik- und Ironiespirale immer noch eine Runde weiter drehen, damit der Irrsinn sich offenbart.

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Wir würdigen die Exponate keines Blickes und gehen nach draußen in die Sonne, die noch kein Preisschild dranhängen hat. Und ärgern uns bald, dass wir keinen Ausstellungskatalog mitgenommen haben.

6

Auf dem Weg zum Kafka-Museum gehen wir an verschiedenen Tavernen vorbei. Auf allen Tischen stehen große Biere, halbe Liter mindestens. Es ist halb zwölf. Männer und Frauen hat die Stadt zu sympathischen Süffeln erzogen. Es ist schon sehr heiß, und wir freuen uns über die schattigen Arkaden. Zwei Nonnen tafeln hier in einer Ecke, Gulasch mit Serviettenknödeln, eine böhmische Spezialität, auch vor ihren Tellern stehen zwei Halbe, fast ausgetrunken. Noch ehe ich mich darüber freuen kann, ruft eine der beiden nach dem Ober …

7

Auf der Moldau tummeln sich tagsüber viele Tretboote in unterschiedlichen Formen und Farben. Ein Schwan ist ebenso dabei wie diverse Automobilattrappen. In einem schokofarbenen Auto sitzt eine dunkelhäutige Abordnung, sie sind etwa gleich alt, also Freunde und keine Familie. Die Farben sind absolut identisch. Ich muss ein bisschen schmunzeln über diese Harmonie und frage mich, ob das reiner Zufall war oder Kalkül. War das braune Tretboot einfach nur frei? Oder haben sie zwischen einem roten, grünen und diesem Modell wählen können und sich bewusst dafür entschieden? Und was bedeutet es, wenn es so war? Ist das ein identitätspolitisches Statement oder bloß eine ästhetische Präferenz? Und was sagt diese Präferenz aus? Wenn man erst mal damit anfängt ...

8

Wir haben uns Karten besorgt fürs Kafka-Museum, am Ende der Eingangshalle sitzt eine verhärmte, mittelalte Frau, die einen anherrscht, die Karten zu zeigen, und dann fast schon befehlend, jedenfalls maximal unfreundlich feststellt: »The exhibition is upstairs!« Sie ist das »Gesetz« oder jedenfalls dessen Türhüterin. Aber immerhin gewährt sie uns Einlass, wenn auch widerwillig. Ich weiß nicht, ob sie diesen Job schon immer gemacht hat, aber mit ihrer mentalen Ausstattung imaginiere ich für sie eine blendende Karriere als Schließerin im Frauenknast.

Die Ausstellung ist handwerklich schlecht gemacht. Die direkt auf das Vitrinenglas gedruckten Beschreibungen der Exponate sind kaum zu lesen. Bei der Höhe der Schaukästen hat man offenbar an Kinder gedacht. Seine Krankheit wird zu wenig, seine vier Liebschaften werden zu ausführlich thematisiert – und das Kino, eine seiner Leidenschaften, kommt überhaupt nicht vor. Das Komische auch nicht. Aber die inhaltliche Kritik ist nicht weiter der Rede wert, geschmäcklerisch, man kann diesen literarischen Kosmos sowieso nur mit Leerstellen präsentieren. Schlimmer sind die groben technischen Schnitzer. Viel zu dunkle Räume, als ob das düstere Dämmerlicht eine artifizielle kafkaeske Stimmung schaffen müsste, als ob dieses Werk, das die Nachtseiten der Moderne, den Alptraum der Bürokratie und was weiß ich noch alles in Worte fasst, atmosphärische Unterstützung nötig hätte. Also als ob man Leben und Werk nicht zutraute, für sich selbst sprechen zu können. Man ist leicht verstimmt, wenn die Gefängniswärterin einen mit skeptischem Blick zurück ins Sonnenlicht entlässt, aber man hat auch wieder ein paar Einträge mehr auf der Liste. Erneut den »Brief an den Vater« und seine zu Lebzeiten gedruckten Erzählungen und vielleicht doch mal die Tagebücher. Ich habe Kafka am Anfang meines Studiums gelesen, aber zu schnell und ohne begleitende Lektüre. Die ausgestellten Publikationen machen Lust, sich die Texte im Original anzuschauen. Noch besser in der Handschrift, die, auch das hatte ich schon fast wieder vergessen, sehr gut lesbar ist. Möglicherweise ihr angemessener Aggregatzustand.

9

Auf der Prager Touristenmeile preist ein italienisches Restaurant auf Tschechisch seine Spezialitäten an. Ich sehe den Ober, wie er die letzten Tische für den abendlichen Ansturm herrichtet. Er ist Asiat. Weil er meinen Blick bemerkt, dreht er seinen Kopf zu mir und lächelt. Ich lächle zurück. Wir sind nicht hungrig, aber ich hätte mich gern dort hingesetzt.

10

Wir haben einen Abenteuerurlaub geplant – und bekommen. Denn wir sind mit einem feuerroten Spielmobil hier. Es ist zwar schwarz, aber ein Spielmobil, denn es fährt elektrisch, und das nimmt man in Prag nicht ernst. Wir suchen via App Ladestationen und schleichen den ganzen Vormittag auf leisen Sohlen von einer zur anderen, um unseren Duracellhasen wieder zum Laufen zu bringen. Es funktioniert nicht. Die lokalen Säulen akzeptieren unsere Kreditkarte, ziehen auch Geld ein, aber schon nach ein paar Sekunden bricht der Ladevorgang ab. Beim dritten Mal besorgen wir uns professionelle Hilfe. »Excuse my english«, sagt er freundlich, »I’ve learned it on the Play-Station.« Er ruft bei der Hotline an, die veranlasst sogar einen Neustart der Stromzapfe, und dann soll alles wie am Schnürchen klappen, verspricht er uns. Die Keditkarte funktioniert, das flutscht immer, Loading wird initiiert und bricht dann ab wie zuvor. Jetzt verabschiedet sich die spielsüchtige Servicekraft übereilt zur verfrühten Mittagspause, und wir rufen bei der App-Hotline an. Wir schildern den Fall, und der freundliche Mitarbeiter gibt uns einen unbezahlbaren Rat. »Sie sollten Tschechien am besten sofort verlassen, das wird dort nix mehr.« Der Akku reicht bis Dresden, also streichen wir schweren Herzens Wien von unserem Urlaubsplan, täuschen bei der telefonischen Absage gegenüber dem Wiener Hotelier eine Autopanne vor, weil der uns die echte Geschichte sowieso nicht geglaubt hätte und fressen auf dem Weg nach Sachsen vor lauter Frust eine bunte Candy-Store-Tüte leer.

11

In der legendären Titanic-Rubrik »Welt im Spiegel« von Robert Gernhardt, F. W. Bernstein und F. K. Waechter stand mal ein Text mit dem Titel »Mein kafkaeskestes Ferienerlebnis«. Die drei fingieren da einen handgeschriebenen Schüleraufsatz, den der Lehrer mit Rotstift korrigiert und mit kritischen Kommentaren versieht. Das schärfste Verdikt: »Nicht kafkaesk genug!«

Frank Schäfer ist Schriftsteller, Musik- und Literaturkritiker. Er lebt in Braunschweig. An dieser Stelle erinnerte er in der Ausgabe vom 13./14. Februar 2021 an die Popkritiken von Wolfgang Welt.

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