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Aus: Ausgabe vom 04.10.2021, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

»Es hakt an allen Ecken und Enden«

Wofür braucht es eine eigene Sportpartei? Ein Gespräch mit Michael Möller
Von Andreas Müller
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Und Schnee braucht es auch keinen: Breitensport Rollskilauf

Die Deutsche Sportpartei wurde 2018 gegründet und hat derzeit mehr als 500 Mitglieder in sechs Landesverbänden – alle ausschließlich in Westdeutschland. Ab wann wollen Sie das parlamentarische Feld aufrollen?

Bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im nächsten Jahr werden wir erstmals in den Ring steigen. Spätestens dann sollen die etablierten Parteien merken, dass am Sport und den Sportlern als gewaltige gesellschaftliche Größe niemand vorbeikommt. Wir sind allerdings weit davon entfernt, eine Ein-Thema-Partei zu sein. Mehr direkte Demokratie, Volksentscheide und Bürgerbegehren gehören ebenso zu den relevanten Themen wie die Wirtschafts- und Klimapolitik. Wir versuchen, überholte und verkrustete Strukturen der etablierten Parteien zu überwinden, die bestenfalls immer nur im Vierjahresrhythmus bis zur nächsten Wahl blicken. Mit derlei Kurzsichtigkeit sind zentrale gesellschaftliche Themen ebensowenig zu bewältigen wie über den Fraktionszwang. Wenn ein guter Vorschlag auf dem Tisch liegt, der sinnvoll und nützlich ist, ist es doch ganz gleich, von welcher Seite er stammt.

Mit welcher Intention wurde die Partei 2018 gegründet?

Der ursprüngliche Impuls kam von meinem Sohn, der damals Pressesprecher bei der Jungen Union in Düsseldorf gewesen war und sich zunehmend über die belanglosen Themen dort ärgerte. Wir kamen zu dem Schluss, dass der Sport mit seiner immensen integrativen Kraft und als extrem wichtiger Faktor etwa im sozialen Leben, bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen und bei der Volksgesundheit völlig unterbelichtet war. Wir wissen zur Genüge, dass in vielen Stadtsportbünden CDU- oder SPD-Leute sitzen und vieles einfach zur Seite schieben, was an Ideen und Vorschlägen auf den Tisch kommt. Das sind Verhältnisse, die sich Sportler nicht länger gefallen lassen wollen. Wie der Sport auch bundesweit gegängelt wird, war zuletzt in der Pandemie und dem monatelangen Stillstand besonders gut zu sehen.

Mal auf den ersten Blick geschaut: Im Deutschen Olympischen Sportbund sind 27 Millionen Menschen organisiert. Ein beträchtliches Wählerpotential, nicht?

Das haben wir so ähnlich schon hin und wieder gehört, und der Sport bietet für uns ein reiches Betätigungsfeld, das ganz anders bestellt werden muss als bisher. Dieses Land gibt irrsinnige Summen für Rüstungsprojekte aus – bis hin zu Gewehren, die nicht schießen können. Im Sport wäre das Geld viel besser aufgehoben. Es ist völlig falsch, den Sport mit seinen kommerziellen Facetten als Wirtschaftsgut wahrzunehmen, während sein wahrer Wert oft gar nicht erkannt bzw. anerkannt wird.

Eine Ihrer Forderungen ist die komplette Abschaffung von Mitgliedsbeiträgen in Sportvereinen.

So ein Szenario haben wir seriös durchrechnen lassen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass, wenn die öffentliche Hand diese Kosten übernimmt, dies für den Staat am Ende trotzdem ein Plusgeschäft wäre. Zum Beispiel, weil sporttreibende Senioren länger vital bleiben und erst viel später von Familienangehörigen betreut werden oder in ein Senioren- oder Pflegeheim eingewiesen werden müssen und weil Breiten- und Hobbysport generell der Entlastung der Krankenkassen dient. Es gibt zugleich volkswirtschaftliche Aspekte weit über die geldwerte Arbeit der rund acht Millionen Ehrenamtlichen im Sport hinaus. Langzeiterwerbslose können über Sportvereine aus ihrem Trott herauskommen, wieder ganz anders am Leben teilnehmen. Sport ist vielleicht die einzige Größe, bei der es keine Abgrenzungen gibt, bei der Menschen jeden Alters zusammenkommen, ohne zu fragen, was jemand ist, hat und woher er kommt. Es gibt nichts Besseres als Sport. Niemand sollte einen Vereinsbeitrag zahlen müssen, das wäre zugleich ein Beitrag zu größerer sozialer Gerechtigkeit.

Wie halten Sie es mit dem Leistungssport?

Wichtig ist für uns die soziale Absicherung der Athleten, sie stehen nach ihrer Karriere leider oft genug mit leeren Händen da. Zuerst fordert der Staat von ihnen Medaillen, sie repräsentieren ihn international. Anschließend werden sie einfach vergessen. Wir möchten sie insbesondere vor Altersarmut schützen. Warum nicht in Form einer Rente? Genausowichtig ist es, die Anerkennung und finanzielle Situation der Trainer zu verbessern. Es hakt an allen Ecken und Enden.

Michael Möller ist Bundesvorsitzender der Deutschen Sportpartei

Zeitung für das Recht auf Wohnen

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