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Aus: Ausgabe vom 04.10.2021, Seite 7 / Ausland
Staat gegen Linksrepublikaner

Willkommener Anlass

Verhaftungswelle in Nordirland gegen Linksrepublikaner nicht nur wegen Tod von Journalistin
Von Dieter Reinisch
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»Unvollendete Revolution«: Wandmalerei am Sitz der linken Partei Saoradh im nordirischen Derry

Eine Operation der nordirischen Polizei gegen linksrepublikanische Aktivisten soll deren Strukturen langfristig zerschlagen. Die Verhaftungswelle konzentriert sich auf die Region um Derry, wo die Partei Saoradh (Befreiung) bei Arbeitern und Jugendlichen Unterstützung genießt. Sie gilt als der politische Arm der Neuen IRA, der einflussreichsten noch aktiven republikanischen Guerillaorganisation. Am Freitag morgen wurden zwei Aktivisten unter dem Verdacht des Terrorismus verhaftet. Sie werden seither in der Polizeistation Musgrave in Belfast verhört. Ihnen wird eine Verbindung zum Tod der Journalistin Lyra McKee vorgeworfen. Seit Mitte September wurde bereits mehr als ein Dutzend Republikaner aus Derry angeklagt. Die 29jährige McKee war am Rande von Ausschreitungen in Derry in der Nacht auf den 19. April 2019 von einer Kugel getroffen worden. Zu den Schüssen auf die Polizei bekannte sich die Neue IRA damals und entschuldigte sich in öffentlichen Stellungnahmen für McKees Tod.

In den Nächten vor Ostern kommt es in den katholisch-nationalistischen Arbeitergegenden Nordirlands regelmäßig zu Konfrontationen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Sie haben in Nordirland über die Jahre Volksfestcharakter angenommen. Aufgrund der Veranstaltungen in Erinnerung an den Aufstand gegen die britische Kolonialmacht zu Ostern 1916 ist die Situation besonders aufgeheizt. 2019 durchsuchte die Polizei mehrere Häuser republikanischer Aktivisten. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei. In den Gärten und entlang der Straßenzüge standen auch in jener Nacht Schaulustige. McKee beobachtete mit Freundinnen die Ausschreitungen hinter einer Linie gepanzerter Polizeifahrzeuge. Knapp vor Mitternacht trat ein junges IRA-Mitglied um eine Ecke und feuerte aus einer Kleinkaliberwaffe rund zehn Schüsse auf die Panzerfahrzeuge ab. Ein Blindgänger traf McKee im Nacken. Sie starb noch in derselben Nacht im Krankenhaus.

Die Neue IRA wollte mit ihren Aktionen den MTV-Moderatoren Reggie Yates beeindrucken, der eine Dokumentation über die Gruppe drehte. In den Tagen zuvor hatte Yates mehrere Aktivisten getroffen und gefilmt. Der TV-Sender stellte unverzüglich jegliches Bildmaterial den Behörden zur Verfügung. Ende September wurden der Saoradh-Pressesprecher, Patrick Gallagher (24), und drei weitere Aktivisten basierend auf den MTV-Aufnahmen wegen Anzettelung von Ausschreitungen angeklagt. Auch gegen andere Republikaner wird das gefilmte Material als Beweismittel vor Gericht verwendet.

Bisher wurden drei Personen wegen des Tods von McKee angeklagt. Im September waren es Gearóid Peter Cavanagh (33) und Jordan Devine (21), bereits 2020 wurde der 53jährige Paul McIntyre angeklagt. Ebenso angeklagt ist Niall Sheerin (28) der die Waffe, mit der McKee erschossen wurde, versteckt haben soll. Sie wurde im Frühjahr 2020 in einem Baumversteck gefunden.

Der Tod der Journalistin brachte die Aktivitäten der Neuen IRA nahezu zum Erliegen. Seither haben viele Aktive die Gruppen verlassen, zugleich verstärkt der Geheimdienst die Aktionen gegen Linksrepublikaner. Im August 2020 wurden zehn Personen verhaftet. Sie waren durch den Spitzel Dennis McFadden aufgeflogen, der fast zwei Jahrzehnte zunächst in der Sinn Féin, dann in der Saoradh und der Neuen IRA für den britischen Geheimdienst MI5 gearbeitet hatte. McFadden hat seither eine neue Identität erhalten und Irland verlassen. Die Anklage wirft den sieben Männern und zwei Frauen vor, das IRA-Oberkommando zu sein. Der zehnte Angeklagte ist der ehemalige Vorsitzende der palästinensischen Gemeinde in Schottland. Der Arzt soll für die Neue IRA Kontakte in den Nahen Osten aufgebaut haben.

Die Verhaftungswelle trifft mit dem 20. Jahrestag der Ermordung des Journalisten Martin O’Hagan durch loyalistische Paramilitärs zusammen. Der Journalist des Boulevardblatts Sunday World war am 28. September 2001 in seiner Heimatstadt Lurgan von der Loyalist Volunteer Force erschossen worden. Anwälte vermuten, dass der Geheimdienst in den Mord involviert war. Bis heute wurde niemand angeklagt. Zum Jahrestag organisierte die Journalistengewerkschaft NUJ eine Kundgebung, bei der die Aufarbeitung des Mordes gefordert wurde.

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