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Aus: Ausgabe vom 04.10.2021, Seite 1 / Titel
Raus aus dem Amt

Brasilien gibt nicht auf

Hunderttausende auf den Straßen fordern Bolsonaros Rücktritt. Aufgehetzter Autofahrer überfährt Demonstrantin. Fast 600.000 Covid-Tote
Von Ina Sembdner
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In den Straßen São Paulos wollen Demonstranten am Sonnabend Bolsonaro endlich hinter Gittern sehen

Erneut sind brasilienweit am Sonnabend Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen, um lautstark und kreativ gegen Präsident Jair Bolsonaro zu protestieren. In Fortaleza und Rio de Janeiro sowie in anderen kleineren Gemeinden versammelten sich die Menschen bereits in den Morgenstunden, am Nachmittag folgten Massendemonstrationen in der Hauptstadt Brasilía und der Metropole São Paulo. Dazu aufgerufen hatten Gewerkschaften, Studierenden- und andere Organisationen in insgesamt mehr als 250 Städten des südamerikanischen Landes. Zu den Protesten in Rio de Janeiro, Salvador, São Paulo und Brasilía sowie in hundert weiteren Städten hatte die »Nationale Kampagne Bolsonaro raus« mobilisiert. Sie wird nach Angaben von Telesur von einem Dutzend linker Parteien, Gewerkschaftsverbänden und der Gruppe Direitos Já! (Rechte jetzt!) unterstützt, in der sich führende Vertreter von 19 Parteien zusammengeschlossen haben.

In Recife wurde eine junge Frau schwer verletzt, als ein Autofahrer die Blockade der Demonstrierenden durchbrach. Wie ein Zeuge des Vorfalls der Nachrichtenseite brasildefato schilderte, hatte der Fahrer trotz Aufforderungen der Umstehenden nicht angehalten und schleifte die Demonstrantin mehr als 100 Meter weit mit. »Er hat gebremst, das Mädchen ist gestürzt, und er hat sie überfahren«, so der Zeuge. Der Fahrer soll sich laut anderen Anwesenden zugunsten Bolsonaros ausgesprochen und während des Durcheinanders sogar eine Waffe gezogen haben. Für Paulo Mansan, Landesvorsitzender der Bewegung der landlosen Arbeiter, »der Gipfel der Absurdität und Intoleranz«. Und auch die Stadträtin von Recife, Dani Portela von der Partei Sozialismus und Freiheit (Psol), forderte Konsequenzen und gab an, sie habe die zuständigen Behörden verständigt. »Es war böswillig, absichtlich, er wollte es tun«, erklärte sie.

Und was macht der Faschist im Präsidentenpalast derweil? Er hetzt wie gewohnt in alle Richtungen und verbreitet Fake News. Schon seit Beginn der Pandemie spielt der Präsident die Risiken des Coronavirus herunter, lehnt das Tragen von Masken ab und propagiert unwirksame bis gefährliche Medikamente. So auch bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung am 21. September. Dort warb Bolsonaro erneut für sein sogenanntes Covid-Kit. Wohl wissend, dass eine Anhörung vor der parlamentarischen Untersuchungskommission zu diesem Punkt anstand. Der Vorwurf, der dort am vergangenen Mittwoch von der Anwältin Bruna Morato vorgetragen wurde: Covid-19-Patienten sei entsprechend den Empfehlungen von Beratern Bolsonaros das Malariamittel Chloroquin von der Firma Prevent Senior gespritzt worden. Demnach seien 2020 zwölf bei der Firma in São Paulo tätige Ärzte dazu gezwungen worden, ihren Patienten das »Covid-Kit« zu verabreichen – sieben der Erkrankten starben, ihre Krankenakten sollen im nachhinein geändert worden sein.

Bolsonaro vergaß in New York auch nicht, seine Vorgehensweise zu verteidigen: »Von Anfang an habe ich in meinem Land darauf hingewiesen, dass wir zwei Probleme zu lösen haben, das Virus und die Arbeitslosigkeit, und dass beide Probleme gleichzeitig und mit demselben Verantwortungsbewusstsein angegangen werden müssen.« Nun ja, Brasilien steht kurz davor, die Marke von 600.000 Toten im Zusammenhang mit Covid-19 zu erreichen, und mit mittlerweile 14,1 Millionen Erwerbslosen befindet sich das Land in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen seiner Geschichte.

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