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Aus: Ausgabe vom 02.10.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Geschichten hinter der Migration

Das andere Bangladesch

Globalisierung und Migration: Geschichte einer Flucht nach Italien
Von Elisa T. Bertuzzo
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»Einwanderer, rettet uns vor den Italienern«: Deutliche Aufforderung an einer Wand in Cagliari

Pandemiesommer 2021, Cagliari, Italien. Es ist ein warmer Abend, und auf der Piazza Garibaldi essen die Urlauber sardische Spezialitäten bei Wein oder Spritz, während die Kinder aus dem Viertel gleich hinter oder zwischen den Tischen Ball spielen. Trotz der vergleichsweise zentralen Lage in der Stadt ist der Platz weder ein repräsentativer noch ein von Tourismus und Movida (Nachtleben) völlig eingenommener Ort, die Atmosphäre ist angenehm gelassen und alltagsnah. Den nordwestlichen Rand bildet die große Grundschule Garibaldi und genau hier wartet Milton neben seinem Erstgeborenem, dem einen Kopf größeren Rahayan, auf mich: Vater und Sohn, beide in weißes Hemd und Jeanshose gekleidet, strahlen eine sanfte Aufregung aus, sie sprechen ruhig und mit weichen Stimmen; nur die von Milton zittert ein wenig, ganz kurz.

Ich dagegen bin wohl auch sichtbar gerührt, spreche zuviel und zu laut auf Bengali, was die Blicke von einigen italienischen Familien auf mich zieht. Wir machen uns bald zu Fuß auf den Weg nach Hause, wo ich Miltons Frau Taslima, und ihre anderen Kinder, Raju, Jehad, Hasib und Mahaya wiedersehen werde. Neun Jahre ist es her, dass ich sie in Gafargaon besucht habe. Die schüchtern lächelnden Gesichter kommen mir zugleich vertraut und unreal vor. Damals kochte ich in der kleinen offenen Küche ihres Bauernhofs Pasta mit Tomatensoße und erzählte Raju und Jehad von Italien, diesem fernen Land. Heute sitzen wir zusammen im größten Zimmer einer beengten Altbauwohnung, und Bangladesch, ihr Land, ist so weit weg, oder so nah, wie noch nie.

Ich erinnere mich gut an den beeindruckenden Effekt, den die Topographie Bangladeschs auf mich machte, als ich zum ersten Mal von Dhaka abhob. Die weiten, von Flüssen und gewundenen Bächen durchzogenen Agrarflächen, von den saisonalen Überschwemmungen halb unter Wasser gesetzt, sahen vom Flugzeug aus, wie ich es bei jeder Landung in Venedig gesehen hatte – beides sind in der Tat Deltaregionen. Dieses andere Delta – also die bengalisprachige Region, die sich über Bangladesch und Westbengalen (Indien) erstreckt – ist seit 2006 – mal explizit, mal eher implizit – der Schauplatz meiner Forschungsarbeit.

Die biographischen und wirtschaftlichen Verbindungen, die sich in dieser Zeit durch Migration und industrielle Ausbeutung zwischen Italien und Bangladesch entwickelt und diversifiziert haben, hatte ich indessen lange ignoriert: Italiener, die sich in Dhakas Flughafen auf der VIP-Spur für Textilinvestoren ansammelten, die vielen Männern aus Bangladesch, die es in Italien an praktisch allen Bahnhöfen und Busbahnhöfen gab. Erst nachdem mich Milton 2015 aus einem Lager in Libyen angerufen, sein Leben im Mittelmeer riskiert und Sardinien erreicht hatte, wo ich ihn ein Jahr später schließlich besuchte, begann ich, Italien mit einem spezifischen Interesse zu betrachten. Und stellte fest, wie der Geschäftsmann Kamrul auf einer Fahrt durch das Hinterland von Cagliari neulich bemerkte, dass »Italien das andere Bangladesch ist«.

Verbunden, und doch getrennt

Wenige Italiener wissen es, aber die bangladeschische Community stellt inzwischen eine der bedeutendsten Migrantengruppen des Landes dar und wohlgemerkt auch eine der größten in Europa: Nur in Großbritannien leben mehr Menschen aus Bangladesch. Laut amtlichen Informationen waren es im vergangenen Jahr 250.000, aber da sich diese Zahl nur auf die offiziell Erfassten bezieht, sprechen viele Quellen, inklusive des UNDP (das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) von 400.000 Menschen. Sie leben in ganz Italien verteilt, besonders im industriellen Norden und in den Stadtregionen von Venedig, Mailand und Rom. Genau dort, anlässlich der Vorwahlen der demokratischen Partei PD im Juni dieses Jahres, wurde die Medienöffentlichkeit womöglich zum ersten Mal auf die Community aufmerksam. Und zwar dadurch, dass mehrere aus Bangladesch stammende Mitbürger an der Wahl teilnahmen. Die Vorwürfe der Manipulation und des Stimmenkaufs – nicht nur von rechts – waren leider erwartbar.

Ich kann diese Geschichte nicht weitererzählen, ohne mindestens drei Umstände ins Bewusstsein zu rufen, die – den verbindenden Effekten von Globalisierung und Migration zum Trotz – Italien und Bangladesch unweigerlich trennen. Erstens geht der Wunsch nach persönlicher Mobilität und wirtschaftlicher »Integration«, der die heutige Welt zu prägen scheint, auf ein imperialistisches, koloniales, eurozentrisches und rassistisches Verständnis davon zurück, wie eben diese Welt unter Kontrolle gehalten werden soll – und entsprechend, wer sich darin wie bewegen soll. Menschen und ihre Mobilität werden in der Festung Europa entlang von Religions-, Farb- und Geschlechtsgrenzen bestimmt, die den Raum des normativen »Wir« aus weißen, wohlhabenden, meistens auch heteronormativen »Vollbürgern« ebenso definieren wie den Raum der »gefährlichen Körper«, vor denen »Wir« geschützt werden sollen, und von denen »Wir« freilich mit Dienstleistungen versorgt werden müssen.

In der Tat ist die Grenze, wie der italienische Philosoph Sandro Mezzadra in seinem mit Brett Neilson verfassten Buch »Border as Method« gezeigt hat, nichts anderes als eine Methode der Reproduktion von Arbeitskraft, genauer gesagt von billigen Arbeitskräften. Milton gehört zwar zu den wenigen, die binnen kurzer Zeit einen legalen Aufenthaltstitel erhalten haben und in Italien mit ihrer Familie leben können. Doch auf einem deregulierten Arbeitsmarkt hadert auch er damit, eine Arbeit zu finden und hält sich nur dank des 2019 eingeführten Grundeinkommens und mit nicht ungefährlichen saisonalen Jobs über Wasser. Sein Sohn Rahayan, der kurz nach der Ankunft in Italien volljährig wurde, musste auf die Schule verzichten, um die siebenköpfige Familie mit zu unterstützen; den Bereitschaftsjob für eine Fastfoodkette in einem Außenbezirk der Stadt ist er schon lange leid. »Wie kann ich im Leben etwas erreichen, wenn ich für drei Euro die Stunde arbeiten muss?«, fragte er mich einmal gedemütigt. Auch Italiener müssen für diesen Hungerlohn arbeiten, sagte ich und wusste, dass das seinen verständlichen Frust nur noch mehr vertiefen würde. In Deutschland sei alles sicherlich besser, meinte er – ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

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Lebensmittel aus Bangladesch: Die Community in Italien ist eine der größten in Europa

Zweitens bringt die Einwanderung von Bangladesch nach Italien – ein vergleichsweise junges Phänomen, wie die Einwanderung nach Italien im allgemeinen – seit ihren Anfängen, das heißt, seit Ende der achtziger Jahre, eine merkwürdige Abhängigkeit zwischen den zwei Ländern zum Ausdruck. Hier muss ich auf das Bild vom roten Teppich für die Investoren auf Dhakas Flughafen zurückgreifen, das neben der Perversität und den kolonialen Schikanen, die »nicht-EU-Bürger« an jeder Grenze und in jedem Amt der Union ertragen müssen, auch den historischen Zusammenhang zwischen dem Zufluss italienischer Auslandsinvestitionen in Bangladesch und der Ankunft bangladeschischer Migranten in Italien veranschaulicht. Mit anderen Worten: Jedesmal, wenn Italiens Textilindustrielle im Rennen um minimierte Produktionskosten durch Outsourcing günstigere Konditionen in Verträgen mit Bangladesch (das ohnehin eine investorenfreundliche Politik verfolgt) für nötig hielten, trafen die Regierungen der beiden Länder Vereinbarungen über »kontrollierte« Migration durch Sondervisa. Standen anfangs gebildete Fachkräfte im Zentrum dieser Programme, wurde in der zweiten und dritten »Welle« insbesondere die Einwanderung von (männlichen) Landarbeitern begünstigt. 2020 wurden erstmalig vereinfachte Migrationsbedingungen auch für Pflegekräfte aus Bangladesch versprochen.

Drittens muss ich erwähnen, dass die Auswanderung von Milton sowie der meisten Bangladescher, die ich seit 2016 interviewt habe, nicht mit dem Klimawandel zu erklären ist, obwohl Bangladesch zu den von Erderwärmung und Meeresspiegelanstieg am meisten bedrohten Ländern der Welt zählt. Eine wichtige Rolle spielt Verschuldung. Bangladesch hat die weltweit höchste Konzentration von NGOs pro Einwohner, die meisten davon handeln mit Mikrokrediten. In früherer Forschung konnte ich feststellen, wie oft die starke Landflucht mit Verschuldung bei einer oder manchmal auch mehreren NGOs zusammenhängt. Inzwischen verstärkt das auch die internationale Migration, wobei die Entscheidung, ein Mitglied ins Ausland zu schicken, für die meisten Familien die Aufnahme von neuen Krediten bedeutet. Angesichts der Folgen des Outsourcings für Beschäftigte in Italien sowie anderen sogenannten Industrieländern sowie der hochgradig ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse der Bangladescher im eigenen Land und in diesen Ländern, kann ich diese Geschichte nur im Kontext einer Globalisierung der Prekarität erzählen. Doch es ist auch eine eindeutig italienische Geschichte.

Nicht gebrochen

Dezember 2016, Cagliari, Sardinien. Ich begebe mich auf die Piazza della Repubblica und schaue etwas unruhig links und rechts. Ich frage mich, wie Milton nach all den tragischen Monaten aussehen wird, ob er weinen wird wie am Telefon, was ich dann sagen werde; ob ich geeignete, angemessene Worte finden werde. Er hat mich schneller erkannt, schon kommt er mir entgegen. Er lächelt, ist gerührt, umarmt mich wie einen Bruder, mehrere Male. Bangladesch ist so nah, dass mir schwindlig wird. Er trägt einen schwarzen Pullover, eine schwarze Jacke und schwarze Hose. Seine kurzen schwarzen Haare wirken dunkler, als ich es in Erinnerung habe. Ein Gedanke geht mir durch den Kopf, den ich schon in Dhaka hatte: Welche Würde dieser Mensch hat. Nein, die Gefangenschaft in Libyen hat ihn nicht völlig zerbrochen – selbst wenn er wegen der vielen Schläge eine kaputte Schulter hat und an furchtbaren Knieschmerzen leidet.

Unvermittelt kommt mir ein zweiter Gedanke. Ich denke an die Sommermonate vergangenen Jahres, als wir telefonierten, immer sonntags, und ich ihm italienische Wörter beibrachte: »mare« – Meer, war das erste, das er lernen wollte. Bis er das Boot nahm, war es November; das Meer schluckte ihn nicht, sondern verschlug ihn, nach einer Havarie der Maschine, mit etwas Hilfe der Küstenwache in Sardiniens Hauptstadt Cagliari. »Eine Insel, apa (Schwester), ich bin wieder gefangen, aber peu à peu werde ich schon weiterkommen«, war sein Kommentar. Auf der Insel seien die Aussichten für Geschäfte sehr gering, aber mindestens bis zum Gerichtsverfahren, wo der Richter alles entscheidet, solle er hierbleiben, sagt er, während wir die Via Grazia Deledda hinunterlaufen. Die Kälte erlaubt keine langen Spaziergänge, und bald darauf studiere ich am Tisch eines Schnellrestaurants seine Papiere. Die Urkunde, zugleich Asylantrag, die bei der ersten Ankunft entsprechend den Regeln vom Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) verfasst und von ihm, der weder Italienisch noch Englisch lesen und schreiben kann, unterschrieben wurde, ist voller Fehler. Seine Heimat ist mal als Senegal, mal als Bangladesch angegeben, die Details über seine Familie und die Reise nach Europa sind widersprüchlich. Es ist offensichtlich, dass das Protokoll unter Zeitdruck getippt wurde – bei den vielen Landungen und den chronisch unterbesetzten Verwaltungen ist das kein Wunder.

Seinen Namen hat er immerhin selbst geändert, das ist eine typische Empfehlung beim Verlassen von Afrika. Allerdings kann oder will er mir nicht erklären, warum er für den Termin mit dem Richter 2.000 Euro benötigt. Erst einige Tage später gibt er zu, dass dieses Geld dem Dolmetscher zukommen soll: einem Bangladescher, der schon lange in Italien wohnt und eingebürgert wurde, und der für die Caritas diese Aufgabe als Freiwilliger ausführt. Dass die katholische Organisation praktisch der einzige Träger der Migrations- und Flüchtlingsarbeit in Süditalien ist, weiß ich inzwischen. Mir ist auch bekannt, dass sie hierbei ein rentables und in Teilen so suspektes Geschäft macht, dass Journalisten von einer neuen mafiösen Branche, der »Mafia Capitale« sprechen. Aber warum sollte sich die Caritas auf freiwillige und nicht berufstätige Dolmetschende stützen? Kann es sein, dass sie an den von Italiens Regierung und der EU finanzierten Gehältern spart, wie sie laut Berichten auch an der Qualität von Essen und Einrichtungen für die Geflüchteten knausert? Und kann es sein, dass sie den »Freiwilligen« damit eine Chance bietet, sich an hilflosen Landsleuten zu bereichern?

Unter anderem diese Fragen stelle ich am nächsten Tag Miltons Anwalt, einem überarbeiteten Mann, der das Migrationsrecht als antirassistische Tätigkeit versteht. Mich hat kurz verblüfft, dass die Nachricht für ihn überhaupt nicht neu war – ganz im Gegenteil, auch Dolmetschende für andere Sprachen sollen dasselbe tun. Warum gehen die Rechtsanwälte, zusammen mit den Richtern, die davon wissen, nicht dagegen vor? Er seufzt und schaut mich traurig an, als wäre ich ein Kind, das bald die Welt in all ihrer Ungerechtigkeit wird kennenlernen müssen. Vielleicht verstehe ich es. Ich verstehe, dass das Land, von dem Milton lange träumte und von dem schon so viele gesagt haben, dass es gewollt und ungewollt Räume der Improvisation, Selbstinitiative, Toleranz schafft, vor allem tolerant gegenüber Abweichungen vom Gesetz ist, von denen die verschiedensten Akteure profitieren. . Im Sommer 2020 rief mich Miltons Anwalt an, um mir zufrieden mitzuteilen, dass genau jener Dolmetscher angezeigt und verhaftet worden war – wenig später allerdings folgte eine partielle Freisprechung. Ich verstehe, dass Miltons Kinder zusammen mit anderen hart werden kämpfen müssen, damit sich etwas zum Besseren verändert.

Elisa T. Bertuzzo ist Stadtforscherin mit Schwerpunkt Südasien

Zeitung für das Recht auf Wohnen

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