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Aus: Ausgabe vom 02.10.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Leistungsästhetik

Von Arnold Schölzel
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Seit dem 26. September hat Die Welt wieder Hoffnung, jedenfalls auf hinteren Seiten. Denn am Montag lautet die Schlagzeile zum Seite-eins-Kommentar: »Die SPD wird wieder Mitte, die Union ist im Eimer«. Chefredakteur Ulf Poschardt hatte dafür selbst in den Stehsatz gegriffen. Erst auf Seite fünf fand die Redaktion zur richtigen Form: »Lindner feiert historischen Erfolg der FDP«. Die Liberalen seien »bei zwei aufeinanderfolgenden Bundestagswahlen zweistellig« ins Parlament gekommen. So genügsam ist man bei Springer heute fürs Epochemachen. Aber egal, wichtig ist: Die Welt steht hinter der Rettungsmission Christian Lindners, die in dem von Redakteur Thorsten Jungholt zitierten Satz zusammengefasst ist: »Wir sind auch 2021 nicht bereit, unser Land auf einen Linksdrift zu schicken.« Man werde standhaft sein wie 2017. Angela Merkel hatte damals offenbar finstere Pläne, Lindner musste gewissermaßen vom Sondierungsbalkon springen, um nicht sonstwohin getrieben zu werden.

Nun beginnt Kapitel zwei der Erlösergeschichte. Denn kaum ist die Merkel-Linksdrift beendet, schwimmt nun laut Jungholt die SPD in den Linksextremismus: »Einer Ampel, so flüstern es FDP-Strategen, könnte aufgrund der mit vielen Jusos absehbar nach links driftenden SPD-Fraktion die Stabilität für vier Jahre fehlen.« In diesem Land schwimmt alles unkontrolliert nach links, wenn Die Welt nicht aufpasst. Aber es gibt Hoffnung: Robert Habeck wolle nicht »als Kellner unter dem Koch Scholz regieren«, sondern »die Grünen zur führenden Kraft im linken Parteienlager« machen. Der FDP sei damit klar: Habeck müsse bei Klima und Sozialpolitik »in einem Jamaika-Bündnis« etwas herausholen. Dann ist die Mission gegen linke Abweichung aber nicht beendet, sondern es geht erst richtig los. Es ist laut Lindner Zeit für einen »neuen Aufbruch«, und den hält er, schreibt Jungholt, »eher im Rahmen eines Jamaika-Bündnisses für möglich«. Überraschung und fast schon eine Nachricht.

Aber die »Ampel« gefährdet den Welt-Heiland Lindner. Denn sie schleppt, so Jungholt am Dienstag, »Ballast« herum, mit einer »SPD-Fraktion, in der 23 Prozent Jusos sitzen (inklusive deren Exchef Kevin Kühnert) und die deshalb unberechenbar ist«. Am Mittwoch sieht die Zeitung die Sozen schon versackt und alarmiert auf Seite eins: »Experten erwarten Linksruck in der SPD. Juso-Chefin beansprucht Einfluss in der Fraktion«. Die BRD – doch eine »Titanic« – oder schwebt der Geist Lindners über den Wassern?

Ja, lautet die Antwort am Donnerstag: Poschardt muss erneut an die Tastatur, um Hoffnung zu spenden. Also steht auf Seite eins: »Was die FDP jetzt einbringen muss«, um dem Linksversacken zu entgehen. Selbst »grüne Einpeitscher« identifizieren bereits, so Poschardt, die FDP »als Agenden des Wandels und des Progressiven« (so im Original). Das macht der Sieg in der Wahlkampfästhetik: Die Grünen hatten »auf Instagram die ganzen nostalgischen, postmateriellen Wohlstandskinder auf ihrer Seite, die FDP aber die gesamte angelsächsische Popkultur«, deren Videoclips »nichts anderes als eine knallharte Leistungsethik und -ästhetik radikal neoliberaler Selbstoptimierung propagieren«. In einer Ampelkoalition müsse die FDP nun den »grassierenden linken Irrsinn in der SPD und bei den Grünen« einfangen.

Es ist fast vollbracht: Aus der »einstigen Honoratioren- und Apothekerpartei« hat Selbstoptimierungsgott Lindner laut dem Fachmann für überirdische PR Poschardt »eine junge Stimme bürgerlicher Ambition« gemacht – »ohne den Idealismusquark und eitles Weltrettungspathos«. Aus »Leistung muss sich wieder lohnen« ist »Leistungsästhetik« geworden. Es reicht, wenn Poschardt und Die Welt wissen, um was es sich dabei handelt. Den Rest regeln Banken- und Industrieverband.

Angela Merkel hatte 2017 offenbar finstere Pläne, Lindner musste gewissermaßen vom Sondierungsbalkon springen, um nicht sonstwohin getrieben zu werden.

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