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Aus: Ausgabe vom 01.10.2021, Seite 12 / Thema
Literatur

»Herrlich proletarisch«

Vor 50 Jahren erschien Heinrich Bölls Gesellschaftsroman »Gruppenbild mit Dame«. Seine Heldin verweigert sich der Anpassung an die herrschenden Trends: Rassismus, Opportunismus, kaltes Profitratendenken
Von Jürgen Pelzer
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Eingreifender Schriftsteller. Heinrich Böll spricht zu den Teilnehmern der Großdemonstration gegen die Notstandsgesetze im Bonner Hofgarten, 11. Mai 1968

Die Publikation des Romans »Gruppenbild mit Dame« im Sommer 1971 war ein literarisches Großereignis, wie es deren nur wenige in der alten Bundesrepublik gegeben hat.¹ Obwohl die erste Auflage mitten im Sommer erschien, wurde schon nach kurzer Zeit die dritte Auflage vorbereitet. In der FAZ wurde der Roman zwischen Juli und November komplett abgedruckt. Ausführliche Besprechungen in allen Zeitungen folgten. Böll hatte, obwohl in den Medien stets als kritische Stimme präsent, seit einigen Jahren kein größeres Werk vorgelegt, doch in wichtigen Arbeiten wie den Frankfurter Vorlesungen von 1963/1964 und der Büchner-Preisrede von 1967 die Positionen seiner politischen Ästhetik abgesteckt. In den Debatten der außerparlamentarischen Opposition (APO), dem Kampf gegen die Notstandsgesetzgebung und der Studentenbewegung hatte er sich eindeutig positioniert. Die Erwartungen waren also groß.

Im Kontext der Restauration

Tatsächlich sollte sich zeigen, dass der neue Roman mehr als »die Summe« seines bisherigen Werkes war, wie die Verlagswerbung annoncierte. Thema ist zwar auch hier die deutsche Geschichte seit den 1920er Jahren und der Blick auf deren gesamtgesellschaftliche Konstanten. Doch die Perspektive im neuen Roman ist eine andere, der Rahmen breiter, die geschilderten Geschehnisse reichen bis in die unmittelbare Gegenwart. Ungewöhnlich ist die Form einer Montage, die auf Recherchen eines »Verf.«, also des Autors, beruht. Im Mittelpunkt steht eine zumeist abwesende Heldin, die zwar einerseits unter den jeweiligen Bedingungen der (west-)deutschen Gesellschaft leidet, doch andererseits durch ihre im Alltäglichen verwurzelte Humanität eine Art Gegengewicht zu den geschilderten Verhältnissen schafft.

Bölls Roman muss auf jeden Fall im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklungen seit Anfang der sechziger Jahre gesehen werden, das heißt im Rahmen einer stärker werdenden Protestbewegung, die sich gegen die Restauration im Zeichen autoritär-hierarchischer Herrschaft richtete, welche ihre eigene Vorgeschichte und das Nachwirken der Nazivergangenheit ausblendete und, angeblich ideologiefrei, jede weitere Demokratisierung der Gesellschaft ablehnte. Was nach 1945 kaum jemand für möglich gehalten hatte: Bereits zehn Jahre später war die BRD innerhalb eines antikommunistischen Militärbündnisses mit dem Aufbau einer neuen Armee (mit den alten Generalen) und den Vorbereitungen für eine Notstandsgesetzgebung – mit weitreichenden Kompetenzen für den ominösen »Tag X« – befasst.

Da die SPD schon bald ihre alternativen Konzepte aufgab, war eine wirkliche Opposition seit Anfang der Sechziger auf den außerparlamentarischen Raum beschränkt. In den Ostermärschen setzte sich der Kampf gegen die Remilitarisierung fort, in der SPD radikalisierte sich der später ausgeschlossene SDS. Auch die Schriftsteller begannen, kritische Positionen zu beziehen, obwohl man in diesen Kreisen zumeist noch immer Hoffnungen in die SPD setzte. Es waren sodann die Krisen der Adenauer-Regierung, z. B. die Angriffe auf die Pressefreiheit (Spiegel-Affäre), die den Ruf nach einer Alternative, nach einem Gegengewicht gegen die offensichtliche Stagnation lauter werden ließen. Größere Schubkraft gewann die APO dann durch die Studentenbewegung, die 1967 und 1968 die internen Zustände (im Bildungswesen, bei der Verdrängung der Nazivergangenheit) ebenso aufgriff wie den Angriffskrieg in Vietnam, der die geballte Zerstörungskraft einer kapitalistischen Demokratie demonstrierte.

»Kaltes Vergessen«

Böll entwickelte sich schon früh zu einem hellwachen Kritiker der gesellschaftlichen Entwicklung in der BRD. Den Zweiten Weltkrieg hatte er noch als absurdes Massenschicksal und als sinnlos vergeudete Lebenszeit gesehen, ohne zu einer politischen Analyse vorzustoßen. Nach 1945 hatte er – reichlich illusionär – darauf gehofft, dass sich im Rahmen der durch die westlichen Alliierten garantierten »Sicherheitsverwahrung« ein demokratischer Neuanfang auf breiter Front durchsetzen ließe.

Die literarischen Werke aber, mit denen Böll den »Durchbruch« schaffte und auch international bekannt wurde, sind Romane, in denen er die fundamentalen Probleme der Ära Adenauer beleuchtet, namentlich die unverhohlene, geradezu provozierende Rückkehr der alten Machteliten, die um sich greifende kapitalistische Verwertungsideologie sowie die fatale Rolle der katholischen Kirche, die sich der als christlich gepriesenen Marktwirtschaft verschrieb und damit eine wichtige, vielleicht sogar zentrale Rolle als ideologische Stütze der »Restauration« spielte. Schon früh richtete sich der Schriftsteller gegen das – auch von Theodor W. Adorno beobachtete – »kalte Vergessen«, das mit der Restauration und der kapitalistischen Verwertungsideologie einherging.

1959 unternahm Böll einen erzähltechnisch ambitionierten Versuch, die Kontinuität der bundesdeutschen Machtverhältnisse darzustellen, indem er drei Generationen einer Architektenfamilie porträtierte und das Schicksal einer Abtei beschrieb, die 1907 errichtet, 1945 zur Frontbereinigung gesprengt wurde und die nun wieder aufgebaut werden soll. Das Gesellschaftsbild wirkt in diesem Roman eher statisch. Macht und Ohnmacht stehen sich allzu unvermittelt gegenüber. Doch die Ablehnung der Zustände in der heute zumeist hochgepriesenen Ära Adenauer ist unmissverständlich. Böll machte sie nicht nur für die unselige Remilitarisierung, die Verdrängung der Vergangenheit, den Verrat christlicher Ideale, sondern generell für den Mangel an Demokratie, ja für deren menschenverachtende »Nihilisierung« verantwortlich. Ja, er scheute sich nicht, von einem neuen Feudalismus zu sprechen, für dessen Aura der allgegenwärtige Kirchenkult sorgte. Schon früh wies Böll darauf hin, dass unter diesen Bedingungen ein Gespräch zwischen den Generationen nahezu unmöglich wurde. Als Richtschnur für die eigene literarische Arbeit skizzierte er eine »Ästhetik des Humanen«, wobei sich dieses Humane an den Rändern der angeblichen Wohlstandsgesellschaft finde, im Verdrängten, im als »abfällig« Betrachteten. Dies demonstrierte er vor allem an den Büchern Hans Günther Adlers über Flucht, Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden. Das Humane zeige sich, oft banal und unterentwickelt, in der Alltagspraxis, in Werten wie Solidarität, Friedensfähigkeit, Demokratie und Geschichtsbewusstsein.

Der Gesellschaft auf der Spur

Die Politisierung der jungen Generation verfolgte Böll von vornherein mit Sympathie, wenn auch keineswegs kritiklos. Als 1966 eine große Koalition installiert wurde, die u. a. die Verabschiedung der Notstandgesetze bezweckte, wurde erneut deutlich, wie undemokratisch die Zustände in der BRD waren. Wobei an der Spitze der Regierung ein Vertreter jener ehemaligen »gepflegten bürgerlichen Nazis« stand, die sich, wie Böll ingrimmig in einem öffentlich ausgetragenen Austausch mit Günter Grass bemerkte, »weder die Finger noch die Westen beschmutzten und die nun nach 1945 weiterhin durch die Lande ziehen (…)« (Werke 16, 16). Hellhörig reagierte Böll auf die Entfesselung des »Volkszorns« gegen eine unbequeme, doch essentielle Fragen stellende »Minderheit«, die ausgegrenzt werden sollte (wie früher Juden oder Intellektuelle). Für Böll lag hier ein Missbrauch der Pressefreiheit vor, dem sich die Nicht-Springer-Presse entgegenstellen sollte. In den Studenten sah er eine Gruppe, die den Status quo »eines schwer nachweisbaren, aber vorhandenen Feudalismus«, einer auf Hierarchien und Autorität pochenden Gesellschaft, aufbrechen und eine überfällige Demokratisierung einleiten könne (Werke 15, 337). Nur wenn man radikal sei, an die Wurzeln zu gehen bereit sei, komme man »der Gesellschaft auf die Spur«, wie Böll in seiner Rede am 11. Mai 1968 im Bonner Hofgarten ausrief. Gewalt sei selbstverständlich abzulehnen, doch durch wohlüberlegte Aktionen könne man die »Gesellschaft zum Gespräch zwingen«.

Am ausführlichsten hat sich Böll mit der Rolle der aktivistischen Studentinnen und Studenten im Jahr darauf befasst. Sie hätten Analyse in Aktion übersetzt, sich freilich gelegentlich in ziellosen Aktionen oder bloßer Symbolpolitik verzettelt und zudem, dank ihres akademischen Jargons, den potentiellen Bündnispartner, die Arbeiterinnen und Arbeiter, abgeschreckt. Die Konzentration auf die Hochschulpolitik sei dagegen durchaus angebracht gewesen, denn zum einen gehe es hier um untragbare Zustände, wenn man an die mangelhafte Ausstattung durch Personal und Ressourcen denke, zum anderen sei es bezeichnend, dass gerade an jenem Ort, an dem sich »unsere Repräsentationsgesellschaft (…) bisher am feierlichsten repräsentiert hat, an der deutschen Universität, die Unruhe ausgebrochen ist« (Werke 16, 35). Ferner gibt Böll zu bedenken, dass das »hierarchische System« zwar nur eine »scheinbare Harmonierung aufrechterhält«, letztlich aber durch die »Verstrickung aller Interessengruppen miteinander fast total gesichert« ist. Dementsprechend schwierig ist es, eine effektive politische Strategie zu entwickeln und passende Bündnispartner zu finden.

Faktische Fiktion

Heute, fünfzig Jahre nach dem Erscheinen von »Gruppenbild mit Dame«, könnte man fragen, welche Einsichten in Geschichte und Gesellschaft dieser Roman – damals wie heute – bereithält. Kommt er der Gesellschaft »auf die Spur«, wie Böll dies in seiner oben zitierten Rede von 1968 für erforderlich hielt? Von einem Gesellschaftsroman – und als solchen sollte man »Gruppenbild« durchaus sehen – könnte man dies erwarten. Doch wie sähe ein entsprechendes literarisches Verfahren aus? Eine Frage, die auch heute aktuell ist und den schreibenden Kolleginnen und Kollegen Kopfzerbrechen bereitet. Einsichten, sofern es sie überhaupt gibt, können kaum von außen an den literarischen Text herantragen werden. Sie müssen sich im Text, im Handlungs- und Personengefüge ergeben und dies gegebenenfalls sogar gegen die Intention der Autorin oder des Autors.

Böll hat hier eine durchaus ingeniöse Lösung gefunden, einen im Prinzip einfachen Kunstgriff, der aber im Verlauf der Handlung seine Tragfähigkeit unter Beweis stellt. Helmut Heißenbüttel hat von Bölls »dokumentarischem Erzählen« gesprochen. Böll nimmt Anregungen der zeitgenössischen Dokumentarliteratur – etwa Günter Wallraffs »Unerwünschte Reportagen« oder Erika Runges Protokollband »Frauen« – auf, die sich direkt, ohne Literarisierung, auf soziale oder ökonomische Missstände bezog, um so bestimmte Wirkungen in der Praxis zu erreichen, anstatt in meditativer und letztlich unverbindlicher Kontemplation zu verharren. Doch für Böll ist, wie er mehrfach betont hat, das Verhältnis von Fakt und Fiktion kompliziert. Das Dokumentarische komme nicht ohne Fiktives aus, während die Fiktion, z. B. ein bestimmtes szenisches Arrangement, dokumentarische Beweiskraft entfalten könne.

Böll hält deshalb aus guten Gründen am Potential des Narrativen fest. Sein Roman ist also keineswegs ein dokumentarischer Montageroman (wie etwa Hans Magnus Enzensbergers »Der kurze Sommer der Anarchie«). Montiert werden statt dessen die Ergebnisse seiner ausgedehnten Interviews und Recherchen, um so ein immer facettenreicheres Bild seiner Hauptfigur Leni Gruyten zu gewinnen. Sie selbst kommt nur gelegentlich zu Wort, Konturen gewinnt sie in der Darstellung anderer. Das Dokumentarische wird also literarisiert durch den »Verf.«, wie sich der Autor unter bescheidener Zurücknahme seiner Rolle nennt. Es werden dokumentarische – oder dokumentierbare – Fakten genannt, aber der »Verf.« gestaltet das Ganze, referiert, kommentiert indirekt, macht auf Widersprüche aufmerksam, ironisiert usw. Böll lässt sich also von dokumentarischen Techniken anregen, baut auch einige historische Dokumente ein, geht aber nahezu spielerisch damit um. Möglicherweise signalisiert er damit auch: Das Schicksal dieser Leni Gruyten ist weitgehend authentisch, es gibt tatsächlich Schicksale dieser Art, sie sind nicht bloße Fiktion, sondern im weiteren Sinn dokumentierbar.

Soziologische Gruppenbilder

Böll stellt zu Anfang seine Hauptfigur, die er in einem Interview als »herrlich proletarisch« bezeichnet hat, geradezu steckbrieflich vor, um sodann die Berichte und Erinnerungen von Personen zusammentragen, die sie zum Teil schon seit Jahrzehnten kennen. Was die unmittelbare Gegenwart betrifft, so geht es Leni »ziemlich dreckig«. Sie soll, da sie ihre Schulden nicht bezahlen kann, aus ihrem eigenen Haus geworfen, »exmittiert« werden. Den Besitztitel selbst hat sie unvernünftigerweise veräußert. Teile des Hauses sind nun an Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Türkei und aus Spanien vermietet, zu niedrigen Preisen. Mit einem dieser Mieter führt sie eine Beziehung. Für viele in der Nachbarschaft ist ihr Ruf damit ruiniert. Die Immobilienfirma, die das Haus übernommen hat, will nun Leni, deren Verhalten ihr höchst suspekt erscheint, kurzerhand auf die Straße setzen. Doch all dies hat eine längere Vorgeschichte, die nun ebenfalls mit Hilfe jener Personen, die sie kennen, rekonstruiert wird. Ihre wenigen Beziehungen zu Männern waren kurz oder endeten – kriegsbedingt – tragisch. Eine besondere Bedeutung, ja einer der Höhepunkte, ist ihre Liebesbeziehung zu dem sowjetischen Kriegsgefangenen Boris, die damit beginnt, dass sie ihm, dem als »Untermensch« Klassifizierten, im Winter 1943/1944 eine Tasse Kaffee reicht. Mit dieser spontanen menschlichen Geste, die zwar im Roman dokumentiert, in Wahrheit vom Autor in dieser Form bewusst arrangiert wird, beginnt das selbständige Leben Lenis, die ihre (unter Nazibedingungen für beide Partner absolut lebensgefährliche) Liebesbeziehung während der letzten Kriegsmonate in den Grüften einer Friedhofsgärtnerei fortsetzt, bevor sie Boris im Chaos der Nachkriegsmonate auf tragische Weise verliert. Lev, der gemeinsame Sohn, arbeitet als Müllkutscher, ein intelligenter, ja genialer Leistungsverweigerer, der ebenfalls einen selbstbestimmten Lebensstil pflegt und im Gefängnis landet, da er seiner Mutter mit gefälschten Schecks zu Hilfe kommen will. Leni kommt, wie gesagt, nur indirekt zu Wort. Die interviewten Kolleginnen, Chefs, Freundinnen und Verwandte zeichnen das – keineswegs geschlossene oder in allem stimmige – Bild einer Frau, die jene gesellschaftlichen »Regeln« – sei es während der Nazijahre, sei es in der Nachkriegszeit oder den goldenen Sechzigern – souverän ignoriert, ja gar nicht zu kennen scheint.

Böll erreicht durch diese Anlage des Ganzen nicht nur, dass das Leben Lenis Konturen annimmt. Auch entscheidende Gesellschaftsstrukturen werden in Längs- wie in Querschnitten deutlich. Die jeweiligen Reaktionen auf Lenis selbstbestimmten Lebensstil verraten ebensoviel über die am anpassungsbereiten oder opportunistischen Mainstream orientierten Haltungen der Personen, mit denen sie zu tun hatte. Deren Aussagen reichen von Verurteilung bis zur heimlichen Bewunderung. Die Leser, vor denen dies alles ausgebreitet wird, können sich ihre eigene Meinung bilden. Da der »Verf.« sich stets zurücknimmt oder auf unwesentliche Details abhebt und somit epische Distanz wahrt, hat der Text auf weiten Strecken die Qualität der Brechtschen Szenenmontage »Furcht und Elend des Dritten Reiches«, die den Einfluss des Faschismus in diversen Alltagssituationen vorführt. Das Schicksal Lenis, der im Titel angeführten »Dame«, ist also stets auf das soziologische Gruppenbild bezogen.

Utopisch-optimistische Ausblicke

Die Figur Lenis wird aber nicht nur realistisch oder dokumentarisch vergegenwärtigt, um so zu zeigen, wie sie gänzlich unverschuldet immer wieder zum Opfer einer opportunistischen Gesellschaft wird, die sich in der Gegenwart den Zumutungen des kapitalistischen Leistungsfetischismus unterwirft. Die Figur hat zugleich subversive, ja utopische Qualitäten. Dabei geht es keineswegs um ideale Qualitäten oder die Romantisierung einer Randgruppenfigur. Böll stellt im Gegenteil heraus, wie widersprüchlich Lenis Leben und ihre Lebenseinstellungen, wie schwer greifbar ihre Begabungen und Vorlieben sind. Manches erscheint geradezu skurril. Betont hat Böll vor allem die Autonomie seiner Mittelpunktfigur, ihre Bereitschaft, eigenen Impulsen zu folgen, bei aller Bescheidenheit bestimmte Ansprüche nicht aufzugeben. Dies kann sich, höchst banal, in der Vorliebe für »knackfrische« Brötchen äußern.

In den Schlusskapiteln, die der Gegenwartshandlung gewidmet sind, werden die gesellschaftlichen Konturen ihres Falles deutlicher. Lenis geldgieriger Vetter will Ernst machen mit ihrer völligen Vertreibung aus ihrem Haus. Er macht sich zum Sprecher einer Profitgesellschaft, für die Lenis Lebensstil störend, ja bedrohlich ist. Nicht er sei »unmenschlich«, sondern eine Person wie Leni, die das »gesunde Profit- und Besitzdenken« ablehne. Und es zeigt sich, dass Lenis Personalität, ihre selbstbestimmte Menschlichkeit, durchaus auf andere ausstrahlt. Es kommt zur spontanen Gründung eines Aktionskomitees »Helft Leni«. Diese bunt zusammengesetzte kleine Gruppierung, zu der sich auch der bislang so umständliche oder zögerliche »Verf.« gesellt, will mit einer Blockade durch die Fahrzeuge der Müllabfuhr die Exmittierung Lenis im letzten Augenblick verhindern. Die auf alternativen Werten wie Solidarität und Friedfertigkeit beruhende Gruppierung ist so etwas wie ein utopischer Vorschein auf eine andere Gesellschaft. Böll setzt all dies mit großer Souveränität und nicht ohne Humor in Szene, wobei freilich auffällt, dass es sich hierbei nur um die spontane Einzelaktion einer Randgruppe handelt. Doch ein solches – modellhaft angelegtes – Happyend war wohl nur in den Jahren um 1970 möglich, in einer geschichtlichen Phase, in der ein gesellschaftlicher Aufbruch zu einer demokratischeren, an humanen Werten orientierten Gesellschaft möglich schien. Böll ist in seinen späteren Werken auf solch utopisch-optimistische Ausblicke nicht mehr zurückgekommen.

Anmerkung

1 Der Roman erschien 1971 bei Kiepenheuer und Witsch und erlebte eine Reihe von Auflagen. Zitiert wird im Text nach der 26bändigen Werkausgabe: Heinrich Böll, Werke. Kiepenheuer, Köln 2002–2010

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. Juli 2021 zur Mythoskritik bei Franz Kafka, Bertolt Brecht und in der »Dialektik der Aufklärung« von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

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