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Aus: Ausgabe vom 30.09.2021, Seite 12 / Thema
Theater

Dem Lehrer ins Pult scheißen

Vor 60 Jahren wurde Heiner Müllers Komödie »Die Umsiedlerin« in Ostberlin uraufgeführt – und sogleich verboten. Eine Skandalgeschichte
Von Ronald Weber
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Längst kein Skandalstück mehr: Ensemble während der Fotoprobe zu Heiner Müllers »Die Umsiedlerin« in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, Berlin, 3. April 2019. Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner

Als sich am 30. September 1961, eineinhalb Monate nach dem Bau der Mauer, der Vorhang der Studentenbühne der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst hob, warteten die 300 Zuschauer gespannt. Auf dem Programm der 2. Studententheaterwoche der DDR stand »Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande«, eine Komödie Heiner Müllers, der in der Vergangenheit gemeinsam mit seiner Frau Inge Müller mit den viel gelobten, aber auch kontrovers diskutierten Stücken »Der Lohndrücker« und »Die Korrektur« hervorgetreten war. Das neue Stück versprach politische Brisanz. Die verschiedenen, mit der politischen Kontrolle betrauten Vertreter des Ministeriums für Kultur, der Hochschule und der Freien Deutschen Jugend (FDJ), hatten die Komödie zwar durchgewunken, aber es blieben Zweifel. Müller hatte den Text seit den ersten Proben im März, als erst die Hälfte des Stücks vorlag, immer wieder umgeschrieben, und selbst bei der Generalprobe fehlte noch eine Szene. Der Zentralrat der FDJ, den Skandal vorausahnend, hatte seine Mitglieder daher angewiesen, während der Aufführung zu protestieren.

Die erste Szene des Stücks zeigt die Bodenreform, den revolutionären Gründungsakt der DDR. Der Bürgermeister Beutler verteilt den Boden an die Bauern, assistiert vom Parteisekretär Flint, der bei seinem Eintreffen sogleich einen pathetischen Ton setzt, schließlich habe das Volk »seit Münzer« auf diesen Akt gewartet. Die Bauern indes stören von Beginn an die andächtige Stimmung. Fünf Hektar Acker für jeden, das sei zu wenig zum Wirtschaften, auch fehlten Pferde und Pflüge. Mit Flints politischen Reden können sie nichts anfangen: »Der Kommunismus ist was für die Zeitung.« Als zum Schluss der Szene ein Bauer mit Büchern aus dem Schloss des in den Westen geflohenen Junkers – des künftigen Kulturhauses des Dorfes – auftaucht, kommt es zum Streit: »[D]as halbe Dorf kocht seine Wassersuppe und wischt sich den Arsch mit der Schlossbücherei. Warum soll grad ich die Ausnahme machen, acht Mäuler und kein trockener Ast im ganzen Landkreis nach drei Wochen Regen, acht Ärsche und kein Papier? Willst Du Bücher lesen, den Magen an den Knien?« Flints Aufforderung, die Bücher zurückzubringen, schlägt der Bauer in den Wind: »Machs selber, Jesus. Ich hab andre Sorgen.«¹

»Immer morgen, morgen«

Damit ist ein Akzent gesetzt, der sich durch das gesamte Stück zieht, das einem historischen Bilderbogen gleich über verschiedene Stationen hinweg die Zeit von der Bodenreform bis zur erfolgreichen Kollektivierung Ende der 1950er Jahre abdeckt: Das Volk ist unwillig, allenfalls verhalten begeistert von dem, was die Kommunisten zu bieten haben, zumeist verstockt und politisch verhetzt; Not herrscht, und die Mittel der neuen Herrschenden sind so begrenzt, dass die knapp der Enteignung entgangenen Mittelbauern, die über Pferde und Dünger verfügen, schon wieder den Ton im Dorf angeben, während die Vertreter der Partei Mühe haben, sich zu behaupten, und dort, wo sie nicht weiterwissen, schlicht zur Gewalt greifen.

Auch die titelgebende Figur, die Umsiedlerin mit dem sprechenden Namen »Niet«, taugt kaum zur positiven Identifikationsfigur im Sinne der geschlechterpolitischen Vorstellungen der SED. Als Flüchtling hat sie im Dorf nichts zu sagen. Ihre Kommunikation heißt bis auf wenige Ausnahmen Schweigen. Erst am Ende des Stücks findet sie ihre eigene Stimme, was durchaus als Emanzipation gedacht ist, aber es ist eben eine Emanzipation, die Verweigerung bedeutet: gegenüber ihrem nichtsnutzigen Partner Fondrak, von dem sie schwanger ist und dem sie nicht in den Westen folgen will, wie gegenüber dem Bauern Mütze, der ihr die Hochzeit anträgt und verspricht, sie gut zu behandeln: »Kein andrer wärs wohl, wenn ich einen Mann wollt / Und einen Vater für mein Kind. Ich wills nicht.« (MW 3, 281)

Nun wäre wohl manches in dem Stück unter dem Motto »Hart, aber parteilich« durchgegangen, hätte Müller nicht den Parteisekretär Flint als Zweifelnden dargestellt, der den Widerspruch »zwischen der Zeit des Subjekts und der Zeit der Geschichte« (MW 8, 215) kaum aushält: »Ich will ja gar nicht viel, ich bin trainiert drauf / An Fleischtöpfen gradaus vorbeizugehn / Und keinen Daumen breit ab von der Linie / Fürs bessre Leben, das vielleicht zu spät kommt / Was mich betrifft, und immer morgen, morgen / Und eh du deinen Fisch hast, hat der Wurm Dich. / […] Manchmal komm ich mir vor wie Moses selber. / Der brachte seine Mannschaft auf den Trichter / Wo Milch und Honig fließt, und was für ihn / Heraussprang, war das Schwarze unterm Nagel. / Grad konnt er sie noch fressen sehn, dann starb er.« (MW 3, 235 f.)

Dass Flint vor diesem Hintergrund seine Frau für eine andere verlässt und sich weigert zu leben »wie der Preuße im Gesangbuch«, musste zusätzlich als anstößig gelten, wie überhaupt zahlreiche Passagen des Stücks im scharfen Gegensatz zur Sexualmoral der Zeit standen. Stellen, die sich nach dem Bau der Mauer eineinhalb Monate zuvor wie ein aktueller politischer Kommentar anhörten – »Kann sein, der Rasen zwischen uns wird Staatsgrenze plötzlich« (MW 3, 243) –, leisteten ihr übriges. Das I-Tüpfelchen setzte dann die Schlussszene, die Müller den Inspizienten vom Ministerium für Kultur vorenthalten hatte: Der Mittelbauer Treiber soll für die LPG geworben werden; er ist einer der letzten, die noch nicht beigetreten sind. Als er sich aus Protest in der Scheune aufhängt, schneidet ihn einer der Genossen vom Strick. Treiber überlebt – und unterschreibt. Ein FDJler kommentiert: »Du bist der erste / Der über seine eigne Leiche eintritt.« (MW 3, 286)

Von der späteren Empörung war zu Beginn des ersten Teils der Aufführung kaum etwas zu spüren. Der Großteil des Publikums begegnete dem neuen Stück mit Sympathie, es gab Beifall und Zustimmungsrufe – und viel Gelächter über Müllers schwarzen Humor. Der Autor berichtete nachträglich, der Schauspieler Manfred Krug, der vorn saß, habe mit seinem Lachen alle anderen angesteckt. Selbst die FDJler, die doch protestieren wollten, und gestandene Genossinnen wie das ehemalige Mitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, Berta Waterstradt, oder die Schauspielerin Steffie Spira mussten lachen. Erst nach der Pause, während der manche bereits erbost nach Hause gegangen waren, scheint der Mehrheit gedämmert zu haben, dass es Ärger geben werde. Der Applaus am Ende war verhalten: »Ein großer Teil des Publikums ging ohne Beifall, während andere Teile sichtlich nur aus Höflichkeit klatschten«, wie Eva Zapff und Fritz Rödel vom Sektor Theater des Kulturministeriums später zu Protokoll gaben.²

Harte Worte

Bei der Premierenfeier nahm Peter Hacks Müller zur Seite. Man werde dramaturgisch »harte Worte« (MW 9, 131) reden müssen, meinte der befreundete Dramatiker. Die ästhetische Kritik an der »Umsiedlerin« trat in der Folge aber fast gänzlich in den Hintergrund, denn nun sprachen andere harte Worte, und die lauteten auf die Adjektive »konterrevolutionär«, »antikommunistisch«, »antihumanistisch«.

Noch am Abend der Uraufführung machte das böse Wort von den »Bautzener Gefängnisspielen« (MW 9, 131) die Runde. Tatsächlich wurde zeitweise erwogen, Müller und den Regisseur Bernd Klaus Tragelehn zu verhaften und nach Paragraph 19 des 1958 in Kraft getretenen Gesetzes zur Ergänzung des Strafgesetzbuches (»Staatsgefährdende Hetze und Propaganda«) anzuklagen, was bei Verurteilung in jedem Fall eine Haftstrafe von mindestens drei Monaten bedeutet hätte. So weit kam es dann aber doch nicht, wohl auch deshalb weil Walter Ulbrichts persönlicher Referent Otto Gotsche dafür plädierte, »erzieherisch auf H. Müller ein(zu)wirken«.³ Die staatlichen Stellen ließen es daher vorerst bei einer Hausdurchsuchung bewenden, bei der alle verfügbaren Manuskripte der »Umsiedlerin« eingezogen wurden.

Ansonsten setzte die SED auf umfassende Disziplinierung. Alle in welcher Form auch immer an der Aufführung beteiligten SED-Mitglieder, sogar der Rektor der Hochschule für Ökonomie, erhielten Parteistrafen. Der künstlerische Leiter der Studentenbühne wurde aus der FDJ ausgeschlossen. Die Laienschauspielerinnen und -schauspieler mussten sich in schriftlichen Selbstkritiken von Stück und Autor distanzieren. Federführend hinter diesen Maßnahmen war die Berliner Bezirksleitung der SED unter Paul Verner, der in den folgenden Jahren bei den Verboten von »Die Sorgen und die Macht« und »Moritz Tassow« von Peter Hacks ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen sollte. Welche ideologische Sprengkraft die SED, die sich mit der »Angelegenheit Studententheater der Hochschule für Ökonomie« am 4. Oktober 1961 eigens bei einer Sitzung des Sekretariats des ZK beschäftigte, dem Stück zuschrieb, zeigt die kollektive Stellungnahme, die den Karlshorster Studenten abverlangt wurde. In dieser hieß es allen Ernstes, man habe mit der Aufführung der »Umsiedlerin« »den westdeutschen Militaristen gedient und die Bestrebungen, unsere Republik aufzuweichen, unsere Arbeiter-und-Bauern-Macht zu beseitigen und die Menschheit in die ­Katastrophe eines Dritten Weltkrieges zu stürzen, aktiv unterstützt«.⁴

Am 4. Oktober 1961 mussten Müller und Tragelehn im Kulturministerium am Berliner Molkenmarkt zu einer Aussprache erscheinen, wo ihnen die beiden Funktionäre Rödel und Zapff bewusste Täuschung unterstellten: Autor und Regisseur hätten »allen beteiligten Stellen jene Teile des Stücks, in denen der konterrevolutionäre Charakter klar zum Ausdruck kommt, systematisch vorenthalten« und so Kontrollen umgangen.⁵ Müller wies diese Vorwürfe zurück. Noch während der Sommerpause habe er mit Vertretern der Parteileitung der Hochschule über den Text diskutiert, wobei es keine Einwände gegeben habe; dass das Stück erst kurz vor der Premiere fertig geworden sei, sei keiner Täuschungsabsicht entsprungen, er sei vielmehr froh gewesen, Ende September überhaupt eine spielbare Fassung vorlegen zu können. Tatsächlich war Müllers Arbeitsweise recht chaotisch. Peter Hacks schrieb später in einem Porträt, dieser sei »unfähig, eine literarische Produktion (…) von einem vorgehabten Schlusstermin her zu organisieren«.⁶ Dass Müller aber die politische Brisanz des Stücks nicht erkannt haben soll, scheint im nachhinein wenig glaubhaft, zumal er rückblickend selbst bekannte: »Es war wie auf einer Insel, es gab keine Kontrolle, keine Diskussion über den Text. Wir haben einfach probiert, und ich habe geschrieben. Der Spaß bestand auch darin, dass wir böse Buben waren, die dem Lehrer ins Pult scheißen.« (MW 9, 126)

»Ich zieh das Blauhemd aus«

Es gibt Stellen in der »Umsiedlerin«, denen man noch heute diesen Spaß anzumerken meint, etwa dem sich am Rand des Kalauers bewegenden Streit zwischen dem naiven FDJ-Sekretär Siegfried und der Bauerntochter Schmulka:

»SCHMULKA: Du liebst mich nicht.

SIEGFRIED: Erst müssen wir den Kommunismus aufbaun / Und in der Literatur steht, wies gemacht wird. / Versuchung.

SCHMULKA: Jetzt oder nie. Auf deinen dritten Grundzug / Pfeif ich, den ich noch nicht weiß, und auf Bebel / Und auf die KOMMUNISTISCHE MORAL. / Ich leb nur einmal, leicht wird keinmal draus. / (…) Dein Kommunismus, der im Buch steht, weiß ich / Ob er nicht ausfällt wie der Tanz am Sonntag (…).

SIEGFRIED: Entlarvst du dich, Kulakenbrut?

SCHMULKA: Mein Vater / Ist Mittelbauer.

SIEGFRIED: Komm zurück. Dich schluckt / Der bürgerliche Sumpf, wenn du nicht umkehrst. (…) Warum lass ichs ungern? / Als Mitglied hab ich ein Bewusstsein, aber / Der Mensch ist ein Ensemble, und als Mensch / Der ein Ensemble ist, hab ich ein Mitglied / Das kein Bewusstsein hat. Es ist spontan / Springt von der Linie ab, versteift sich auf / Den eignen Vorteil, stellt sich gegen die Leitung / Stößt die Beschlüsse um. Ein Widerspruch / Wo ist die Lösung? / (…) Ich zieh das Blauhemd aus. Ja, so wird’s gehen. / Tut es. / Im Kommunismus wird man weiter sehn. / Schmulka!« (MW 3, 237 f.)

Da man Müller anders als den Regisseur Tragelehn, der als Mitglied der SED aus der Partei ausgeschlossen und für ein halbes Jahr zur Bewährung in die Produktion in den Braunkohletagebau in der Niederlausitz geschickt wurde, nur über den Schriftstellerverband belangen konnte, wurde für den 17. Oktober eine Sitzung der Dramatikersektion des Verbandes anberaumt und Müller vorgeladen. Siegfried Wagner, der Leiter der Abteilung Kultur des ZK der SED, hatte die SED-Mitglieder der Sektion in einer Versammlung am Vortag bereits auf die gewünschte Diskussion eingestimmt. Er ließ keinen Zweifel daran, dass »Die Umsiedlerin« ein »Machwerk« sei, ein »feindliches Werk«, das die Funktionäre »als Verbrecher oder als Trottel« zeige. Müller habe »eine Schweinerei nach der anderen« formuliert, sein Stück zeuge von »Überheblichkeit und Snobismus«. Den Autor mit welchen Argumenten auch immer in Schutz zu nehmen, sei daher aussichtslos: »Zudecken, entschuldigen, von vornherein mildernde Umstände zubilligen, hat gar keinen Zweck.«⁷

Es kam dann aber doch anders. In seinem Eingangsreferat verurteilte der Chefdramaturg des Deutschen Theaters, Gerhard Piens, das Stück zwar deutlich – es habe »weder eine einheitliche Fabel, noch eine Hauptfabel, der andere als Nebenfabeln so zugeordnet sind, wie in der Realität Nebenwidersprüche einem Hauptwiderspruch zugeordnet sind« –, betonte aber auch, Müller habe kein negatives Stück schreiben wollen, sondern sei einer »nachweisbaren positiven Absicht« gefolgt. Damit war ein anderer Akzent gesetzt: Es ging nicht mehr um grundsätzliche »ideologische Fehlhaltungen«, sondern darum, wie man Müller, dem nach wie vor großes Talent zugebilligt wurde, helfen könne. Zwar äußerten sich im Laufe der Sitzung auch zahlreiche weitere der rund 50 Anwesenden im Sinne Wagners – besonders scharf tat sich neben Henryk Keisch der Vorsitzende der Kulturkommission beim Politbüro des ZK der SED, Alfred Kurella, hervor, dem mit Verweis auf den Zynismus Müllers die Namen Bucharin und Radek einfielen –, aber es ging doch den meisten Beiträgern um das Stück und dessen Fehler und nicht um den Autor.

Der dialektische Jambus

Direkt für Müller sowie dessen Frau Inge, die von der Affäre mitbetroffen war – Müller berichtete später, sie sei bedrängt worden, sich von ihm zu trennen⁸ –, sprachen während der Sitzung nur Hans Bunge, Paul Dessau, Anna Seghers und Peter Hacks. Bunge und Dessau, beide mit Müller befreundet, nahmen diesen gegen jeden Vorwurf der Konterrevolution in Schutz und baten darum, dem jungen Autor Zeit zu geben, mit sich ins reine zu kommen. Ganz ähnlich argumentierte auch Anna Seghers, schon damals die Grande Dame der DDR-Literatur und zudem Präsidentin des Schriftstellerverbandes. Sie betonte, dass es entscheidend sei, »ob man diesen Menschen helfen will oder sie zugrunde richten will«. Müller habe »allen Ansatz zur Begabung (…), was ziemlich selten auf Erden und ziemlich selten in unserem Verband ist, und wir sollten alles tun, um nicht diese Begabung von uns abzustoßen, sondern uns eingehend mit ihm beschäftigen«.

Genau das tat Peter Hacks, neben Piens der einzige, der sich ästhetisch mit der »Umsiedlerin« befasste. In seinem langen Redebeitrag lobte er das Stück ganz explizit. Müllers Sprache sei »einmalig«, »breit, groß und faszinierend schön«, »seit Brecht ist nie wieder ein so dramatischer Dialog geschrieben worden«. Bereits in einem im Mai 1961 in der Zeitung Sonntag erschienenen Essay hatte Hacks sich mit Müllers Blankvers beschäftigt und einen »neuen Jambus« konstatiert, den er »dialektischen Jambus« nannte; dialektisch, weil es Müller gelungen sei, Metrum und Rhythmus so zu handhaben, dass das Metrum ein Erwartungsschema setze, welches durch die Prosodie in einem Falle erfüllt und in einem anderen Falle unterlaufen werde. So erhalte der Vers eine gestische Qualität. Es sei Müller gelungen, »inhaltliche Akzente in formale Akzente« zu transformieren. Müller nutze diese Dialektik im Sinne der Prämisse, »dass der Kunst alles erlaubt ist, was den Sinn fördert«, indem er den Widerspruch von Metrum und Rhythmus bis zum äußersten führe und die dramatische Rede zeitweilig in Prosa übergehen lasse, so dass das Metrum nahezu in Vergessenheit gerate und die Hörer »den Jambus neu erobern« müssten: »Wie der Umsiedlerin-Jambus immer wieder neu produziert werden muss, muss der Sozialismus immer wieder neu produziert werden; beide sind nicht selbstverständlich.« Müller habe mit seinem Vers ein dialektisches ästhetisches Mittel als formales Pendant zu den »Widersprüchen der Transformationsperiode« gefunden – ein »literaturhistorisch wichtiges Vorkommnis«. (HW 13, 40 ff.)

Hacks lobte zudem die völlig neue Darstellung der Frau in der »Umsiedlerin«, die jede erwartbare dramatische Auflösung unterlaufe. Dass die Frauenfiguren im Stück untereinander solidarisch sind und die Fixierung auf den Mann überwinden – »Was sich eine Frau vom Mann gefallen lässt, ist auch Staatsverrat hier«, heißt es im Stück (MW 3, 278) –, ebenso die vorläufige Weigerung der Umsiedlerin, einfach den Nächstbesten, weil wirtschaftlich halbwegs potenten Bauern zum Mann zu nehmen und statt dessen auf der Übernahme eines eigenen Hofes zu beharren, ist Hacks Ausweis einer »neu entdeckten Souveränität« und »weiblichen Selbständigkeit«, die den bereits erreichten Fortschritt der sozialistischen Verhältnisse anzeige. Müller liefere dergestalt ein wirkliches »sozialistisches Happyend«, in dessen Zentrum eben nicht die Versöhnung der Geschlechter – und damit implizit die Leugnung des Patriarchats als Herrschaftszusammenhang – stehe, sondern die Ermöglichung einer neuen produktiven Haltung. Dieser Aspekt verweise auf den grundsätzlich positiven Charakter des Stücks. Müller sei es gelungen, »positive Züge in der Wirklichkeit zu entdecken«.

Im »Netz der Widersprüche«

Die während der Sitzung des Verbandes an einzelnen Textpassagen geäußerte Kritik wies Hacks dementsprechend zurück. Sie seien einem literarischen Text unangemessen; die Kritiker übersähen schlichtweg die figuralen Konstellationen: »Die Fabel ist das, was der Autor verantworten muss, einzelne Sätze sind das, was seine dramatischen Personen verantworten müssen.« Eine Fabel freilich, hier folgte Hacks ganz explizit Piens, fehle dem Stück, es biete nur Anekdoten und Episoden, der Stoff sei »formal nicht bewältigt«. Müller habe sich im »Netz der Widersprüche« verfangen. Hacks schrieb später im Vorwort zu seinen Essays sehr treffend, es sei die Aufgabe der Kunst, »Unbefriedigendes auf zufriedenstellende Weise« abzubilden und so selbst »Abbild des Verhältnisses von Aufgabe und Lösung« (HW 13, 7) zu sein. Während der Sitzung äußerte er: »Weil die große Fabel zwingt, Widersprüche in ihrer Bewegung zu zeigen und in ihrer eventuellen Erledigung durch höhere Widersprüche, weil sie uns nicht erlaubt, dass ein Widerspruch sich verselbständigt, denn die große Fabel erlaubt einem nicht, an einer Stelle aufzuhören und aus dem Stück herauszugehen. Sie zwingt dich, alles radikal zu erledigen und alles, was du weißt, zu sagen. Sie zwingt dich zu einer wirklichen Totalität des Weltbilds und hält dich ab von einer Scheintotalität durch Anhäufung von Einzelheiten. Sie zeugt von der Kraft, die der Autor hat, und sie vermittelt auf diese Weise dem Publikum Kraft, auch wenn ihr Gegenstand tragisch ist.« Im Fehlen der Fabel erkannte Hacks denn auch den Grund für die Empörung des Publikums, das »dramaturgische Unbehagen« sei im Laufe der Inszenierung in ein »politisches Unbehagen« umgeschlagen. Hacks zeigte sich davon überzeugt, dass Müller diesen Fehler in der Zukunft überwinden werde, und plädierte insofern für einen maßvollen Umgang mit dem Autor.

Die »Gläubigerversammlung« des Verbandes, die Müller über sich ergehen lassen musste, wie überhaupt die »Administrationsorgie«, die sich an die Aufführung der »Umsiedlerin« anschloss, war Hacks ohnehin suspekt.⁹ In einer im Anschluss an die Affäre verfassten parabolischen Erzählung, in der er u. a. den Umgang der Kulturpolitik mit Müllers Stück kritisierte, schrieb er: »Die babylonische Gesetzgebung sah für unbotmäßige Schriftsteller zwei Strafen vor: die Strafe der Erörterung und die Strafe der Verbannung. Die Strafe der Erörterung bestand in folgender Prozedur. Der Delinquent wurde auf dem Marktplatz an eine Säule gefesselt und musste mit jedem, der das wollte, seine Sache erörtern. Als seine Gegner wurden aber nicht etwa Leute geschickt, die Bescheid wussten und ihn durch Gründe zu überführen vermochten, sondern vielmehr solche, die gar nichts wussten und sich auch für den Fall nicht interessierten. So war der Delinquent gezwungen, ihnen erst einmal auseinanderzusetzen, um was es eigentlich ging. Sobald er sich aber seinem Gesprächspartner von Grund auf erklärt hatte, verließ dieser den Markt, und ein anderer trat auf den Plan; dieser Vorgang wiederholte sich so lange, bis der Verurteilte durch Erschöpfung zusammengebrochen war.« (HW 9, 72)

Es war dann aber doch die Strafe der Verbannung, die Müller traf. Ungeachtet der kontroversen Diskussion sowie einer von Müller mit Hilfe von Helene Weigel verfassten Selbstkritik formulierte die Parteiorganisation des Berliner Bezirksverbandes des Schriftstellerverbandes den Antrag, Müller auszuschließen. Am 28. November 1961 stimmte die Mitgliederversammlung dafür. Einzig Hacks enthielt sich; er hatte sogar dagegen stimmen wollen, ließ sich aber überzeugen, dass er damit Müller keinen Gefallen tun würde.

Für Heiner und Inge Müller begann nun eine harte Zeit, denn die Mitgliedschaft im Verband war Voraussetzung, um publizieren zu können. Der Name Müller verschwand dementsprechend für nahezu ein ganzes Jahrzehnt aus den Zeitschriften der DDR. Die Einkünfte waren äußerst knapp: Lediglich unter Pseudonym konnte Müller Kurzfilmszenarien für die Defa sowie Exposéaufträge für die Dramaturgie des Maxim-Gorki-Theaters verfassen. Kleinere Zuwendungen kamen von der Deutschen Schiller-Stiftung Weimar, vermittelt über den Literaturwissenschaftler Hans Mayer, sowie von Freunden. Der Gerichtsvollzieher war ständig im Haus, auch weil der Schriftstellerverband darauf beharrte, ausgezahlte Darlehen auf Heller und Pfennig zurückzuerhalten.

Nach 15 Jahren

Es dauerte bis zum 30. Mai 1976, bis »Die Umsiedlerin« in der DDR aufgeführt werden konnte, dann freilich unter dem Titel »Die Bauern«, das war die Vorbedingung der Kulturpolitik. Das an der Volksbühne von Fritz Marquardt inszenierte Stück war ein voller Erfolg. Die Komödie galt nunmehr als historisches Stück aus der nicht immer leichten Anfangszeit des sozialistischen Staates. Rainer Kerndl konstatierte im Neuen Deutschland ganz ähnlich wie Peter Hacks 15 Jahre zuvor große »poetische Kraft«.¹⁰ Müller und Hacks, mittlerweile zu den führenden, weit über die Grenzen des Landes bekannten Dramatikern aufgestiegen, waren da längst eingeschworene Feinde – nicht zuletzt, weil Müller sich noch immer weigerte, eine vernünftige Fabel zu schreiben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Anmerkungen:

1 Heiner Müller: Werke, Bd. 3, Frankfurt/M. 2000, S. 189. Im Folgenden direkt im Text zitiert mit der Sigle MW.

2 Zit. n. Matthias Braun: Drama um eine Komödie. Das Ensemble von SED und Staatssicherheit, FDJ und Ministerium für Kultur gegen Heiner Müllers »Die Umsiedlerin der Das Leben auf dem Lande« im Oktober 1961, 2. Aufl., Berlin 1996, Dok. 5, S. 95

3 Ebd., Dok. 48, S. 156

4 Ebd., Dok. 13, S. 115

5 Ebd., Dok. 26, S. 134

6 Peter Hacks: Brief an einen Geschäftsfreund. In: ders.: Werke, Bd. 13, S. 145. Im Folgenden direkt im Text zitiert mit der Sigle HW.

7 Transkription des Tonbandmitschnitts der Sitzung der Sektion Dramatik des DSV, 17.10.1961, Privatarchiv B. K. Tragelehn. Ich danke Christa u. B. K. Tragelehn für die freundliche Überlassung des Typoskripts. Alle folgenden Zitate, sofern nicht anders gekennzeichnet, nach diesem Protokoll.

8 Vgl. Jan-Christoph Hauschild: Heiner Müller oder Das Prinzip Zweifel. Eine Biographie, Berlin 2003, S. 210

9 Deutsches Literaturarchiv, A: Hacks, Konvolut »Ekbal, oder Eine Theaterreise, Notizen, 17.10.1961, Bl. 1 u. 3

10 Neues Deutschland, 10.6.1976

Ronald Weber schrieb an dieser Stelle zuletzt am 14. August 2021 über Helmut Baierls Szenenfolge »Geschichten vom Dreizehnten«

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