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Aus: Ausgabe vom 29.09.2021, Seite 16 / Sport
Sportbuch

»Extrem abgefuckt«

Da geht mehr: Olaf Jansens Buch über gescheiterte Fußballkarrieren
Von Gabriel Kuhn
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Glücklichere Tage als Exprofi: Jonas Ermes hat heute viel zu kritisieren

In Schweden lief vor kurzem der Spielfilm »Die Tiger« an. Er erzählt die wahre Geschichte des schwedischen Fußballtalents Martin Bengtsson, der als 17jähriger einen Profivertrag bei Inter Mailand unterschrieb und neun Monate später einen Selbstmordversuch unternahm. Die Geschichten, die in Olaf Jansens Buch »Woran hat’s gelegen? Der verpasste Traum vom Fußball-Profi in 13 Porträts« erzählt werden, sind weniger dramatisch. Doch auch sie beleuchten das Schicksal von vielversprechenden Talenten, die die große Karriere verpassten. Ungewöhnlich ist das nicht. In seinem Vorwort verweist Jansen darauf, dass nur einer von tausend jungen Fußballern, die in ein Nachwuchsleistungszentrum aufgenommen werden, den Sprung in den Profifußball schafft.

Die Gründe, die diesen Sprung verhindern, fasst Jansen so zusammen: »Wer körperlich früh stark entwickelt war, wird irgendwann überholt. In jungen Jahren hochgejubelte Spieler verlieren den Bodenkontakt und die nötige Demut, um weiter fleißig an sich zu arbeiten. Verletzungen kommen hinzu. Selbstzweifel, die bei zu starkem Druck von außen bis zu einem Burnout führen können. Schließlich gehört auch heute jede Menge Glück dazu, Profi zu werden. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein.«

Die Auswahl der Spieler, die Jansen interviewt, ist breit, wirkt aber etwas willkürlich. Neben Spielern, die nie als Profis aufliefen, begegnen wir solchen, die das zwar taten, aber die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnten – so wie Walter Laubinger beim Hamburger SV oder Patrick Falk bei Eintracht Frankfurt. Es verwundert etwas, dass Jansen auch Spieler mit aufnimmt, deren Karrieren noch am Laufen sind, so dass sich ein endgültiges Urteil eigentlich verbietet. Dazu zählen der bei Tasmania Berlin engagierte Damir Bektic (24) oder der momentan vereinslose Lucas Scholl (25).

Die 13 Porträts sind eher Lebensläufe als aufschlussreiche psychologische Studien. Manche sind fast provozierend oberflächlich, wie jenes des »Rebellen« Jonas Wendt. Gewinnend ist hingegen die Darstellung des Kölner Lokalhelden Ferdi Esser, der beinahe seine gesamte Karriere beim unterklassigen SC West verbrachte und Angebote von Profiklubs konsequent ausschlug. Zu den interessantesten Teilen des Buches zählen die eingestreuten Interviews mit Jugendtrainern, Spielerberatern und Sportpsychologen.

Das größte Problem der Porträtsammlung ist, dass das Scheitern der verheißungsvollen Talente rein individuell erklärt wird: Es haperte an der Einstellung, der Körper machte nicht mehr mit, man hatte Pech bei einem Vereins- oder Trainerwechsel. Dass das Scheitern in einem leistungs- und profitorientierten Sportbetrieb systematisch ist, bleibt außen vor. Dabei ist der eigentliche Skandal, dass man Tausenden von Jugendlichen – und ihren Familien – das Blaue vom Himmel verspricht, enorme Entbehrungen abverlangt und sie in dem Moment, in dem sie nicht mehr liefern, fallenlässt.

Nicht jedem spielt das Schicksal so übel mit wie Martin Bengtsson. Doch es gibt jede Menge gescheiterter Profis, die große Schwierigkeiten damit haben, sich in ihrer neuen Situation zurechtzufinden und sich eine andere Existenz aufzubauen. Nicht wenige fühlen sich jahrelang verloren. Spieler aus Afrika können sich plötzlich ohne Vertrag, Aufenthaltsgenehmigung und soziales Netzwerk irgendwo in Europa wiederfinden. Es würde einem Buch wie »Woran hat’s gelegen« nicht schaden, etwas mehr von dieser Realität einzufangen und sich weniger auf gescheiterte Fußballer zu konzentrieren, die heute Banker, Immobilienmakler und Firmenchefs sind.

Nur einmal klingt ein bisschen Systemkritik durch, im Porträt des Torhüters Jonas Ermes, der 2009 bei der U- 17-WM in Nigeria mit dabei ist, aber nur wenige Jahre später ohne Einsatz bei den Profis seine Karriere beendet. Ermes wird mit den Worten zitiert: »Ich liebte das Spiel. Das Elf gegen Elf auf dem Platz. Aber das Drumherum – die banalen Gesprächsthemen in der Kabine, der Druck, den ich mir selbst gemacht habe, diese ›Friss oder Stirb‹-Mentalität der Spieler und im System, die Fokussierung auf Geld. Das hat mich extrem abgefuckt.« Hier ließe sich ansetzen.

Olaf Jansen: Woran hat’s gelegen? Der verpasste Traum vom Fußball-Profi in 13 Porträts. Arete-Verlag, Hildesheim 2021, 240 Seiten, 18 Euro

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