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Aus: Ausgabe vom 28.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Antifaschismus

Die Messer der Menschenmetzger

Zwangssterilisierte und »Euthanasie«-Geschädigte: Ein Sammelband erinnert an Paul Wulf, einen Pionier im Kampf gegen das Vergessen
Von Sabine Lueken
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Vergessenes Leid: Um die »Reinheit der Rasse« zu erhalten, ließen die Nazis »Schwachsinnige« zwangssterilisieren (OP an der Berliner Charité, 1935)

»Das Leben ist kurz, und doch hat sich für mich ein Schicksal angebahnt, das mir einen Lebenslauf bescherte, wie er mir durch meine Familie nicht vorgezeichnet war. Schon als Kind lernte ich ein Leben kennen, das aus den Fugen geraten war.« Aus den Fugen geriet dieses Leben durch die verbrecherische Rassen- und Bevölkerungspolitik des Faschismus. Sie machte Paul Wulf 1938 zum Opfer: Er wurde als 16jähriger mit der Diagnose »angeborener Schwachsinn« nach dem »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« (GzVeN) zwangssterilisiert. »Durch diesen Eingriff wurde ich später ein eingefleischter Nazigegner.«

Sein Leben war schon bis zu diesem Ereignis nicht leicht gewesen. Der Vater war Bergarbeiter, die Familie lebte mit vier Kindern in sehr beengten Verhältnissen, nahm Fürsorge in Anspruch. Ab dem siebten Lebensjahr waren Wulf und seine Schwester in diversen Heimen untergebracht und gerieten dort, wie viele andere Kinder aus ungünstigen sozialen Verhältnissen, in die Fänge der Nazi-»Rassenhygieniker«. Manche der Heimkinder kostete es das Leben.

Wulf überlebte und wurde zum beharrlichen Aufklärer gegen den Faschismus. Von den Nazis stigmatisiert und um Schul- und Berufsausbildung betrogen, wurde er durch Selbststudium zum Archivar und »Lesejunkie«. Sein Leben lang kämpfte er um Rehabilitation. Weil das GzVeN in der Bundesrepublik nicht als Nazi­unrechtsgesetz betrachtet wurde, wurden die Opfer auch nicht entschädigt. Die Anerkennung als Verfolgte konnten sie erst 2007 mit der Ächtung des Gesetzes durch den Bundestag erreichen. Für Wulf war besonders bitter, dass er mit seinen einstigen Peinigern konfrontiert wurde, die alle wieder in Amt und Würden waren. Zum Beispiel mit dem von den Heimkindern so genannten »Menschenmetzger« Dr. Walther Kaldeway, dem ehemaligen Leiter der Anstalt Niedermarsberg, der bei ihm die Unfruchtbarmachung angeordnet hatte und der wieder als psychiatrischer Gutachter arbeitete, oder mit dem Nazi-»Rassenhygieniker« Otmar von Verschuer, der in Münster 1951 eine Professur für Humangenetik erhielt.

Für seine Aufklärungsarbeit fand Wulf Unterstützung in autonomen und linkslibertären Kreisen in Münster, wo er im Alter noch hohe Wertschätzung erfuhr, obwohl er auch manchmal nerven konnte. Als er 1999 starb, schlossen sich einige zum »Freundeskreis Paul Wulf« zusammen. Sie halten sein Andenken wach, erstritten z. B. 2012 eine Straßenumbenennung – der Jöttenweg (Nazi-»Rassenforscher«) wurde zum Paul-Wulf-Weg. Jahrelangen Streit verursachte eine 2007 Wulf zu Ehren errichtete, seit 2010 am Rande des Servatiiplatzes zentral aufgestellte Skulptur. 2019 überredete der Schauspieler Axel Prahl die Regisseurin eines Münsteraner »Tatort«-Films, das Kunstwerk in eine Szene der Folge »Lakritz« einzubauen. Entfernte man es, würden sich vielleicht »Tatort«-Touristen auf Spurensuche nach dessen Verbleib erkundigen, so Prahls Idee. Jedenfalls beschloss die Stadt 2020, das Denkmal zu erhalten.

All das erfährt man in einem Buch, das der Freundeskreis zu Wulfs 100jährigem Geburtstag in diesem Jahr herausgebracht hat. Es versammelt Arbeiten Wulfs, Erinnerungen und Beiträgen zum Thema Nazipsychiatrie und Entschädigungspraxis. Der Band dokumentiert damit nicht zuletzt die eigene, erfolgreiche geschichtspolitische Arbeit »von unten«. Der programmatische Titel »Ich lehre euch Gedächtnis« ist eine Reminiszenz an Erich Mühsam, einen der Lieblingsautoren Paul Wulfs.

Freundeskreis Paul Wulf (Hg.): »Ich lehre euch Gedächtnis«. Paul Wulf. NS-Opfer – Antifaschist – Aufklärer. Unrast-Verlag, Münster 2021, 303 Seiten, 19,80 Euro

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