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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

Einfach zuviel

Leistungsdruck, Medienwirbel und Hassnachrichten führen bei vielen Spitzensportlern zu Depressionen
Von Gabriel Kuhn
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Unterm Handtuch: Naomi Osaka bei den US-Open während ihrer Drittrundenniederlage gegen die spätere Finalistin Leylah Fernandez (New York, 3.9.2021)

Ende Mai 2021 erklärte die damalige Weltranglistenzweite im Damentennis, Naomi Osaka, dass sie bei den French Open in Paris keine Pressekonferenzen abhalten werde. Sie müsse ihre »seelische Gesundheit« schützen. Nach ihrem Sieg in Runde eins zog sie sich von dem Turnier zurück. Zwei Monate später brach die vierfache Olympiasiegerin im Turnen Simone Biles ihre Teilnahme am Teamwettbewerb der Damen bei den Olympischen Spielen in Tokio ab. Der Sprung, die erste Disziplin, war ihr missglückt. Auch sie erklärte das damit, sich auf ihre seelische Gesundheit konzentrieren zu wollen: »Es geht um unser physisches und psychisches Wohlergehen. Wir können nicht einfach nur das tun, was die Welt von uns erwartet.« Die Entscheidungen von Osaka und Biles erweckten viel Aufsehen und stießen eine allgemeine Debatte zu seelischer Gesundheit im Profisport an.

Die erste Debatte zu dem Thema ist das nicht. Vor einem Jahrzehnt wurde es in der BRD breit diskutiert. Auslöser war der Selbstmord des Torwarts von Hannover 96 und der deutschen Fußballnationalmannschaft, Robert Enke. Damals ging es in erster Linie um ein Verständnis dafür, dass Depression eine Krankheit und keine Schwäche ist. Andere Profifußballer wie der St.-Pauli-Spieler Andreas Biermann traten an die Öffentlichkeit und berichteten über ihre eigenen Erfahrungen mit Depression. Trotz der Aufmerksamkeit änderte sich in der Praxis nicht viel. Biermann fühlte sich von der Fußballwelt nicht aufgefangen. Ein Jahr nach seiner vielbeachteten Pressekonferenz kam er in einem Interview mit dem Magazin Stern zu einem erschreckenden Urteil: »Die Befürchtungen, die ich hatte, bevor ich meine Krankheit öffentlich gemacht habe, haben sich bestätigt. Ich würde keinem depressiven Profi ­empfehlen, seine Krankheit öffentlich zu machen.« Im Juli 2014 nahm sich auch Biermann das Leben.

Die jetzige Debatte ist etwas anders gelagert. Es geht nicht primär um die Anerkennung von Depression als Krankheit, sondern vor allem um die Umstände, die die seelische Gesundheit von Profisportlern gefährden. Dazu gehören neben dem Leistungsdruck und öffentlichen Erwartungshaltungen auch die mediale Berichterstattung und Hassnachrichten auf sozialen Medien. Dass mit Osaka und Biles zwei schwarze Sportlerinnen die Diskussion in diesem Sommer entfachten, ist kein Zufall. Sexismus und Rassismus verstärken die Belastungen, denen Sportlerinnen ausgesetzt sind. In sozialen Medien sehen sich nichtweiße Sportler regelmäßig rassistischen Übergriffen ausgesetzt. Nach ihrer Niederlage in der dritten Runde der US Open gegen Angelique Kerber machte die afroamerikanische Tennisspielerin Sloane Stephens entsprechende Nachrichten öffentlich. Das Bild war erschütternd.

Stephens erfuhr viel Sympathie, ebenso wie Osaka und Biles. Basketballstar Stephen Curry meinte zu Osakas Rückzug bei den French Open: »Man sollte nie gezwungen sein, eine solche Entscheidung zu treffen. Aber wie beeindruckend, diesen Schritt zu machen, wenn man nicht von denen beschützt wird, die eigentlich dazu da sind!« Nicht alle teilten diese Sichtweise. Der 59fache deutsche Fußballnationalspieler Dietmar Hamann äußerte sich zu Simone Biles’ Entscheidung, aus dem Teamwettbewerb in Tokio auszusteigen, mit den Worten: »Wenn Versagen und Aufgeben das neue Gewinnen ist, bin ich raus.« Nun ja.

Rein sportlich helfen Sympathien freilich wenig. Nach ihrem Rückzug bei den French Open schied Osaka bei den Olympischen Spielen genauso früh aus wie bei den US Open, bei denen 2018 ihr Stern aufging, als sie das Turnier als 20jährige gewann. Biles ließ bei den Olympischen Spielen nach dem Teamwettbewerb alle Einzelwettbewerbe aus, bis auf den letzten. Am Schwebebalken holte sie Bronze.

Egal, wieviel Verständnis man aufbringt: Ändert sich nichts an den Umständen, unter denen Sportler in einer erfolgsorientierten und leistungsfixierten Welt ihrem Handwerk nachgehen, so werden sich nur bestimmte Persönlichkeiten behaupten können. Wer mit Scheinwerferlicht, Medienwirbel und Erwartungsdruck nicht umzugehen weiß, passt nicht in diese Welt. Womit die Athleten sich konfrontiert sehen, wurde nicht zuletzt beim diesjährigen US-Open-Finale der Damen deutlich. Dort standen sich die 19jährige Kanadierin Leylah Fernandez und die 18jährige Engländerin Emma Raducanu gegenüber. Fernandez lag auf Platz 73 der Weltrangliste, Raducanu auf Platz 150. Ein außergewöhnliches Ereignis, dem die Welt nicht widerstehen konnte. Beide boten großartiges Tennis, am Ende gewann Raducanu. Doch was die Weltöffentlichkeit serviert bekam, war viel mehr als nur ein Tennisspiel. Interviews vor und nach dem Match, Reden, Ehrungen, Showeinlagen. Keine Frage, dass einem das bald zuviel wird, wenn man nur Tennis spielen will.

Osakas Triumph bei den US Open 2018 wurde zudem von einer der beschämendsten Publikumsreaktionen der jüngeren Sportgeschichte überschattet. Anstatt den Sieg zu genießen, war die Japanerin in Tränen aufgelöst. Warum? Ihre Gegnerin, der US-amerikanische Superstar Serena Williams, wurde während des Matches dreimal verwarnt, was den Verlust eines Games zur Folge hatte. Die Verwarnungen waren alle regelkonform und der Gameverlust für die Niederlage Williams’ nicht entscheidend. Das Publikum interessierte dies wenig. Es tobte und buhte Osaka bei der Siegerehrung gnadenlos aus, obwohl diese mit dem Konflikt zwischen Williams und dem Schiedsrichter nichts zu tun hatte.

Nach dem Match wurde viel über Sexismus und Rassismus im Sport diskutiert. Diese Diskussionen sind notwendig. Doch die Auswirkungen, die der Abend auf Osaka hatte, wurden völlig ausgeblendet. Auch solche Versäumnisse müssten die Medien und die Sportöffentlichkeit aufarbeiten, wenn sie es ernst meinen mit einer Änderung der Bedingungen, unter denen Athleten ihren Sport ausüben. Solange der Sport jedoch in erster Linie als kommerziell ausschlachtbares Spektakel betrachtet wird, ist eine solche Änderung kaum zu erwarten.

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