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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Häufchen setzen

Kampf mit der Klobürste: »A Divine Comedy« an der Berliner Volksbühne
Von Andreas Hahn
A Divine Comedy (c) Nicole M Wytyczak_3266_low.jpg
An Verdammnis wurde nicht gegeizt: Die Volksbühne tanzt den Dante

Wer möchte eigentlich nicht irgendwie auch noch vom Dante-Jahr profitieren? Das Schachern um Abglanz kennt wenig Erbarmen. Auch der galoppierende Schwachsinn macht da kaum eine Ausnahme. Denn um einen ebensolchen handelt es sich fraglos bei der Produktion »A Divine Comedy« der Choreographin Florentina Holzinger, die, ursprünglich von der Ruhrtriennale in Auftrag gegeben, am Donnerstag an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berliner Premiere feierte.

Zu sehen waren eine Hypnotiseurin, die in niederländischem Englisch die Mistress of Ceremony gab, zwei Bauklos, zwei Automobile, ein Jean Cocteausches Motorrad, vier Bahnen eines Hürdensprintparcours, ein mechanischer Konzertflügel und nicht zuletzt diverse Motorsägen. Am Production value wurde nicht gegeizt. Um mit dem geschätzten italienkundigen Kollegen Helmut Höge zu sprechen: Die Motorsägensaison hat mal wieder begonnen.

Auch die literarische Sensibilität kam nicht zu kurz: Ein verstopfter Dante jagte ein fliehendes Klo. Nun sind skatologische Motive zumindest dem »Inferno« keineswegs fremd (bekanntlich suhlen sich die verdammten Seelen des dritten Höllenkreises in Gräben voller Scheiße). Ohne sich allzuweit aus dem Fenster zu lehnen, darf man aufrichtig beobachtend behaupten, dass die Bühne sich im Verlauf dieser Produktion in einem Haufen Scheiße vergegenständlicht. Pardon, in gleich mehreren – sehr kunstvoll gesetzten –Haufen.

Beatrice hat die Gestalt einer 80jährigen Tänzerin mit Parkinson, die aus ihrem Leben berichtet. Wie die Profisportler haben auch die Tänzer eine Lebenszeit bis zum 30., in Ausnahmen bis zum 40. Lebensjahr, da erreicht sie ihr erster, ihr symbolischer Tod. Die naheliegende Analogie illustrieren praktischerweise vier nackte Hürdenläuferinnen.

Die große allegorische Reise von Geburt und Tod, Hölle und Paradies erschöpft sich im wesentlichen in vier Tableaus:

Eine Technohölle, die Perfektion der Technik, ein Kennzeichen der totalen Mobilmachung (so waren die 1930er). Man kübelt Blut und Farbe auf eine Leinwand und geht zu einer gemütlich versumpften Orgie über (so waren die 1960er und 70er), bevor man mit einem Vibrator in pseudosakralem Ambiente hantiert (so waren die 1990er). Schließlich kämpft man mit einer gewaltigen Klobürste gegen klapprige Riesenskelette (so war die Ewigkeit).

Wenigstens weiß man nun, wie in René Polleschs »Vorhang«-Stück Martin Wuttke zum albernen Gevatter Tod auf seinem Rücken kam. Der begnadete Resteverwerter Pollesch hat sie wohl dem Fundus dieser Produktion aus dem Höllenkreis der Scheiße entwendet.

Nächste Vorstellungen: 8. und 9.10.

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