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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 8 / Inland
Abschiebungen aus der BRD

»Die Lage in Sri Lanka verschärft sich dramatisch«

Zahl der Abschiebungen von Tamilen aus der Bundesrepublik hat zugenommen. Ein Gespräch mit Lisa Skender
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Während des Bürgerkriegs in Sri Lanka haben Tausende Tamilen in der Bundesrepublik demonstriert (Berlin, 18.9.2006)

An diesem Montag steht Ihren Informationen zufolge eine Sammelabschiebung von Tamilen nach Sri Lanka bevor. Das wäre die bereits dritte im Jahr 2021. Warum soll sie jetzt stattfinden?

Der Zeitpunkt einen Tag nach der Bundestagswahl weist darauf hin, dass das Ganze unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden soll. Abschiebungen und Abschiebehaft passieren in Deutschland im stillen, quasi im geheimen. Sie sollen so ungestört wie möglich vonstatten gehen. Die einzelnen Schicksale der Abgeschobenen, ihrer Familien und Freunde werden dabei ignoriert. Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg schieben die meisten Tamilen ab. Deswegen ist auch bei dieser Abschiebung davon auszugehen, dass die Betroffenen in diesen Bundesländern leben.

Jahrelang fanden kaum Abschiebungen nach Sri Lanka statt. Was hat sich aus Sicht der Behörden verändert?

Nach Ende des Bürgerkriegs (von 1983 bis 2009 kämpften tamilische Separatisten für einen unabhängigen Staat, jW) waren die Zahlen der Abschiebungen aus der BRD eher marginal. Zusammen mit der Abschiebung am Montag könnte die Zahl insgesamt nun bei 60 liegen. Das ist ein trauriger Rekord. Die Begründung der Behörden ist ziemlich simpel: Die Gesamtlage, insbesondere für Tamilen, sei besser geworden; die Regierung mache Fortschritte bei der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen. Nach dem Regierungswechsel und der Wiedererlangung der Regierungsmacht durch die Rajapaksa-Brüder ist diese Einschätzung blanker Hohn. Die Lage für Tamilen und Muslime wird in Sri Lanka nicht besser, sondern verschärft sich dramatisch.

Sie waren selbst im Mai in den tamilischen Gebieten in Sri Lanka und haben dort viele Interviews geführt. Was haben Sie erlebt?

Menschen berichteten von täglicher Angst für sie und ihre Familien, von Verfolgung, engmaschiger Überwachung und Repression im Lebensalltag. Ein Interviewpartner, Angehöriger einer zivilgesellschaftlichen Organisation, sitzt mittlerweile unter dem »Prevention of Terrorism Act« für unbestimmte Zeit und ohne richterlichen Beschluss in Haft. Junge Menschen berichteten von der Furcht davor, dass es Tamilen und ihre Kultur in absehbarer Zeit auf Sri Lanka nicht mehr geben wird. Diese dramatischen Prozesse verlaufen dabei fast geräuschlos: Die systematische und strukturelle Unterdrückung von Tamilen ist ein Prozess unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit. Es gibt keine Bilder, kein Ereignis, das von heute auf morgen passiert.

Was wissen Sie über die Situation der Abgeschobenen?

Zunächst konnte uns keiner sagen, wo die Abgeschobenen sind. Sie waren praktisch vom Boden verschluckt. Mittlerweile wissen wir, dass viele von ihnen wieder auf freiem Fuß sind, was keineswegs bedeutet, dass sie sich auch frei bewegen und leben können. Ein Mensch verglich die Situation im Norden und Osten der Insel mit einem offenen Gefängnis. Viele berichteten uns von ihrer Situation und den Lebensbedingungen. Für die Abgeschobenen stellten sich diese zusätzlich anders dar: Sie gelten als Verräter, als Terroristen, als Feinde.

Wie geht die tamilische Diaspora in der BRD mit der Bedrohung um?

Die Menschen aus der tamilischen Diaspora müssen sich schon seit Jahrzehnten mit immer wieder abgelehnten Asylbescheiden oder sogar mit der Auflösung eines sicher geglaubten Schutzstatus auseinandersetzen. Wir haben persönlichen Kontakt zu einem Abgeschobenen, der eine schwangere Frau und Kinder hat, einen festen Job hatte und zudem noch gut die deutsche Sprache beherrscht – also gemeinhin als gut »integrierter« Familienvater gelten müsste. Auch bei innerlinken Debatten scheint man sich mit Tamilen nicht im selben Maße wie mit anderen unterdrückten Völkern zu solidarisieren. Das muss sich ändern!

Lisa Skender ist aktiv beim Internationalen Menschenrechtsverein Bremen

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