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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 5 / Inland
Coronapandemie

Schulen bleiben kalt

Stoßlüften im Winter: Nur zehn Prozent der Klassenräume verfügen über fest installierte Luftreinigung. Ausbau kann Jahre dauern
Von Bernd Müller
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Bildungsrepublik war gestern. Für Schulen stellt die Regierung in der Pandemie kaum Geld bereit (Bonn, 26.10.2020)

Für die Schüler in Deutschland heißt es auch im kommenden Winter: warm anziehen! Unterricht wird wieder bei geöffneten Fenstern stattfinden. Luftfilter, ob mobil oder stationär, kommen immer noch kaum zum Einsatz.

Vor zweieinhalb Monaten hatte die Bundesregierung ein Programm aufgesetzt, mit dem mobile Luftreiniger für den Schutz vor dem Coronavirus in Kindergärten und Schulen gefördert werden sollten. Geld geflossen ist bislang offenbar nicht. In einer Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hieß es dazu: »Mittel wurden bislang nicht abgerufen«.

Mitte Juli hatte das Bundeskabinett beschlossen, 200 Millionen Euro für die Anschaffung von mobilen Luftfiltern zur Verfügung stellen zu wollen. Die Hälfte der Kosten wollte der Bund tragen, die andere Hälfte sollten die Länder übernehmen. Einen Monat hat es etwa gedauert, bis sich Bund und Länder auf eine entsprechende Verwaltungsvereinbarung verständigen konnten.

Ähnlich verheerend ist die Situation bei den stationären Luftfiltern. Seit Oktober 2020 stellt die Bundesregierung etwa eine Milliarde Euro für Filteranlagen bereit, die fest in den Klassenräumen eingebaut werden. Ausgezahlt wurden allerdings erst 460.000 Euro. Geld in Höhe von 546 Millionen Euro seien zumindest schon »gebunden«, also beantragt, teilte das BMWi auf jW-Anfrage mit.

FDP und Grüne kritisierten die Bundesregierung dafür. »Gebundene Mittel wirken nicht gegen die Pandemie, hierfür müssen die Mittel verausgabt werden«, sagte der Bundestagsabgeordnete Karsten Klein (FDP), der Mitglied im Haushaltsausschuss ist. Die Geräte sollten Schulen und Kindergärten jetzt zur Verfügung stehen und nicht nur in Planung sein. Maria Klein-Schmeink, Gesundheitspolitikerin der Grünen-Fraktion, erklärte: »Die Bundesregierung hat es auch im zweiten Jahr der Coronapandemie nicht zustande bekommen, die Schulen während der Sommerferien zu sichern«. Das Programm für mobile Filter sei viel zu spät gekommen. Und dass sich die Bundesregierung so viel Zeit gelassen habe, zeige, dass sie der Schutz von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie »anscheinend nicht wirklich interessiert«.

In ihren Förderprogrammen orientieren sich Bund und Länder an den Vorgaben des Umweltbundesamtes (UBA). Dieses hatte schon Anfang Juli klargestellt, dass es bei stationären Anlagen keine schnellen Lösungen geben würde. Nur zehn Prozent der Schulen verfügten bislang über fest installierte Lüftungsanlagen, heißt es dort. Die übrigen auszurüsten sei nur mit »beachtlichem baulichen und technischen Aufwand« möglich.

Für den Einsatz der mobilen Anlagen unterscheidet das UBA nach der Möglichkeit, einen Raum zu lüften. Wo das gut möglich ist, sei »der Einsatz mobiler Luftreinigungsgeräte nicht notwendig« – regelmäßiges »Stoß- und Querlüften« wäre ausreichend. Dies betreffe die Mehrzahl der Schulräume. Bei 15 bis 25 Prozent sei die Lüftung nur eingeschränkt möglich, Fenster seien zum Beispiel nur ankippbar. Hier seien »mobile Luftreinigungsgeräte somit, neben der eingeschränkten Lüftung, ein wichtiges Element eines Maßnahmenpakets«.

Wo dagegen die Fenster geöffnet werden können, soll regelmäßiges Lüften die wichtigste Maßnahme sein, die Virenmenge in der Luft zu verringern. »Die gleichzeitige Anwendung von Lüftung und der Einhaltung der AHA-Regeln ist aus innenraumhygienischer Sicht umfassend und ausreichend für den Infektionsschutz«, heißt es beim UBA. Der Einsatz von mobilen Luftfiltern sei hier nicht notwendig – und wird entsprechend auch nicht gefördert.

Im Juli hatten auch deutsche Hersteller von mobilen Luftfiltern vor Problemen bei der Beschaffung gewarnt. Schulträger bemühten sich genauso wie Veranstalter, Gastronomie und Fitnesscenter um die Geräte, sagte ein Hersteller im Handelsblatt. Es könnte zu größeren Engpässen kommen. Bis zu zwei Jahre könnte es dauern, bis alle deutschen Schulen mit Luftfiltern ausgestattet werden können.

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