Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Freitag, 22. Oktober 2021, Nr. 246
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Fünf Jahre Friedensabkommen

Krieg geht weiter

Kolumbien fünf Jahre nach Unterzeichnung des Friedensabkommens: Anhaltende Gewalt gegen Linke. Bogotá rüstet auf
Von Frederic Schnatterer
3 Kopie.jpg
Alte und neue Wunden: Die Mutter eines Opfers staatlicher Gewalt fordert in Bogotá Aufklärung (30.8.2021)

Den wenigsten dürfte am Sonntag in Kolumbien zum Feiern zumute gewesen sein. Das hatte vor fünf Jahren noch anders ausgesehen. Mit viel Pomp unterzeichneten am 26. September 2016 in der Karibikmetropole Cartagena Kolumbiens damaliger Präsident Juan Manuel Santos und Rodrigo Londoño, Chef der linken Guerilla FARC-EP, einen sogenannten Friedensvertrag. Ganz in Weiß gekleidet, setzten beide mit einem Kugelschreiber, der aus einer alten Patronenhülse angefertigt worden war, ihre Unterschrift unter das Abkommen.

Von der Euphorie ist heute nicht mehr viel zu spüren. Zu schwer wiegen die Meldungen über die anhaltende Gewalt im Land. Fast 290 Exguerilleros wurden seit der Unterschrift ermordet, mehr als 1.240 Aktivisten getötet. Auch Massaker und Vertreibungen ganzer Dorfgemeinschaften sowie die oftmals tödliche Polizeirepression gegen die seit April anhaltend demonstrierende Protestbewegung zeigen, wie weit Kolumbien heute – trotz des Abkommens, das den mehr als 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikt beenden sollte – von Frieden entfernt ist.

Dabei ist die Situation heute teils noch dramatischer als vor fünf Jahren. Am vergangenen Mittwoch veröffentlichte das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha) in Bogotá Zahlen, nach denen es in Kolumbien heute so viele Binnenflüchtlinge gibt wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Allein zwischen Januar und August dieses Jahres seien rund 57.000 Menschen von bewaffneten Gruppen, meist rechten Paramilitärs, aus ihrer Heimat vertrieben worden. Im Vergleich zu 2012 habe sich die Zahl der Vertriebenen »verdoppelt und sogar verdreifacht«.

Dass der Krieg – heute allerdings ohne eine bewaffnete FARC-Guerilla – unvermindert weitergeht, ist direktes Resultat der Politik von Präsident Iván Duque. Nur eine Woche nach der Zeremonie in Cartagena stimmte in einem Referendum am 2. Oktober 2016 eine Mehrheit der Kolumbianer gegen das Friedensabkommen. Maßgeblich an der »Nein«-Kampagne beteiligt waren die Kräfte um die ultrarechte Partei »Centro Democrátio« des Expräsidenten Álvaro Uribe, aus der auch Duque kommt. Vor seiner Wahl 2018 warb der heutige Staatschef unumwunden damit, den Friedensvertrag – der nach dem Referendum überarbeitet und in wichtigen Teilen entkräftet worden war – »zerstören« zu wollen. Das sei ihm zwar nicht gelungen, konstatierte am vergangenen Dienstag Londoño, heute Vorsitzender der aus der FARC-Guerilla hervorgegangenen Partei Comunes bei Twitter. Trotzdem zeigen die Entwicklungen, wie wenig der kolumbianischen Oligarchie am Frieden liegt.

Die westlichen Verbündeten Bogotás interessiert das indes wenig. Das unterstrich vergangene Woche einmal mehr der Besuch von Craig Faller, Oberkommandierender des Südkommandos der US-Streitkräfte (Southcom) in Kolumbien. Bei »mehreren Treffen mit Militärführern« betonte Faller, das Land stelle einen »sehr zuverlässigen und wichtigen Verbündeten für die Sicherheit in der Region dar«. Zudem übergab er zwei neue Flugzeuge des Typs Lockheed Hercules C-130 an Bogotá. Sie sollen laut Kolumbiens Verteidigungsminister Diego Molano zur »Gewährleistung der Sicherheit in der Hemisphäre« eingesetzt werden.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Jesús Santrich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis am 30. M...
    22.05.2021

    Stimme des Widerstands

    Zum Tod des kolumbianischen FARC-Comandante Jesús Santrich
  • Mit einer Performance machte dieser Demonstrant im südkolumbiani...
    20.05.2021

    Bogotá lässt töten

    FARC-Comandante Jesús Santrich im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela ermordet. Kein Ende der Gewalt gegen Protestbewegung

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt