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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 1 / Titel
Krise in Großbritannien

Brexit schafft Mangel

Britannien: Leere Supermarktregale im Mutterland des Kapitalismus. Schlangen vor Tankstellen. Arbeiter verweigern Dumpinglöhne. Militär mobilisiert
Von Simon Zeise
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Kapitalismus außer Betrieb: Die Versorgung ist in weiten Teilen des Landes zusammengebrochen

Ein zentrales Versprechen von Premier Boris Johnson lautete: Der »Brexit« schaffe »britische Jobs« für »Briten« – ein Satz mit x, das war wohl nix. Denn seit dem Inkrafttreten des Austrittsabkommens aus der EU fehlen in Großbritannien Arbeiter an allen Ecken. In zahlreichen mies bezahlten Dienstleistungsberufen waren zuvor Osteuropäer im Rahmen der sogenannten EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit auf der Insel tätig. Doch seit dem Austritt aus der Wirtschaftsunion müssen sich EU-Ausländer zeitaufwendigen und teuren Visaverfahren unterziehen. Und die britischen Lohnabhängigen wollen ihre Arbeitskraft nicht zu den geltenden Dumpingpreisen verkaufen.

Die Folge ist: Mangel an allen Orten. In Supermärkten bleiben die Regale leer. Weihnachten könnte dieses Jahr besinnlich ausfallen, da die übliche Warenschwemme deutlich reduziert ist. Der Branchenverband Road Haulage Association (RHA) geht davon aus, dass bis zu 100.000 Lkw-Fahrer im Land fehlen, die früher das Logistiknetz der Supermärkte aufrechterhalten haben. Die Regierung wollte den Systemfehler bislang aussitzen. Verkehrsminister Grant Shapps hatte es noch am Freitag abgelehnt, Arbeiter aus dem Ausland anzuheuern.

Erst als am Wochenende bekannt wurde, dass Energiekonzerne Dutzende Tankstellen nicht mehr beliefern konnten, erwachte die Regierung aus dem Tiefschlaf. Bis zu 5.000 Arbeitsvisa für Lastwagenfahrer sollen bereitgestellt werden, teilte das Verkehrsministerium am Sonntag in London mit. Zudem sollen 5.500 Fachkräfte für die Geflügelverarbeitung angeworben werden. Mit den Worten »Boris hat die schlechten Schlagzeilen völlig satt und möchte, dass es gelöst wird, er schert sich nicht mehr um Visaregeln«, zitierte die ­Financial Times am Sonnabend einen »Verbündeten« aus Johnsons Umfeld. London übte sich in Schadensbegrenzung: Es sei genügend Kraftstoff vorhanden, versuchte Shapps zu beruhigen. Die Leute sollten sich vernünftig verhalten. Seine Kabinettskollegin, Kulturministerin Nadine Dorries, twitterte: »Es gibt keinen Kraftstoffmangel. Ich wiederhole: Es gibt keinen Kraftstoffmangel!«

Vertreter der Logistikbranche und der Nahrungsmittelindustrie begrüßten die Regierungspläne. Zugleich machten sie deutlich, dass die insgesamt 10.500 Arbeiter nicht ausreichten. »Das ist, als ob man ein Lagerfeuer mit einem Fingerhut Wasser löschen will«, sagte die Präsidentin der britischen Handelskammer, Ruby McGregor-Smith.

Mittlerweile wurde das Militär mobilisiert, um der Mangelwirtschaft Abhilfe zu verschaffen. Vorgesehen ist etwa, dass Fahrlehrer der Armee helfen, den enormen Rückstau an Fahrprüfungen aufzuarbeiten, der auch durch die Coronapandemie entstanden ist. Das Verkehrsminister schloss nicht aus, dass Soldaten sogar als Fahrer einspringen könnten.

Der Mangel in der Lebens­mittel­industrie wird auch durch die steigenden Energiekosten befeuert. Mehrere Fabriken, in denen Kohlenstoffdioxid (CO2) hergestellt wird, mussten die Produktion einstellen, weil sie die Teuerungen nicht bewältigen konnten. Lebensmittel- und Getränkehersteller benötigen CO2, um Schlachtvieh zu betäuben und Verpackungen vakuumsicher zu versiegeln. Fleischproduzenten fürchten einen enormen Rückstau, in dessen Folge sie Zehntausende Tiere keulen müssten. Die CO2-Preise könnten sich zudem vervielfachen – und Nahrungsmittel verteuern. Angesichts der stark gestiegenen Erdgaspreise wurden in den vergangenen Wochen Kohlekraftwerke wieder hochgefahren.

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