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Aus: Ausgabe vom 25.09.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mehr Tote in Kauf nehmen

Von Arnold Schölzel
Schwarzer Kanal

Am Montag berichtete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) auf Seite eins: »Kommunisten legen in Russland zu«. Ähnlich aufgeregt hatte Chefredakteur Eric Gujer in der vor allem für die Bundesrepublik bestimmten internationalen Ausgabe der NZZ am Sonnabend ein »Pickelhauben-Paradox« beim nördlichen Nachbarn ausgemacht. Dort befinde sich »die Freiheit auf dem Rückzug«. Die Welt ist voller Gefahren.

Wächst die Furcht in der Schweiz, dass die deutsche Geldwäschefahndung nun Ernst macht und kein deutscher Arbeiter mal eben 100.000 Euro schwarz über die Grenze schaffen darf? Olaf Scholz hat da erwiesenermaßen nichts unternommen, und die Attacke Armin Laschets auf den Finanzminister lief ins Leere. Gujer meint auch nicht Kontenfreiheit, sondern die deutschen Pandemiemaßnahmen, das allgemein Menschliche: »Deutschland verschrieb sich einer Null-Risiko-Strategie, fixiert auf abstrakte Inzidenzwerte und einen Moralismus, der Andersdenkende zu potentiellen Totschlägern erklärt.« Deutschland sei so freiheitlich, demokratisch und »dabei so sympathisch«, suche aber in der Pandemie »bei Methoden Zuflucht, die direkt aus seiner Vergangenheit zu stammen scheinen«.

Weil Schweiz und Schweden dagegen »das Leben« weniger eingeschränkt hätten, kämen sie jetzt schneller aus der Krise. In Europa stehen sich daher, so Gujer, zwei Modelle gegenüber: Der massiv die Freiheit einschränkende Staat und andererseits »ein Staat, der Gesundheit und Freiheit auszubalancieren versucht und dafür mehr Erkrankungen und sogar mehr Tote in Kauf nimmt.«

Abgesehen davon, dass zumindest die EU-Staaten kein Problem damit haben, etwa in Afghanistan, in Syrien oder in Mali jede Menge Tote »in Kauf« zu nehmen, richtiger: dort für massenhaften Mord sorgen, offenbarte der staatliche Umgang mit der Pandemie in der Bundesrepublik vor allem Unfähigkeit, Chaos und den Fast-Zusammenbruch eines auf Profit getrimmten sogenannten Gesundheitswesens. Mehr Tote eben. Nach 20 Jahren SPD- und Unions»reformen« in diesem Bereich war die Sorge vor dem Kollaps sehr berechtigt. Gujer fasst das in den Satz: »Ihrem Schutzversprechen wurde die Bundesregierung nur teilweise gerecht.« Der Chefredakteur klagt aber nicht die Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Gesundheit an, sondern das »Bürokratievirus«, das irgendwo »für Jahrzehnte geschlummert« habe. Schreckliche Beispiele zählt er auf, etwa, dass ein Bekannter mit seiner Frau trotz Verbot bei Freunden eingeladen gewesen sei. Eine Person war erlaubt, da habe der sich bei der für Lieferando jobbenden Tochter die orange Dienstkleidung ausgeliehen, um verkleidet das Haus zu betreten.

Gujer nimmt das »Bürokratievirus« fürs Ganze – »stagnierende Gesellschaften«, »Reformstau« und andere deutsche Untergänge. Die »sprichwörtliche Stabilität der deutschen Politik« sei nun ein Auslaufmodell. Wichtiger als die Entscheidung, »welcher der beiden Dioskuren der Durchschnittlichkeit – Laschet oder Scholz – ins Kanzleramt einzieht«, sei die Frage, ob sich nun »Immobilismus mit Instabilität« verbinde, oder ob »die Instabilität zum Treiber für Innovationen« werde.

Eine Restahnung von künftigen Krisen ist beim Zürcher vorhanden, obwohl es Weltfinanz- und Wirtschaftskrise für Gujer nie gegeben hat oder gar Milliardäre, die ihr Land mit Hilfe der Schweiz in den Bankrott schicken, wie im Fall Griechenland. Kapitalismus heute ist vor allem Stagnation und soziale »Instabilität«. Dabei kennt Gujer die nötige »Innovation«: Wenn es um exzessive Steigerung von Ausbeutung, also um die von ihm gemeinte Freiheit geht, findet er bei Lieferando das Richtige. Da schlägt das »Bürokratievirus« nie zu. Es gibt lediglich mehr Kranke und Tote.

Abgesehen davon, dass zumindest die EU-Staaten kein Problem damit haben, etwa in Afghanistan, in Syrien oder in Mali jede Menge Tote »in Kauf« zu nehmen, richtiger: dort für massenhaften Mord sorgen, offenbarte der staatliche Umgang mit der Pandemie in der Bundesrepu­blik vor allem Unfähigkeit, Chaos und den Fast-Zusammenbruch eines auf Profit getrimmten sogenannten Gesundheitswesens.

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