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Aus: Ausgabe vom 25.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Figurentheater

Subtile Jagden

Die Schaubude Berlin ruft »Die Republik der Käfer« aus!
Von Markus von Schwerin
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Immerhin haben Larven eine komplette Transformation zu stemmen

In der Schaubude Berlin feierte am Donnerstag die erste Produktion des Figurentheaterkollektivs »die quadriga« in Kooperation mit der Regisseurin Kalma Streun ihre Hauptstadtpremiere. Vorige Woche wurde das Stück am Dresdner Societätstheater erstaufgeführt, wo die vier Frauen in der laufenden Spielzeit gerade als »Residenz-Company« zu Gast sind. Im Kurzfilm »Hinter Glas«, mit dem »die quadriga« am diesjährigen Internationalen Figurentheaterfestival teilnahm, wurden bereits Einblicke gewährt in den tropfsteinhöhlenartigen Kosmos verpuppter Larven, die über Nackenschmerzen klagen und es zugleich nicht abwarten können, in ein Flügelwesen verwandelt die Welt neu zu erfahren.

Im Theaterstück blickt der Zuschauer zunächst auf eine Wand mit rot schimmernden ballonartigen Gebilden. Daneben ein etwa gleich hohes Gestell, an dessen inneren Leisten sich Saiten und Stimmwirbel erkennen lassen. Die kleinen Ballons beginnen sich bei Szenenlicht zu rühren und bekommen plötzlich Münder, die wild durcheinander Parolen von »empathischem Erleben« und »radikalem Handeln« verkünden.

Noch bevor man sich Gedanken darüber machen kann, ob es sich hierbei um diskutierende Eier handelt, wird die Bühne in Nebel gehüllt. Aus den Schwaden tauchen vier in weißen Mull gewandete Schauspielerinnen mit aufgeklebten Hüft- und Bauchspeckwülsten auf, die dann am Bühnenrand beherzt Hirsechips in sich hineinfuttern. »Ich liebe es einfach anzuschwellen, immer dicker und praller zu werden«, äußert eine von ihnen, und die anderen pflichten ihr mampfend bei.

Beim lockeren Larvengeplänkel liegt die Assoziation geselligen Schwangerenaustauschs nahe. Doch die anstehende Veränderung ist existenzieller. Die Larven haben eine komplette Transformation zu stemmen, die nicht alle überstehen. In die frohlockende Aussicht »Wenn die Metamorphose vorbei ist, bin ich wunderschön!« mag eine bereits geschlüpfte, grün gewandete Gestalt mit ramponierten Fühlern nicht mit einstimmen: Es ist eine notorisch übelgelaunte Stechmücke (Marie Bretschneider), deren Schicksal es ist, bei der Nahrungsaufnahme die Albträume der Menschen mit aufzusaugen. Veronika Thieme gibt dagegen den Skarabäus mit Conférencierqualitäten, der sowohl das elegante Balancieren der von ihm zärtlich »Schätzchen« genannten Mistkugel als auch die musikalischen Darbietungen des Stahlharfe spielenden Marienkäfers (Rike Schuberty) und des dazu in Laurie-Anderson-Manier rezitierenden Juni­käfers (mit imposant wimpernartigen Fühlern am Helm: Ulrike Langenbein) in Szene zu setzen versteht.

Wenn im »Eiersong« dann die Stahlharfe wie eine Slide-Gitarre eingesetzt wird und dazu dezente Loops pulsieren, entstehen Klänge, die auch vom derzeitigen »Bildet Nischen!«-Festival kommen könnten. Und wenn sich die vier Flügelwesen im Zuschauerraum verteilen, entsteht sogar eine Art Quadrophonie. Bei der Dichte an Informationen, etwa über das Fortpflanzungsverhalten und die vorbildliche Recyclingpraxis der Skarabäen, kann einem zuletzt der Kopf so schwirren wie beim Spaziergang übers Tempelhofer Feld zur Paarungszeit der Junikäfer. Doch auch hier gilt: Zweimal sehen haftet besser! Bis einschließlich Sonntag ist das in Berlin, dann im Oktober und November noch mal in Dresden möglich.

»Die Republik der Käfer«, die quadriga, Schaubude Berlin. Nächste Aufführungen: 25. und 26.9.

schaubude.berlin/de

diequadriga.de

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