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Aus: Ausgabe vom 24.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Rap

»I Love You, I Hate You«

Familiensache: »Sometimes I Might Be Introvert«, das neue Album der großartigen Rapperin Little Simz
Von Jonas Wagner
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Papa, wo warst du?

Marschtrommel, einsetzendes Orchester, dazu epische Chorgesänge: Das neue Album der britischen Rapperin Little Simz startet fulminant. »I’m not into politics, but I know it’s dark times«, konstatiert die Londoner Künstlerin in der ersten Strophe des Eröffnungsliedes »Introvert«. Und konterkariert diese Aussage noch im selben Song mit Zeilen über korrupte Politiker und zerrüttete Verhältnisse. Allein die Diskrepanz zwischen dem Songtitel (»Introvert«) und dem langen Lied, das in mehreren Tempi zwischen Orchestereinlagen, wütenden Rapzeilen und eingängigen Refrains changiert, lässt sich durchaus als dialektisch bezeichnen. Das Albumcover ist es allemal: Simbiatu Ajikawo, so Simz’ bürgerlicher Name, sitzt in einem auffälligen orange-blau karierten Anzug und mit imposanter Hochsteckfrisur vor goldenem Hintergrund, darüber ist der Titel des Werkes zu lesen, dessen Anfangsbuchstaben überdies Ajikawos Spitznamen »Simbi« ergeben: »Sometimes I Might Be Introvert«.

Klanglich ist das fünfte Studioalbum der 27jährigen alles andere als introvertiert: Viele der 19 Songs werden von groovigen Bassläufen getragen, häufig garniert mit Streichern, Bläsern oder Chorgesang. Raptechnisch zieht Little Simz alle Register: Bisweilen erinnert ihr Rap an Spoken Word, in »How Did You Get Here« oder »Standing Ovation«. In letzterem stellt Simz – genau wie in »Miss Understood« oder im Schlussteil von »Two Worlds Apart« – eindrucksvoll unter Beweis, welch großes Talent sie in puncto Geschwindigkeit und Flow besitzt.

Insgesamt wirkt das Album, das erneut Simz’ Kindheitsfreund Inflo produziert hat, wie aus einem Guss: orchestrale Klänge, mehrstimmiger Gesang, treibende Basslines. Einige Songs stechen freilich heraus: »I See You« ist eine regelrechte HipHop-Ballade, der funkige Disco-Song »Protect My Energy« kommt ohne Rap-Part aus, »Fear No Man« und »Point and Kill« klingen mit ihren Trommelrhythmen nach Afrobeat. Fünf Interludes, kurze Zwischenstücke, dienen als Verbindungskitt zwischen den Stücken.

Im Song »I Love You, I Hate You« rechnet Little Simz mit ihrem Vater ab. Sie rappt: »Never thought my parent would give me my first heartbreak«, bevor sie sich die Frage stellt, ob ihr Vater für sie wirklich ein Papa ist – oder doch nur ein Samenspender (»Is you a sperm donor or a dad to me?«). Schließlich, so die Rapperin in einem Interview mit dem britischen Guardian, sei er einen Großteil ihres Lebens nicht dagewesen. Familienmitglieder spielen auch in anderen Songs eine Rolle: In »Miss Understood« scheint es um eine von Simz’ älteren Schwestern zu gehen, »Little Q, Pt. 2« erzählt die Geschichte ihres im Londoner Süden aufgewachsenen Cousins. Weibliches und schwarzes Empowerment (»Woman«) sowie mentale Gesundheit (»Gems – Interlude«) sind weitere Themen. Inhaltlich knüpft Simz so an ihre Vorgängeralben an.

»Sometimes I Might Be Introvert« ist auch musikalisch eine Weiterentwicklung – vielseitiger, opulenter, ausgereifter als die jüngste EP »Drop 6« oder das Album »Grey Area«, beide von 2019. An Grime, den harten Londoner Straßenrap, dem Simz’ Musik häufig zugeordnet wird, erinnert kaum noch etwas. Ausnahmen: der Song »Speed« und das auf einem bösen Trap-Beat gebaute, mit Adlibs (gerufenen Worten am Ende einer Zeile) gespickte »Rollin Stone«.

Interessante Arrangements, ausgefeilte Raptechnik, vor Referenzen strotzende Texte: Little Simz genießt schon seit längerem den Ruf, eine der besten zeitgenössischen Rapperinnen zu sein. Darauf eine Schippe Zement.

Little Simz: »Sometimes I Might Be Introvert« (Age 101 Music/AWAL)

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