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Aus: Ausgabe vom 23.09.2021, Seite 4 / Inland
Geschichtsrevisionismus

Gegen die Kolonialamnesie

Berlin: Proteste gegen Eröffnung der ethnologischen Museen im Humboldt-Forum. Dort wird Raubkunst präsentiert
Von Annuschka Eckhardt
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Heute schon Beutekunst betrachtet? Protest gegen die Eröffnung der ethnologischen Ausstellungen im Berliner Humboldt-Forum (22.9.2021)

Vor der prunkvollen Fassade des sogenannten Humboldt-Forums erklingt am Mittwoch morgen der A-capella-Gesang eines Chores: »Die Verwandlung des gesprengten Hohenzollern-Schlosses zu Weltkunst hat eine höhere Logik / Man könnte geradezu sprechen von einer Alchemie / der Verwandlung Preußens zum Ruhme dieser Republik.« Eine junge Frau nimmt das Mikrofon in die Hand. Njobati Sylvie Vernyuy spricht zu den etwa 100 anwesenden Demonstrierenden: »Ich bin über 3.000 Meilen von Kamerun nach Berlin gereist, um heute hier vor der Eröffnung der ethnologischen Sammlung im Humboldt-Forum sagen zu können: Gebt uns unsere Stature›Ngonnso‹ zurück!« Kurz danach drängen Polizeibeamte die Protestierenden zurück, um Platz für die ankommenden Luxuskarossen zu machen. Flink fegt ein Lohnabhängiger den Boden vor dem Eingang, bevor eine schwarze Limousine mit Adlerwimpel angefahren kommt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steigt aus und blickt, kurz grinsend, zu den Protestierenden, bevor er in den Prunkbau schreitet.

Mit Steinmeier eröffnete am Mittwoch das Staatsoberhaupt der BRD in einem Festakt die ersten Bereiche des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Das 680 Millionen Euro teure Humboldt-Forum, an dessen Stelle früher der Palast der Republik stand, war nach jahrelangen Diskussionen und einigen Verzögerungen im Juli in einem ersten Schritt eröffnet worden. Von den etwa 500.000 Objekten der beiden zuvor im Berliner Stadtteil Dahlem ansässigen Museen sollen rund 20.000 im Humboldt-Forum gezeigt werden. Dazu gehören auch die als koloniales Raubgut geltenden Benin-Bronzen, die mit dem letzten Öffnungsschritt vermutlich von Mitte 2022 an dort zu sehen sein sollen.

»Die Eröffnung der ethnologischen Museen ist ein Beispiel dafür, dass die Verantwortlichen nicht verstehen, dass sie Kolonialismus nicht etwa entgegenarbeiten, sondern ihn fördern und verbreiten«, kritisierte Thomas Mader, ein Sprecher der Coalition of Cultural Workers against the Humboldt-Forum, die den Protest mitorganisierten, am Mittwoch gegenüber jW. Bei der feierlichen Eröffnung äußerte sich Hermann Parzinger, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zuständig für die beiden Museen, mit Blick auf mögliche Rückgaben von kolonialem Raubgut vage. Im Humboldt-Forum würden jetzt Objekte präsentiert, die vielleicht morgen nicht mehr zu sehen seien.

Die freie Kunstwissenschaftlerin Anne Marie Freybourg, die sich seit langem mit museologischen Fragen beschäftigt, hat seit 2012 die Diskussionen verfolgt. »Erst seit der grundlegenden Kritik am Konzept des Ethnologischen Museums und des Humboldt-Forums und den nicht nachlassenden Protesten unterschiedlicher dekolonialer Initiativen haben sich die Kuratoren endlich auf den Hosen­boden gesetzt und nachgearbeitet«, sagte sie am Mittwoch auf Anfrage von junge Welt. Trotzdem sei nach wie vor augenfällig, dass der jetzt begonnene Dialog mit den Herkunftsländern der Artefakte von einer »wohlwollenden Selbstgewissheit« geprägt ist, die nicht mehr zeitgemäß sei.

Die aus Kamerun nach Berlin gereiste Njobati Sylvie Vernyuy berichtete am Mittwoch im Gespräch mit junge Welt, dass die Statur »Ngonnso«, die nun im Ethnologischen Museum ausgestellt wird, um 1903 ihrer Community der Nso geraubt worden sei. Die Statue stellt die Gründerin des Volkes als sitzende Frau dar, die eine Schüssel hält. Schon vor 40 Jahren hätten die Nso eine Rückgabe des Artefakts gefordert, doch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz habe behauptet, »Ngonnso« rechtmäßig erworben zu haben. Vor einigen Tagen durfte Vernyuy die Statue zum ersten Mal im Beisein der Kuratorin betrachten, nach Kamerun zu ihrer Community darf sie die Gründermutter ihres Volkes jedoch nicht mitnehmen. »Der sogenannte koloniale Dialog funktioniert nicht«, monierte Vernyuy gegenüber jW. Das Museum sei um Verzögerung bemüht, wenn es um die Rückgabe geraubter Artefakte gehe. Das Vorgehen zeige, dass die Zeiten des Kolonialismus noch lange nicht vorbei sind.

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  • Leserbrief von Susanne Rößling (24. September 2021 um 12:22 Uhr)
    Wenn der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, zur Eröffnung des »Humboldt-Forums« tatsächlich sagt, dass jetzt Objekte präsentiert würden, die vielleicht morgen nicht mehr zu sehen seien, hat er dem ganzen noch die Krone aufgesetzt. Das hieße: Wenn »Artefakte, Objekte«, Raubgut wie z. B. die Statur Ngonnso tatsächlich endlich nach Kamerun an die Nso zurückgegeben würden, wären sie angeblich nicht mehr sichtbar? Für niemanden? Weil an einem unsichtbaren Ort? Oder wenn nicht für »uns hier«, dann heißt das = für niemanden!?

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