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Aus: Ausgabe vom 22.09.2021, Seite 15 / Antifa
Extreme Rechte

Bombenbauer in der Alsace

Ultrarechter Franzose baute radioaktive Sprengsätze. Grenzregion zunehmend Terrain für Rechtsterroristen
Von Raphaël Schmeller
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Geschändete Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof von Westhoffen (4.12.2019)

Es ist bekannt: Die rechte Szene rüstet auf – und das auch in Frankreich. Wie die satirische Wochenzeitung Le Canard enchaîné unlängst herausfand, ist Ende August ein ultrarechter Bombenbauer im Rouffach (Alsace) verhaftet worden. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung am 26. August fand die Polizei vier selbstgebaute Uranbomben, drei davon sollen einsatzbereit gewesen sein. Neben den Sprengsätzen fanden die Einsatzkräfte auch Naziaufnäher, Hakenkreuze sowie eine komplette Kutte des Ku-Klux-Klan.

Der Mann war dem französischen Inlandsgeheimdienst DGSI bisher völlig unbekannt. Erst durch einen Anruf aus der Berufsschule Rouffach, in der der 1995 geborene mutmaßliche Täter seine Ausbildung absolviert, kam die Polizei auf dessen Spur. Der 26jährige habe den anderen Lehrlingen davon erzählt, wie er Bomben baue und diese gegen öffentliche Einrichtungen einsetzen wolle, erklärte die zuständige Staatsanwältin Catherine Sorita-Minard in einer Mitteilung vom 8. September. Auch habe er Videos verbreitet, in denen zu sehen sei, wie er mit Sprengstoff hantiere. Die Staatsanwaltschaft habe nach dem warnenden Anruf sofort eine Razzia unter äußerster Geheimhaltung durchführen lassen, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern.

Gegenüber den Ermittlern gab der 26jährige an, er habe das zur Herstellung der Uranbombe benötigte Material auf der Onlineplattform Ebay erworben. Eine Anleitung zum Bau der Sprengsätze habe er in sogenannten Tutorialvideos in den sozialen Netzwerken gefunden. Laut Informationen der Strasbourger Tageszeitung Dernières Nouvelles d’Alsace wollte der Ultrarechte die Bomben an Neujahr zur Explosion bringen. Nun verteidige er sich damit, dass er die Sprengsätze »nur« auf einem Feld habe zünden wollen.

Zwei Tage nach der Festnahme des Bombenbauers wurden in Rouffach mehrere antisemitische Schmierereien entdeckt. Auf die Friedhofsmauer wurde unter anderem dreimal »Tod den Juden« gesprüht, wie ein Mitarbeiter der Kommune gegenüber AFP erzählte. Die Kleinstadt war schon 2005 wegen Rechtsterrorismus in die Schlagzeilen der französischen Presse geraten. Damals verübten Emmanuel Rist und Laurent Boulanger von der neonazistischen Zelle »Tiwaz 2882« einen Bombenanschlag auf den Rentner Lhabib Benamar, der nur knapp überlebte. Zwei Jahre später fand die Polizei außerdem heraus, dass die zwei Nazis auch die Schändung des jüdischen Friedhofs in Herrlisheim 2004 zu verantworten haben. Beide wurden für die Taten im Jahr 2009 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Rist wurde zusätzlich zu 20 Jahren verurteilt, weil er 2001 einen marokkanischen Händler in Gundolsheim ermordet hatte.

Zwar ist die Terrorzelle »Tiwaz 2882« längst zerschlagen, doch die Tätigkeit der Faschisten in der Alsace nimmt nicht ab, im Gegenteil. Erst Anfang Mai verhaftete die Polizei insgesamt sechs Mitglieder der ultrarechten Gruppe »Honneur et Nation«, die einen Anschlag auf eine Freimaurerloge im Département Moselle planten. Zudem gewinnt auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der »Kameraden« immer mehr an Bedeutung. »Beiderseits des Rheins gibt es eine Neonaziszene, vor der sich manchmal selbst die AfD fürchtet«, erklärte Jenny Haas, Sprecherin von Aufstehen gegen Rassismus Offenburg – das an Frankreich grenzt –, am Dienstag gegenüber jW. Immer wieder fänden in der Alsace und in der Schweiz Rechtsrockkonzerte statt, zu denen »Bruderschaften« aus ganz Deutschland anreisten. »Hinzu kommt die enge Vernetzung der sogenannten Identitären Bewegung, die heute in der Jungen Alternative aufgegangen ist, mit ihren Gesinnungsgenossen auf französischer Seite, obwohl dort die Génération Identitaire seit dem Frühjahr verboten ist.« Das habe auch damit zu tun, dass einer der führenden Köpfe der Jugendorganisation der AfD in Strasbourg lebe. »Für Antisemiten und Neonazis, denen der Nationalstaat doch so wichtig ist, gibt es hier im Dreiländereck keine Grenzen«, so das Fazit von Haas.

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