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Aus: Ausgabe vom 22.09.2021, Seite 12 / Thema
Hindukusch

Der Weg in den Abgrund

Die feudale Rückständigkeit Afghanistans führte 1973 zum Sturz des Königs und fünf Jahre später zur April-Revolution. Doch reaktionäre Kräfte setzten auf Bürgerkrieg – mit Unterstützung der USA
Von Harald Projanski
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Damalige Hoffnung auf bessere Zeiten. Eine Gruppe junger afghanischer Soldatinnen feiert am 27. April 1979 in Kabul den ersten Jahrestag der April-Revolution

Von der »goldenen Ära Afghanistans« berichtete die Neue Zürcher Zeitung am 18. August 2021. Gemeint sind die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Da sei der Staat am Hindukusch »ein Land auf dem Weg in die Moderne« gewesen. Illustriert wurde der Bericht mit Fotos von jungen Frauen in kurzen Röcken, von einer Studentin mit Zigarette, die mit einem jungen Mann parliert, und von Afghaninnen »mit modernen Frisuren.« Ganz ähnlich kamen »Kabuls goldene Jahre« und Afghanistans »goldenes Zeitalter« Anfang September auch in der liberalen Zeit zu Ehren.

Was der bürgerliche Blick auf die moderne Mode in Kabul von damals verbirgt, erfahren wir in der »Kleinen Enzyklopädie Weltgeschichte«, herausgegeben vom Volkseigenen Betrieb Bibliografisches Institut in der DDR, Leipzig 1979: ­Afghanistan war in den 1960er Jahren eines der am wenigsten entwickeltesten Länder der Erde. Die Bevölkerung bestand überwiegend aus Analphabeten. An den ersten Parlamentswahlen 1965 nahmen nur zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung teil. Die Abgeordneten vertraten überwiegend Großgrundbesitzer und das Privatkapital. Das Pro-Kopf-Einkommen betrug weniger als hundert US-Dollar im Jahr. Die »goldene Ära« unter dem König Zahir Schah gipfelte in den Jahren 1970 bis 1972 in einer Hungersnot.

Lediglich zwei Prozent der Bevölkerung waren damals in der Industrie beschäftigt. Selbst in der Umgebung des Königshauses wurde erkannt, dass die Monarchie in einer tiefen Krise steckte. Die 1960er und frühen 1970er Jahre waren eine Zeit gewaltiger unterschwelliger Spannungen in Afghanistan. Hinter dem trügerischen Bild der sonnigen Hauptstadt mit elegant gekleideten Damen, meist aus Familien der Handelsbourgeoisie, verbargen sich Abgründe von Elend und Verzweiflung.

Vorbild Sowjetunion

Der Herrscher Mohammed Zahir Shah war seit November 1933 an der Macht. Zwar hatte er 1964 eine konstitutionelle Monarchie eingeführt mit Frauenwahlrecht und Parlamentswahlen. Doch das konnte die Gegensätze im Lande nicht auflösen, sondern brachte sie nur offen zum Ausbruch. Eine junge Intelligenz, Studenten, Angehörige der zahlenmäßig sehr kleinen Arbeiterklasse und Offiziere, wurde mehr und mehr politisiert.

Offiziere spielten eine besondere Rolle, da viele von ihnen in der Sowjetunion ausgebildet worden waren. Das war eine Folge dessen, dass die junge Sowjetrepublik im Jahre 1921 einen Freundschaftsvertrag mit Afghanistan geschlossen hatte. Lenin setzte große Hoffnungen auf die »Muslime des Ostens« und ihre Gegnerschaft zum britischen Imperialismus.

Zum positiven Bild vieler Afghanen von der Sowjetunion trug auch sowjetische Hilfe bei, etwa beim Bau des 1965 fertiggestellten größten Wasserkraftwerkes des Landes. Von noch größerer Bedeutung war die Eröffnung des mit Unterstützung Moskaus errichteten Polytechnischen Instituts in Kabul. In Afghanistan, wo die meisten Menschen weder über Strom noch fließend Wasser verfügten, weder Zugang zu Schulen noch einem ansatzweise funktionierenden Gesundheitswesen hatten, galt die Sowjetunion als ein sagenhaftes Land, ein Muster für moderne Entwicklung. Und dieses Land befand sich direkt an der afghanischen Grenze. In der tadschikischen Sowjetrepublik gingen alle Kinder zur Schule, hatten die Menschen Zugang zu fließendem Wasser und medizinischer Versorgung. Das alles trug zu einem hohen Ansehen des Sowjetlandes in Afghanistan bei.

Zwar ließ der König keine politischen Parteien zu, dennoch gab es sie halblegal, als »Bewegungen« oder »Gesellschaften« mit einem breiten Spektrum von links bis islamisch-konservativ. Am 1. Januar 1965 wurde in Kabul in der Wohnung des Schriftstellers Nur Mohammed Taraki die Volksdemokratische Partei Afghanistans (DVPA) gegründet, eine marxistische Partei, die sich an der KPdSU orientierte.

Das Beispiel der Sowjetunion gab der Partei Auftrieb, doch ihre Organisation spiegelte zugleich die Unreife der Gesellschaft, deren Kind sie war. Auch leitende Mitglieder der Partei hatten einen Hang zu Klan- und Stammesstrukturen, zu Intrigen und Personenkult sowie zur Selbstüberschätzung. Bereits zwei Jahre nach der Gründung spaltete sich die DVPA in zwei Fraktionen: »Chalk« (Volk) und »Parcham« (­Flagge). Der Führer der »Parcham«-Fraktion, Babrak Karmal, ein Absolvent des deutschen Gymnasiums in Kabul, gehörte von 1965 bis 1973 dem Parlament an.

Die Kommunisten waren ein von vielen Afghanen respektierter Teil der schmalen Intelligenz und damit auch der Elite des Landes. Das spielte eine große Rolle, als ein Vetter des Königs, Prinz Mohammed Daud im Juli 1973 gegen den König putschte, der sich zu dieser Zeit in Italien aufhielt. Am Morgen des 17. Juli 1973 verkündete der Prinz den Afghanen im Rundfunk, der König habe ein »despotisches Regime« errichtet, »mit Betrug und Arglist«, mit »Lüge und Heuchelei«. Das »verfaulte System« sei am Ende, so Daud. Er versprach »tiefgreifende Reformen« und die Schaffung einer Republik.

Die DVPA und auch die Sowjetunion begrüßten den antifeudalen Umsturz. Die DVPA, aus deren Reihen auch einige Offiziere an der Absetzung des Königs beteiligt gewesen waren, beschloss noch am Tage des Putsches, »die Republik gegen die reaktionären Kräfte und die Intrigen des Imperialismus« zu verteidigen. Prinz Daud wandte sich nach dem Putsch an Babrak Karmal und bat ihn, ihm Parteimitglieder für führende Funktionen im Staat zu benennen. Bald stellte die Partei drei Regierungsmitglieder und sechs Gouverneure. Sie alle gehörten zur »Parcham«-Fraktion, was die Gegensätze in der Partei verschärfte.

Repression und Revolution

Prinz Daud blinkte links, versprach »eine echte Demokratie und den Fortschritt des Landes« – und bog schließlich rechts ab. Er errichtete ein autoritäres Regime mit einer einzigen, »nationalrevolutionären« Partei. Angekündigte Reformen blieben im Ansatz stecken, an Großgrundbesitz und Analphabetismus änderte sich nichts. Die Kommunisten kritisierten diesen Kurs, was dazu beitrug, dass sich ihre beiden Fraktionen 1977 wieder vereinten. Die afghanische Reaktion sah in ihnen in der Folge eine Bedrohung. Am 17. April 1978 wurde Mir Akbar Chaibar, ein führender Intellektueller der DVPA, vor seinem Haus erschossen. Wer den Auftrag dazu gab, ist unklar. In Verdacht stand der antikommunistische Innenminister. Die Mordtat löste in Kabul eine Protestdemonstration von 15.000 afghanischen Linken und Anhängern der DVPA aus.

Daud ging nun mit Gewalt gegen die Kommunisten vor. Babrak Karmal und Mohammed Taraki wurden in der Nacht zum 26. April 1978 verhaftet. Eine Terrorwelle gegen die afghanische Linke drohte. Da entschloss sich die Führung der DVPA zum Handeln. Am frühen Morgen des 27. pril 1978 fuhren Panzer durch Kabul und kreisten den Präsidentenpalast ein. Gelenkt wurden sie von jungen afghanischen Kommunisten, die in der Armee dienten. Die DVPA hatte damals etwa 18.000 Mitglieder, von denen 2.000 Soldaten und Offiziere waren.

Die revolutionären Soldaten befreiten Karmal und Taraki. Daud wurden bei dem Umsturz getötet. Linke Jugendliche und Studenten waren begeistert, sie umringten die Panzer, von denen die Soldaten die Zeitung »Die Wahrheit der April-Revolution« verteilten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich keine sowjetischen Militärs im Land. Die KPdSU war von den Ereignissen überrascht worden. Jetzt war die DVPA an der Macht, die einen Revolutionsrat als höchstes Machtorgan schuf und die Demokratische Republik Afghanistan (DRA) ausrief.

Konkret lag die Staatsmacht in den Händen eines revolutionären Romantikers. DVPA-Mitbegründer Nur Mohammed Taraki wurde Vorsitzender des Revolutionsrates und Premierminister. Er träumte davon, den Weg zum Sozialismus so schnell wie möglich einzuschlagen. In einem vertraulichen Gespräch mit dem Leiter der Auslandsaufklärung des sowjetischen Geheimdienstes KGB, Wladimir Krjutschkow, in Kabul im Juli 1978 verkündete Taraki dem verblüfften Besucher: »Das, was die Sowjetunion in sechzig Jahren Sowjetmacht gemacht hat, wird in Afghanistan in fünf Jahren durchgesetzt werden.«

Krjutschkow ahnte, dass der Träumer Taraki am Abgrund tänzelte, schließlich sprach dieser von einem Land, in dem 86 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande lebten und 88 Prozent Analphabeten waren. Wie wollte der DVPA-Führer in fünf Jahren die Sowjetunion einholen, mit einer Bevölkerung, die mehrheitlich unter der Kontrolle und dem ideologischen Einfluss reaktionärer Gutsbesitzer und Mullahs lebte? Taraki betrieb eine überhitzte Politik: Er ließ Moscheen schließen und verkündete im November 1978 eine Bodenreform, die sich als nicht durchsetzbar erwies.

»Genie des Ostens«

Um Zweifel an seinem Kurs zu unterbinden, entfachte Taraki einen Personenkult. Er ließ sich als »Genie des Ostens«, als »Körper und Seele der Partei« und als »Großen Führer« feiern. Das Vorgehen gegen die Religion und der faule Zauber solcher Parteipoesie erleichterten es der Reaktion, große Teile der Landbevölkerung gegen die revolutionäre Regierung zu mobilisieren. Schon im Mai 1978 begannen bewaffnete Banden des bis heute aktiven reaktionären Islamistenführers Gulbuddin Hekmatjar den bewaffneten Kampf gegen die Regierung.

Die reagierte mit Gegenterror: Sicherheitskräfte erschossen Mullahs vor den Augen von Gläubigen, gegen aufständische Dörfer wurde Artillerie eingesetzt. Im Frühjahr 1979 jedoch befanden sich große Teile des Landes im Norden, Süden und Osten unter Kontrolle der konterrevolutionären Kräfte.

Die islamistische Reaktion konnte sich auf Hilfe aus Übersee verlassen. Am 3. Juli 1979 unterzeichnete US-Präsident Jimmy Carter die erste Direktive zur Unterstützung der bewaffneten Regierungsgegner in Afghanistan. Die Idee dazu stammte von seinem russophoben Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski, der später behauptete, er habe die Sowjets in die Falle gelockt. In jedem Fall begann an jenem Julitag 1979 die Verwandlung Afghanistans in ein internationales Laboratorium der Gewalt und Zerstörung. Insgesamt subventionierte der US-amerikanische Geheimdienst die antikommunistischen Kämpfer in Afghanistan, die Mudschaheddin, allein bis Ende der 1980er Jahre mit mindestens drei Milliarden US-Dollar.

Die Direktive Carters war nur der Anfang einer verdeckten Intervention der USA. Das amerikanische Vorgehen in den Jahren ab 1979 zeigt die ursächliche Verantwortung der USA für die Verheerungen in Afghanistan und die katastrophale Rückständigkeit des Landes. Die von den USA ausgebildeten Aufständischen wurden im Westen zu »Freiheitskämpfern« stilisiert. Doch ihre Funktion war, Millionen Menschen mit blutigem Terror frei von Bildung vegetieren zu lassen. Die DVPA schickte etwa 5.000 Lehrer und 2.000 Helfer in die Provinzen, in denen der Analphabetismus grassierte. Hunderte von ihnen wurden von CIA-geschulten Kämpfern umgebracht.

Das Politbüro der KPdSU diskutierte 1979 mehrmals die Lage im Afghanistan. Die sowjetische Führung setzte zunächst auf den Einsatz militärischer Berater. Sie hoffte, die Situation in der DRA durch diese Hilfe zu stabilisieren. Doch in der DVPA entwickelte sich im Laufe des Jahres 1979 eine dramatische Lage. Während Taraki den Blick für die Realität immer mehr verlor, riss der bisherige Vizepräsident Hafisullah Amin die Macht an sich und ließ Taraki Anfang Oktober 1979 umbringen. Amin errichtete ein Terrorregime und ließ allein im September und Oktober 1979 etwa 600 DVPA-Mitglieder ermorden. Tausende wurden in Gefängnisse gesperrt.

In Moskau kam der nie bewiesene Verdacht auf, Amin, ein ehemaliger Student der Columbia-Universität in New York, sei womöglich ein US-Agent. Zumindest agierte er in der Art eines professionellen Provokateurs. Sowjetischen Gesprächspartnern erklärte er, seine Partei werde unmittelbar von Feudalismus zum Kommunismus übergehen und dabei Kapitalismus und Sozialismus überspringen. Dies, so Amin, sei ein Beitrag zur Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus. Parallel zur Verbreitung dieser abenteuerlichen Thesen wies Amin die Geheimdienste seines Landes an, die Tätigkeit der Botschaft der USA in Kabul nicht mehr aufzuklären.

Amins Treiben drohte die DVPA und die junge Republik zu zerstören. In 18 von 26 Provinzen Afghanistans herrschte im Herbst 1979 Bürgerkrieg. Ein Sieg der islamistischen Konterrevolution in Afghanistan, so die Sorge der Sowjetführung, hätte das Potential, die sowjetischen Republiken Zentralasiens zu destabilisieren. Auch dort hatte die Sowjetmacht noch bis in die 1930er Jahre Kämpfe gegen islamistische Banden, die sogenannten Basmatschen, führen müssen.

Eingreifen der Sowjetunion

So entschloss sich das KPdSU-Politbüro im Dezember 1979, in Afghanistan militärisch einzugreifen. Auch Taraki und Amin hatten bereits um ein solches Eingreifen gebeten. Doch was dann geschah, hatte sich Amin anders vorgestellt. In der Nacht zum 27. Dezember 1979 stürmten Kämpfer des KGB und der sowjetischen Militäraufklärung GRU in afghanischen Uniformen den Präsidentenpalast am Rande Kabuls. Nicht nur Amin wurde dabei getötet, auch zwei seiner Kinder und zahlreiche Soldaten seiner Wachmannschaft. KGB-Offiziere rollten schließlich die Leiche Amins in einen Teppich und warfen sie in ein Massengrab. Zugleich brachte die sowjetische Intervention Tausenden von politischen Gefangenen die Freiheit. Sowjetische Soldaten ließen die Gefängnistore öffnen. Doch, wie Veteranen der DVPA berichten, gab es in den Reihen der Partei in jenen Tagen auch ein Erschrecken über das Erscheinen des »begrenzten Kontingentes« sowjetischer Streitkräfte. Viele afghanische Kommunisten erkannten: Jetzt waren sie nicht mehr selbst Herr der Lage. An die Spitze der Partei trat mit sowjetischer Unterstützung Babrak Karmal. Der neue Generalsekretär der DVPA war doppelt abhängig: vom Kreml und vom Alkohol. So erreichte er weder Ansehen in der afghanischen Bevölkerung noch bei seinen sowjetischen Beratern. Bei denen galt er bald als Trinker, Demagoge und wortgewaltige Nervensäge.

Entsprechend zynisch war die Atmosphäre der künstlichen »Verehrung« für den DVPA-Generalsekretär Karmal Anfang der 1980er Jahre. Über jene Zeit schreibt der Moskauer Historiker Wassili Christoforow, damals KGB-Berater in Kabul, in seinem Buch »Afghanistan – herrschende Partei und Armee«: »Da sie keine verlässliche Stütze in den Massen hatten, stützten sich die Führer der DVPA auf die Armee und die Organe der Staatssicherheit.« Unter Anleitung von KGB-Beratern wuchs die afghanische Staatssicherheit Khadamat e Etelea’at e Dawlati (KHAD) in wenigen Jahren von 800 Mitarbeitern auf etwa 30.000. Parallel dazu stieg die Zahl der – schlecht geschulten und unerfahrenen – Parteimitglieder auf 180.000.

Aus den Reihen des KHAD kam der letzte Hoffnungsträger der afghanischen Revolution, der Leiter dieses Dienstes, Mohammed Nadschibullah, ein ausgebildeter Mediziner. Unter den Bedingungen des Bürgerkrieges ging der Geheimdienst mit Methoden vor, die in der Sowjetunion längst abgeschafft waren: Schläge und Folter gegen Verdächtige gehörten jahrelang zur Praxis des Dienstes. Doch zugleich erarbeitete der KHAD auch differenzierte Analysen über die Lage im Land und Vorschläge für eine realistischere Politik.

Mit Unterstützung des KGB wurde Karmal im Mai 1986 vom ZK der DVPA abgesetzt und Nadschibullah zum Parteichef gewählt. Dieser zweite von Moskau angestoßene Führungswechsel an der Spitze Afghanistans führte zu einer »absoluten Gleichgültigkeit des Volkes und der einfachen Parteimitglieder«, so der mit dem damaligen Afghanistan vertraute letzte Leiter der sowjetischen Auslandsaufklärung Leonid Schebarschin in seinen unter dem Titel »Die Hände Mokaus« erschienenen Memoiren. Im Jahre 1986 kontrollierte die Staatsmacht nur noch rund zwanzig Prozent des afghanischen Territoriums. Unter diesen Umständen propagierte Nadschibullah eine »nationale Versöhnung«. Er schloss Waffenstillstände mit Stammesführern, denen er Autonomie zusicherte, und ließ den Islam in die Verfassung schreiben. Vom Ziel des Sozialismus oder gar Kommunismus war keine Rede mehr. Die DVPA benannte er um in »Watan« (Vaterland). Die Partei propagierte nur noch einen weltlichen Staat und einen Minimalkonsens gegen die islamistische Rechte.

Dennoch liefen weiterhin massenhaft afghanische Regierungssoldaten zur Gegenseite über, nach sowjetischen Daten mehr als 285.000 Mann. Dass es nicht gelang, große Teile der Bevölkerung von der Demokratischen Republik Afghanistan zu überzeugen, lag auch an den zivilen Opfern durch militärische Aktionen der Sowjets. Sowjetische Luftangriffe, so der Zeitzeuge Wassili Christoforow, »in deren Ergebnis die örtliche Bevölkerung schwere Verluste erlitt«, wirkten verheerend. Denn dabei kam es immer wieder zur »Zerstörung von Häusern und ganzen Dörfern«. Gemeint ist die Zerstörung von Dörfern, einschließlich des Todes aller ihrer Bewohner. Dies, so Christoforow, habe den Aufständischen »immer mehr neue Anhänger« gebracht.

Dass Nadschibullahs Kurs letztlich keinen Erfolg hatte, lag aber maßgeblich daran, dass die USA weiterhin die Mudschaheddin unterstützen. Die Amerikaner wollten und konnten im geopolitischen Kampf gegen Moskau nicht erkennen, dass Nadschibullahs Regierung das letzte Aufgebot eines weltlichen, modernen Staates in Afghanistan war.

Zentrum des Terrorismus

Die USA setzten ihre Hilfe für die Mudschaheddin auch noch fort, als die Sowjets im Februar 1989 abgezogen waren. Dennoch hielt sich die Demokratische Republik Afghanistan auch ohne sowjetische Truppen noch mehr als drei Jahre. Eine Stütze ihrer Macht waren Frauen in den Städten. Bewaffnete Afghaninnen, bereit, die Republik gegen die Reaktion zu verteidigen, marschierten durch Kabul. Das Ende kam, nachdem Russlands Präsident Boris Jelzin Anfang 1992 die Unterstützung für die Regierung Afghanistans eingestellt hatte. Jelzin und sein Außenminister Andrej Kosyrew, der inzwischen in Florida lebt, wollten sich den USA mit einem Kapitulationskurs gefällig zeigen.

Die Folge war der Einmarsch der Mudschaheddin in Kabul im April 1992. Doch die antikommunistischen Krieger waren nicht in der Lage, einen stabilen Staat zu schaffen. Rivalisierende Warlords stürzten das Land in einen erneuten Bürgerkrieg. Und als Folge dieses Krieges erschienen 1994 die Taliban auf der politischen Bühne. 1996 kamen sie schließlich zur Macht.

Nadschibullah gab 1990 eine Prognose, was seinem Land drohe, falls die von der CIA unterstützten Aufständischen an die Macht kämen: Afghanistan, so der damalige Staatschef, werde sich verwandeln, »in eine Welthochburg des Drogenhandels und ein Zentrum des Terrorismus.« Die Bestätigung seiner Voraussage hat Mohammed Nadschibullah nicht mehr erlebt. Am 27. September 1996 wurde der letzte Staatschef einer weltlichen afghanischen Republik in Kabul von einem islamistischen Mob gelyncht.

Harald Projanski schrieb an dieser Stelle zuletzt am 31. Julli 2021 über rechte Parteien in Russland: »Betreute Rechte«.

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  • Leserbrief von Achim Lippmann aus Shenzhen, China (22. September 2021 um 10:58 Uhr)
    Der Beitrag zu Afghanistan ist sehr gut. Es fehlen aber meiner Meinung nach: 1.) die Rolle Pakistans und seines militärischen Nachrichtendienstes ISI, die, wenn man ganz gerecht ist, den Einfluss des Westens übertraf und vor allem die Taliban 1996 (und 2021 wieder) an die Macht spülte. 2021 unterscheidet sich aber grundlegend von 1996. Pakistan braucht Frieden im Westen seiner Grenzen und möchte das eigene Land modernisieren. Man arbeitet heute – intensiver als je zuvor – vor allem mit China, aber auch Russland und Iran zusammen. 2.) Die Golfstaaten hatten auch einen erheblichen Einfluss und ließen viel Geld zu den verschiedenen Mudschaheddin und dann zu den Taliban fließen. 3.) Auch Iran stand bis 1992 nicht unbedingt auf seiten der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA).
    Die Konstellationen heute haben sich dramatisch verschoben: a.) 1978 war Pakistan prowestlich. Das ändert sich. Chinas Wirtschaftshilfe wird demnächst die Zuwendungen der Golfstaaten weit übertreffen und eine Nord-Süd-Eisenbahn von China über Islamabad zu dem maßgeblich von China gebauten neuen Hafen Gwadar bauen. Pakistans Export nach China wuchs dieses Jahr um 50 Prozent. b.) 1978 war die iranische »Revolution«, worauf das Land dann mindestens zehn Jahre lang mit einem von den USA geschürten Krieg mit Irak und mit den (tragischen) Machtkämpfen zwischen islamischen »Revolutionären« und der marxistischen Tudeh-Partei beschäftigt war. Iran und Pakistan sind strategische Verbündete Chinas und Russlands. c.) Von den immerhin 180.000 Mitgliedern der marxistischen DVPA dürften noch Zehntausende in Afghanistan leben. d.) Von 1978 bis zum Ende der Sowjetunion waren China und die UdSSR eher verfeindet als befreundet. China und Russland sind heute strategische Verbündete. e.) Die zentralasiatischen Länder befanden sich ab 1991 in einem Überlebenskampf. Sie sind heute stabilisiert und alle an der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) in verschiedener Form beteiligt. f.) Die SCO wurde erst 2001 gegründet. Sie hat nun einen maßgeblichen Einfluss auf Afghanistan. g.) Die »Taliban 1.0« waren brutal antikommunistisch. Die »Taliban 2.0« sind nicht (viel) besser. Aber die Hilfe, die sie brauchen, wird wohl vor allem aus dem technologisch sehr modernen China kommen. h.) Mit der Machtübernahme im August beginnt der Niedergang der Taliban. Man wird sich in verschiedene Fraktionen aufspalten. Es wird Pragmatiker, Dogmatiker und Patrioten geben, die in ihrem Nationalgefühl offen sein werden für neue Wege. i.) Der Westen hatte nie so wenig Einfluss in der Region (Afghanistan, Iran und Pakistan) wie heute.

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