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Aus: Ausgabe vom 22.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Das Stück muss bluten

Aufschrei gegen die Barbarei: Die Berliner Philharmoniker glänzen mit Karl Amadeus Hartmanns »Concerto funebre« und Ballettmusik von Igor Strawinsky
Von Berthold Seliger
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»Die Bedrohung der Kunst wird niemals der Vergangenheit angehören, solange irgendwo die Freiheit bedroht ist.« – Karl Amadeus Hartmann (Flüchtlinge aus dem Sudetenland auf dem Weg nach Prag, Oktober 1939)

Die Streicher des Orchesters beginnen mit einem kurz lauten Ton, die ersten und zweiten Violinen halten ihn, während er bei Bratschen und Celli pizzicato sofort verklungen ist. Ein leiser Seufzer folgt, nur die tiefen Streicher halten ein F, während die Solovioline einsetzt: Pianissimo und »sotto voce«, also mit gedämpfter Stimme, erklingt brüchig die Melodie des alten Hussitenchorals »Die ihr Gottes Streiter seid« von 1420, ein Symbol des Jahrhunderte währenden Freiheitskampfes des tschechischen Volkes. Eine Melodie, die so traurig wie trotzig klingt – die Hussiten waren eine rebellische Reformationsbewegung in Böhmen und verfügten über eine schlagkräftige Armee. Die von der Violine vorgetragenen drei Strophen werden nur von kurzen dreitönigen Einwürfen des Orchesters unterbrochen. So beginnt das »Concerto funebre« für Solovioline und Streichorchester, das Karl Amadeus Hartmann 1939 geschrieben hat und das von der wunderbaren Patricia Kopatchinskaja und den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko als Teil des Musikfests Berlin aufgeführt wurde.

Solidarische Geste

Dieses düstere und expressive Werk ist aus Empörung und Verzweiflung über den Naziterror in Deutschland entstanden, es wurde 1940 in St. Gallen uraufgeführt. Zunächst war es als »Trauermusik in einem Satz für Streichorchester« konzipiert. Die Solovioline fügte Hartmann erst später hinzu, doch just diese Solovioline macht diese Komposition so einzigartig. Hartmann hat das Werk im Juli 1939 als Klage konzipiert, er notierte: »Diese Zeit deutet den Grundcharakter und Anlass meines Stückes an.« Letzter Anlass war die Annexion des Sudetenlandes durch Hitler-Deutschland, das heimlich gewisperte Hussitenlied in der Introduktion ist eine solidarische Geste an die vom Deutschen Reich zerschlagene Tschechoslowakei.

Karl Amadeus Hartmann (1905–1963) war als Sozialist und Pazifist im Nazistaat ein Außenseiter und lebte in innerer Emigration. Prägenden Einfluss auf ihn hatte sein Mentor und Lehrer, der Dirigent Hermann Scherchen (1891–1966), der über Jahrzehnte wichtige Uraufführungen dirigierte, von Schönbergs »Pierrot lunaire« 1912 bis zu Werken von Berg, Webern, Hindemith, Varèse, Nono, Henze, Stockhausen und Xenakis. Scherchen hatte 1917 als Kriegsgefangener im Ural die Oktoberrevolution miterlebt und war von der musikalischen Avantgarde der Sowjetunion beeindruckt nach Berlin zurückgekehrt, wo er sowohl als Professor an der Hochschule für Musik lehrte als auch Arbeiterchöre dirigierte.

Hartmanns Musik ist nicht nur von Béla Bartók, Paul Hindemith, Alban Berg und Anton Webern, bei dem er studierte, und von Futurismus, Dada und Jazz beeinflusst (»Ich stürzte mich unbekümmert in die Abenteuer des geistigen Umbruchs«, erzählte Hartmann), sondern auch von Gustav Mahler inspiriert, wie die Anwendung der Montagetechnik und die Wiederkehr von Leitmotiven zeigt. In dieser Komposition ist es das Tränenmotiv, eine Tonfolge aus einer fallenden großen Sexte mit anschließender, nochmals fallender kleiner Sekunde, die sich durch das ganze Werk zieht.

Wir wollen reden

Wir haben es hier mit einer faszinierenden Bekenntnismusik zu tun, die von Patricia Kopatchinskaja bewegend interpretiert wird: Eine »dunkle, starke Musik«, so die Geigerin. Jeder Ton ist voll Trauer, Wut, Empörung, Hoffnungslosigkeit oder Widerstandsgeist. Etwa im dritten Satz: ein furios irrlichterndes Allegro di molto voller Lärm und Gekreische, das der Solovioline alles abverlangt und in einer virtuosen Kadenz gipfelt. Ein Stück voller Brutalität, ein anklagender Protest gegen die menschenverachtende und kriegstreibende Politik der Nazis, ein einziger Aufschrei angesichts der Barbarei. »Solche Musik ist gar nicht leicht zu spielen. Es ist ein Stück, das bluten muss« (Kopatchinskaja).

Im letzten Satz, »Choral (Langsamer Marsch)«, schließt sich der Kreis zum Beginn: Wieder ist es ein Choral, der trotz seiner elegischen Grundstimmung vage Zuversicht und Hoffnung verströmt. Hartmann bearbeitet den proletarischen Trauermarsch »Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin«, in dem der Toten der erfolglosen Russischen Revolution von 1905 gedacht wird. 1917 nach der Oktoberrevolution wurde das Stück bei Trauerfeiern für die gefallenen Arbeiter, Soldaten und Matrosen gespielt. Hartmann hatte dieses Lied durch Scherchen kennengelernt, der es aus der Sowjetunion mitgebracht und die deutsche Version besorgt hatte. »Unsterbliche Opfer« zählt zu den bekanntesten Liedern der Arbeiterbewegung. Hartmann verbindet diese Trauermelodie mit jüdischen Melismen und formuliert so ein eindrucksvolles und berührendes Finale seines »Concerto funebre«. »Ein Künstler darf nicht in den Alltag hineinleben, ohne gesprochen zu haben«, schrieb Hartmann. »Die Bedrohung der Kunst wird niemals der Vergangenheit angehören, solange irgendwo die Freiheit bedroht ist. Darum wollen wir wachsam sein, wollen mahnen, vergangener Erniedrigung gedenken, wollen reden, wenn wir irgendwo totalitäre Regungen erkennen.«

Edelstein und Regenbogen

Die herausragende Aufführung des »Concerto funebre« von Karl Amadeus Hartmann eröffnet einen Saisonschwerpunkt »Lost Generation« bei den Berliner Philharmonikern, der an »zu Unrecht vergessene Komponisten zwischen Spätromantik und Neuer Musik erinnern soll« – also an Musikerinnen und Musiker, deren Werke als »entartet« galten. Sehr verdienstvoll, keine Frage. Aber wie schön wäre es, wenn Werke wie Hartmanns Violinkonzert ohne ein derartiges Signum selbstverständlicher Teil der Konzertprogramme wären!

Nach der Pause spielen die Berliner Philharmoniker in großer Besetzung Igor Strawinskys Ballettmusik »L’Oiseau de feu« (Der Feuervogel). Dieses Stück ist 1910 an der Pariser Opéra uraufgeführt worden. Es ist ein spätromantisches Werk, in dem die Skandal machenden Eruptionen des »Sacre« nur manchmal aufscheinen. Strawinsky fand das Werk später »zu deskriptiv«, also zu sehr der Handlung verpflichtet. Es ist ein hübsches und durchaus »mit Regenbogenstrahlen und Edelsteinglanz getränktes« Stück Programmmusik (so der russische Musikhistoriker Boris Assafjew 1929) – ein Orchesterbravourstück, wie gemacht für ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker, die hier uneingeschränkt solistisch wie orchestral glänzen können. Von den vielen herausragenden Solistinnen und Solisten, die zu Wort beziehungsweise zu Gesang kommen, möchte man niemand hervorheben, es würde ungerecht scheinen – und muss es doch tun: Schlicht wunderbarst die Flötistin Clara Andrada de la Calle (als Gast vom HR-Sinfonieorchester) und der Oboist Albrecht Mayer!

Den bleibenden, schmerzvollen, tiefen Eindruck des Abends aber hat Hartmanns »Concerto funebre« hinterlassen.

Konzertaufzeichnung in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker (kostenpflichtig)

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