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Aus: Ausgabe vom 21.09.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskampf

Italien brodelt

Landesweite Proteste gegen Kürzungspläne. Mehr als 8.000 Beschäftigten der früheren Airline Alitalia droht Jobverlust
Von Gerhard Feldbauer
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Kampfbereit: Angestellte von Alitalia demonstrieren gegen den angekündigten Kahlschlag (Rom, 10.9.2021)

Italien erlebt einen heißen Herbst neuer Arbeitskämpfe. Am Sonnabend traten im ganzen Land Zehntausende Arbeiter der Verkehrsbetriebe in einen 24stündigen Ausstand, um für bessere Arbeitsbedingungen und die Verlängerung der Tarifverträge mit Lohnerhöhungen zu protestieren. Hintergrund sind u. a. die zunehmende Zahl tödlicher Arbeitsunfälle sowie anhaltende Angriffe auf die Beschäftigtenrechte, wie die Basisgewerkschaft USB mitteilte. Am gleichen Tag versammelten sich in Florenz rund 20.000 Menschen, um gegen die geplante Schließung des vom britischen Melrose-Finanzfonds kontrollierten Autozulieferers GKN zu demonstrieren. Mehr als 422 Beschäftigte bangen hier um ihre Arbeitsstelle.

Den Startschuss für die landesweiten Kampfaktionen hatte am vergangenen Dienstag in Rom die größte Gewerkschaft CGIL gegeben. Dort protestierten 3.000 CGIL-Mitglieder gegen die Zerschlagung der nationalen Airline Alitalia und der damit einhergehenden Vernichtung von mehr als 8.000 Jobs. Die Gewerkschaft lehnt die Pläne der Regierung ab und fordert, dass alle Beschäftigten in die neu geschaffene Italia Trasporto Aereo (ITA) übernommen werden sollen. CGIL-Generalsekretär Maurizio Landini erklärte in Richtung Regierungschef Mario Draghi, seine Organisation werde alles dafür tun, um dieses Ziel zu erreichen: »Draghi, hör zu, oder wir werden bald wieder da sein!«

Die neue Gesellschaft ITA ist eine »kleine Billigfluggesellschaft, die auf kommerzieller Ebene bereits tot geboren wurde: Wenige Flugzeuge, wenige Strecken und fast keine der profitablen«, kritisierte das kommunistische Onlineportal Contropiano die Pläne. Mit den Folgen wollen sich die Alitalia-Angestellten nicht abfinden. Zumal inzwischen noch nicht einmal sicher ist, ob die 2.800 Arbeitsplätze bei der ITA frühere Alitalia-Beschäftigte erhalten. Auf die Ausschreibung haben sich 30.000 Bewerber gemeldet, darunter auch Personen, die keine Berufserfahrung in der Luftfahrtbranche haben, aber auch Mitarbeiter anderer Billigairlines, die von einem besseren Gehalt träumen.

Während der Proteste in Rom kritisierte CGIL-Chef Landini die EU-Hörigkeit des früheren EZB-Chefs Draghi und betonte, es sei »nicht hinnehmbar, dass die Europäische Kommission entscheidet, welche Art von Verträgen auf italienische Beschäftigte angewendet wird«. Hier würde ein Präzedenzfall geschaffen. Der Nationalsekretär der Transportarbeitergewerkschaft Uiltrasporti, Ivan Viglietti, forderte Arbeitsminister Andrea Orlando auf, für die Arbeiter, die von ITA nicht übernommen werden, »soziale Sicherheitsnetze« zu garantieren.

Vizefinanzministerin Laura Castelli will nun laut ANSA diese Woche »einen runden Tisch für Arbeit und Sozialpolitik einrichten« und »Gespräche über die Einstellung neuer Mitarbeiter« führen. Konfliktstoff dürfte dabei weiterhin sein, dass ITA in den nächsten drei Jahren nicht mehr als 1,35 Milliarden Euro Kapital erhalten soll, davon 700 Millionen in diesem Jahr. Während Brüssel zuließ, dass die Lufthansa elf und Air France neun Milliarden Euro Staatshilfen erhielten, fordern die Wettbewerbshüter der EU, dass Alitalia 900 Millionen Euro zurückzahlen muss, die »illegale staatliche Beihilfen« gewesen sein sollen.

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