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Aus: Ausgabe vom 21.09.2021, Seite 12 / Thema
BASF

In die Luft, Proleten

Die BASF kann heute das hundertjährige Jubiläum der Explosion von Oppau feiern: 565 Tote
Von Otto Köhler
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Davon machen sich Fernerstehende keine Vorstellung: Das ist nicht Boschs Prachtvilla, sondern sein Werk (zerstörte Anlage im Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe vom 21. September 1921)

»Die Ursachen der Explosion waren nur hypothetisch zu klären; ihre Erforschung blieb weitgehend eine Angelegenheit enger Expertenkreise, und auch diese erklärten sich außerstande, einen Schuldigen auszumachen; die Öffentlichkeit scheint dies auch nicht einmal von ihnen erwartet zu haben.« (Joachim Radkau)

Am 21. September 1921 – es ist ein kühler, nebliger Mittwochmorgen um halb acht – erschüttert eine Explosion Ludwigshafen und Mannheim. Über dem Ammoniakwerk der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Oppau steigt ein wie ein Blitz in den Himmel schießendes Feuer auf, gefolgt von einem furchtbaren Grollen und Prasseln. Dann wurde es dunkel, berichteten Überlebende: 2.000 Menschen wurden verletzt, 1.900 waren obdachlos, 565 tot.

Das Donnern war noch bis Frankfurt und München zu hören. Und natürlich im nahegelegenen Heidelberg. Am Morgen dieses Tages wurde der Chef der BASF, Geheimrat Carl Bosch, durch einen dumpfen Knall in seinem wunderschönen Anwesen auf dem Schloss-Wolfsbrunnenweg hoch über der Neckarstadt geweckt. Sofort weiß er: »Das kann nur Oppau gewesen sein!«, überliefert 1953 der getreue Karl Holdermann in seiner Biographie »Im Banne der Chemie – Carl Bosch«.

Bosch fuhr sofort nach Oppau und ging zunächst in das Rathaus, das noch teilweise stand und wo – so Holdermann – »der Bürgermeister mit seinem Magistrat in unbeschreiblicher Aufregung versammelt war. Der Bürgermeister richtete gegen Bosch die heftigsten Vorwürfe und Anklagen, Bosch blieb völlig ruhig, erklärte sein volles Verständnis für die große Erregung …« Kurz, er nahm dem Bürgermeister seine Aufgeregtheit überhaupt nicht übel.

Eine derartige Fehlberichterstattung

Noch 88 Jahre später stellt Heimatforscher Christian Haller (»Das Explosionsunglück in der BASF vom 21. September 1921«) in der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins pikiert fest: »Unmittelbar nach dem Oppauer Unglück schilderten deutsche Tageszeitungen nahezu apokalyptische Szenen: ›Unzählige Verwundete (seien) zersetzt, über und über mit Ammoniak verspritzt, blutend und mit Notverbänden versehen, von ihrer Arbeitsstätte‹ gekommen. Zahlreiche ›Gesichter‹ der Betroffenen seien mit ›Grünspan überzogen‹ worden. Eine Bäuerin sei auf einem etwa 1.000 Meter entfernten Feld von Betonbrocken ›getroffen und auf der Stelle zermalmt‹ worden. Während einige Dutzend Arbeiter ihre ›Augen eingebüßt‹ hätten, habe man zudem am Unglücksort zahlreiche ›verstümmelte‹ und ›verkohlte‹ Leichen sowie abgetrennte Köpfe, Arme und Beine vorgefunden. Ein ›Sonderberichterstatter‹ der Frankfurter Zeitung bemerkte, dass ›durch die ausströmenden Gase die Haut der Toten teilweise (so) verkohlt‹ und ›die Leichen zum Teil (so) furchtbar aufgedunsen‹ seien, dass sie nur anhand ihrer ›Ausweispapiere‹ identifiziert werden konnten. Die Rheinische Zeitung schrieb besonders drastisch von ›formlosen Fleischklumpen, schwarz und entstellt‹, die ›nichts Menschenähnliches mehr‹ besäßen. Dagegen sollen sich andere tote Körper in 20 Meter hohen, schwer erreichbaren Rohrbrückenkonstruktionen verfangen haben.«

Forscher Haller: »Auch wenn diese Meldungen nichts an Plastizität vermissen ließen, dürften sie in vielen Fällen auf ›vielseitigen Spekulationen‹ beruht haben.« Und: »Eine derartige Fehlberichterstattung veranlasste die geschockte Unternehmensleitung der BASF zu einer unmittelbaren Reaktion. So ließ sie am Unglückstag bereits um 10.30 Uhr Entwarnung vor weiteren Explosionen geben und über Nachrichtenagenturen eine ›amtliche Bekanntmachung der Direktion‹ verbreiten, in der das Lager mit 4.500 Tonnen Ammonsulfatsalpeter als Explosionsort und -material genannt wurde. Dazu äußerte sie die ›dringende Bitte‹, angesichts der ›vielfach stark übertriebenen‹ Pressemeldungen von ›unkontrollierbaren Gerüchten abzusehen‹ und ›nur verbürgte Tatsachen mitzuteilen‹. Diese Erklärung wurde in der Presse jedoch nur verzögert wiedergeben.«

Haller weiter: »Die Direktion der BASF wandte sich mit ihrer Kritik auch direkt telefonisch an benachbarte Redaktionen, etwa die des Mannheimer General-Anzeigers oder die der SPD-nahen Pfälzischen Post. Letztere schrieb daraufhin, Zeitungen wie der Zweibrücker Pfälzische Merkur oder der Mannheimer General-Anzeiger hätten Sensationsmeldungen eigenen Fabrikats‹ publiziert und sich in ›sogen.‹ Augenzeugenberichten ›in freischaffender Phantasie maßlosen und unverantwortlichen Übertreibungen‹ hingegeben. Nicht nur die drastischen Schilderungen der Verunglückten störten die Unternehmensleitung, sondern wohl auch der häufig verwendete Begriff ›Gas‹. So berichteten Tageszeitungen wie der Mannheimer General-Anzeiger am 21. September 1921, über der BASF hänge eine ›dicke grünliche Gaswolke‹ und über Ludwigshafen ein ›Dunst von giftigen Gasen‹. Die Danziger und die Kölnische Zeitung sprachen von ›Gasschwaden‹ und einer ›beizenden‹ ›Gaswolke‹, die ›am Horizont‹ stehe und ›aus der noch Flammen züngeln‹. Der Ludwigshafener General-Anzeiger schrieb von einem ›scharfen Gasgeruch‹, der, ›aus zerstörten Gaskesseln‹ ausströmend, ›über der ganzen Gegend lagerte‹, und zitierte einen Augenzeugen, wonach die ›nach der Explosion im Werk befindlichen Arbeiter plötzlich von Gaswellen überfallen worden‹ seien.«

Mit schwerem Herzen

Noch vier Tage später bei der Bestattung der 565 Särge »bewahrt« Bosch, wie »Chemie für die Zukunft«, die Jubiläumsschrift zum hundertjährigen BASF-Bestehen, noch 1965 lobt, »die Nerven« und verkündet: »Mit schwerem Herzen trete ich heute vor Sie hin im Auftrage des Vorstandes der Anilinfabrik, von der die erschütternde Katastrophe ausging, um deren Opfern die letzte Ehre zu erweisen.«

Es war eine der widerlichsten Trauerreden, die je gehalten wurden. Von diesen Opfern ist bald kaum mehr die Rede. Statt dessen macht Bosch Reklame für das Werk, das sie ums Leben gebracht hat: die Anilinfabrik sei, so preist der BASF-Chef vor den Leichen ihrer Opfer, »zu der größten ihrer Art auf dem ganzen Erdenrund« herangewachsen. Sie stütze sich auf eine »wissenschaftliche und technische Organisation allerersten Ranges«. Die Totenfeier geriet zur Werbeshow. Trauerredner Bosch: »Von der ganzen Größe dieser Arbeit und von der Eindringlichkeit der wissenschaftlichen und technischen Untersuchungen und Arbeiten, die wir im Laufe von bald 13 Jahren haben bewältigen müssen, macht sich der Fernerstehende keine auch nur annähernd zutreffende Vorstellung.«

Versuchen wir es als Fernerstehende trotzdem. Die zutreffende Vorstellung ist, dass Carl Bosch den wertvollen Teil der Menschheit vor dem Hungertod gerettet hat. Der »kaukasische Mensch« nämlich – das ist unsereiner, der weiße Mann – lebt vom Brot, vom Weizen. Der aber bedarf des Düngers. Und den stellte man vor dem Ersten Weltkrieg aus Chilesalpeter her, dessen Vorräte aber mehr und mehr schwanden.

Doch in unermüdlicher Arbeit gelang Bosch die Ammoniaksynthese aus der Luft. Er hatte einen Ersatzstoff für den Dünger und damit für den Weizen, ohne den auf Dauer der kaukasische Mensch nicht weiterleben konnte. Die Menschheit – deren wertvoller Anteil – war gerettet. Aber kaum hatte Bosch das vollbracht, wurde 1914 von den kaukasischen Menschen der Erste Weltkrieg ausgebrochen.

Neues Problem: Auch der Krieg musste gerettet werden, selbst wenn es ein paar Menschenleben kostete. Das deutsche Kaiserreich hätte im Frühjahr 1915 kapitulieren müssen, ganz einfach deshalb, weil ihm Munition und Sprengstoff ausgingen. Zu deren Produktion war ebenfalls Chilesalpeter nötig. Kurz, die Abermillionen Menschenleben, die der Krieg bis zum November 1918 verschlang, hätten nicht geopfert werden können, wenn das Genie von Carl Bosch die Ammoniaksynthese nicht von Düngererzeugung auf Rettung des Krieges umgestellt hätte.

Das unerbittliche Muss

Erst die Menschheit, dann den Krieg gerettet – Bosch ist, das muss er in seiner Trauerrede für die 565 Toten von Oppau eingestehen, ein Genie. Man kann aber nicht sagen, dass er bei seinem Gedenken die Opfer völlig vergisst. Nein, er spricht auch vom »Mitgefühl und Dank für das, was uns die Toten waren, dem ich hiermit im Auftrage des Vorstands und des Aufsichtsrates tiefgefühlten Ausdruck gebe«.

Dann fühlt er zweifelsfrei, dass »uns trotz der Erschütterungen durch das Unglück das Vertrauen unserer Mitarbeiter geblieben« sei. Und er tröstet die Hinterbliebenen, die Hunderte von Erblindeten und Verstümmelten mit der Weisheit, von jeher habe »der Kampf der Menschheit mit den Naturkräften ungezählte Opfer gefordert«. Dieser Kampf aber sei kein freiwilliger – es gilt, auf kommende Katastrophen vorzubereiten –, »er muss ausgefochten werden, und selbst heute, noch vor den offenen Gräbern, zwingt uns das unerbittliche Muss bereits wieder auf den Weg weiterer Pflichterfüllung«.

Immerhin, den 565 ums Leben Gebrachten macht er ein Geschenk, ja er betont: »Den Toten aber, die nicht mehr unter uns weilen, die hinabgestiegen sind ins dunkle Reich der Schatten, habe ich in dankbarer Erinnerung an ihre treue Mitarbeit und Pflichterfüllung tiefbewegten Herzens einen Kranz am Grabe niedergelegt.«

Der war bestimmt nicht billig.

Zu teuer allerdings wurde dem BASF-Chef die übriggebliebene Belegschaft. Gerade mal ein Jahr, einen Monat und acht Tage nachdem die ersten 565 Arbeiter in die Luft gesprengt worden waren, jagte Generaldirektor Bosch den Rest vors Werktor. Am 29. November 1922, um zwölf Uhr mittags, entließ er erst mal alles, was von der Belegschaft noch lebte, und machte die Werke in Ludwigshafen und Oppau dicht.

Er musste endlich zeigen, wer Herr im Haus ist. Er weigerte sich, mit einer von der BASF-Werksversammlung gewählten Kommission in Verhandlungen über Lohnerhöhungen einzutreten – die Leute sollten endlich einmal begreifen, dass man sich einschränken muss, wenn das Geld weniger wert wird, schon bald kostete ein Brot Millionen. Und – aber das nur nebenbei – Bosch konnte dank dieser Inflation dem Staat die Millionen, die sich die BASF vom Kaiserreich geliehen hatte, um in Leuna unter Kriegsrecht ein neues Munitionswerk errichten zu lassen, für ein paar Butterbrote zurückzahlen. Und noch mal nebenbei – wie alles bei der BASF: Es war Boschs Vertrauter Carl Krauch, der 1916 in Windeseile das Riesenwerk von Leuna hochzog – zeitweise mit belgischen Zwangsarbeitern. Es war wiederum Krauch, der 1921 innerhalb eines Monats die zerstörten Fabrikgebäude von Oppau wiederaufrichtete (die Arbeiter, die Bürger der Stadt konnten noch lange warten, bis sie wieder eine Wohnung hatten). Und es war Krauch, der 1941 bei Heinrich Himmler jüdische Sklavenarbeiter bestellte für den von BASF in Ludwigshafen aus gegründeten »festen Eckpfeiler für ein gesundes Deutschtum im Osten«: das Buna-Werk der IG-Farben in Auschwitz. Nach etwa drei Monaten waren die Zwangarbeiter so ausgepresst, dass sie der Entsorgung zugeführt werden konnten: vergast mit Zyklon B aus dem IG-Farben-Betrieb Degesch – Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung. Das war später.

Vertrauen braucht man

Aber jetzt, ein Jahr nach der »Explosion von Oppau«, zeigt der alte Bosch seinen deutschen Arbeitern erst einmal, was er kann. Drei Betriebsräte – die Hauptdrahtzieher der ewig Unzufriedenen – wollen, worauf sie – aber nur nach dem Gesetz – ein Recht haben, zum Reichsbetriebsrätekongress. Die Direktion sagt sich, mal sehen, was passiert, und widerruft den infolge einer Unachtsamkeit bereits gewährten Urlaub. Die drei fahren trotzdem und werden entlassen. Darauf verweigern viele Beschäftigte am nächsten Tag die Arbeitsaufnahme, solange die von ihnen gewählten Betriebsräte nicht wieder eingestellt werden.

Das war es, was Bosch erwartet hatte. Nach dem ersten Nachkriegsboom war das Exportgeschäft gerade etwas schleppender geworden, eine Pause tat gut und konnte die Moral im Betrieb nur fördern. Darum beschloss Bosch die Aussperrung.

Bosch musste – und das empfand er als Kampf um Leben oder Tod – die nach den ersten Monaten der Revolution von 1918 mehr und mehr geschwächte Kraft der Arbeiter ein für allemal brechen. Er musste sie so strafen, dass in den nächsten zehn Jahren, zwei Monaten und einem Tag, mehr war nicht nötig, keine Arbeitsperson mehr wagen würde, ihm das Vertrauen zu verweigern.

Vertrauen aber braucht man. Der Friedensvertrag von Versailles sah eine Kontrolle der Kriegsbetriebe durch die Alliierten vor, also auch des Werks in Oppau. Kontrolleur Leutnant McConell, der das Oppauer Werk vor der Explosion besichtigte: »Als ich das Werksgelände betrat, zeigten sich die Deutschen höflich, aber starrsinnig. Sie schienen gewillt, eine oberflächliche Inspektion über sich ergehen zu lassen; aber sie widersetzten sich energisch einer eingehenden Überprüfung. Am dritten Tag meines Aufenthalts wurde ich darüber informiert, dass meine Anwesenheit unerwünscht sei und ein formeller Protest der Friedenskonferenz übermittelt würde, falls ich meine Überprüfung weiter ausdehnen sollte.«

Der Leutnant war so lieb und ging. 565 Menschen in Oppau zahlten mit ihrem Leben. Sieben Jahre später hätten zehn Hamburger überlebt, wenn die Siegermächte Deutschland gründlich kontrolliert hätten. »Gasangriff auf Hamburg« überschreibt Carl von Ossietzky seinen Artikel in der Weltbühne. Aus dem Freihafengebiet Veddel treibt eine Wolke mit Phosgengas auf die Stadt zu. Sie stammt von dem alten Bosch-Mitarbeiter Hugo Stoltzenberg. Der bemüht erst gar nicht die Ausrede, dass Dünger in die Luft gegangen sei. Er behauptet, es seien alte Gasbestände aus dem Krieg, die in die Luft gegangen seien. Ergebnis: Zehn Tote und 300 Verletzte.

Fernes Echo

Der Zweite Weltkrieg war nicht viel länger vorbei als es damals der Erste gewesen war, da erschütterte erneut eine Katastrophe in der BASF nicht nur Ludwigshafen: Am 28. Juli 1948 explodierte in dem unter französischer Verwaltung stehenden Werk ein Kesselwagen mit 30 Tonnen hochgefährlichem Dimethylether. 207 Menschen starben, es gab fast 4.000 Verletzte, Tausende Gebäude sollen in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

Einen Tag später betraten die Richter des US-Militärgerichts im IG-Farben-Prozess den Verhandlungssaal im Nürnberger Justizpalast. Bevor Richter Herbert das Urteil verlesen konnte, dem er nicht zugestimmt hatte, weil es ihm zu mild erschien, ergriff Gerichtspräsident Curtis G. Shake das Wort: »Das Gericht hat eine inoffizielle Nachricht über eine schreckliche Tragödie erhalten, die sich gestern Abend in Ludwigshafen ereignet hat. Ich bin sicher, im Namen des Gerichts und aller hier anwesenden zu sprechen, wenn ich unsere Trauer über die Toten ausdrücke und ihrer gedenke und die Familien der Gestorbenen unserer Anteilnahme versichere.«

Da erhob sich der Anwalt des IG-Farben-Vorsitzenden Hermann Schmitz, der gleich darauf mit vier Jahren Gefängnis davon kam: »Ich darf Ihnen und dem Gericht meinen herzlichen Dank aussprechen im Namen dieser Männer hier.«

Der Spiegel berichtete 1948 vom Explosionsort in Oppau: »Ätzender, atembeklemmender Gasgeruch liegt über dem Ganzen. Die deutschen Feuerwehrleute müssen sich ihre Gasmasken überstülpen. (…) Blutende, von Farben und Säuren blaurot gefärbte, gespensterhafte Gestalten wanken aus den Trümmern der Indigo- und Anilinstraße. (…) Arbeiter sind mit Armen und Beinen unter riesigen Trümmern eingeklemmt. Mit Schneidbrennern werden sie losgeschweißt oder amputiert. (…) Erblindete werden zu den Ambulanzen geführt. In der Nacht drängen sich die Presseleute in dem mit Ölfunzeln spärlich beleuchteten Büro des Hauptverwaltungsgebäudes. ›Wir können Ihnen auch nichts sagen.‹ Nicht, wie viel Tote noch unter Trümmern verkohlen, und nicht, was eigentlich explodiert ist. Warum das Giftgas über dem Schutt herumkroch, will auch keiner wissen. Die einen reden von Phosgen, das in der Fabrik lagerte, und die anderen wollen etwas von Chlor und Kohlenstoff wissen, der sich mit dem Luftsauerstoff zu dem Grünkreuzgas gemischt hat. Die Franzosen sagen gar nichts, und erst als Neues Deutschland und Tägliche Rundschau aus Berlin von hochexplosiven Treibstoffen für ›V-2‹-Geschosse schrieben, dementierte der Quai d’Orsay, dass Explosivtreibstoff in der Badischen Anilin- und Sodafabrik hergestellt werde. Die Aniliner wissen meist selber gar nicht, was sie eigentlich fabrizieren.«

Aufs Pflaster geworfen

Das hatten sie nie zu wissen. Schon am 21. September 1921, dem Tag des bedauerlichen Unglücks von Oppau, hatte bei den Farbwerken in Höchst der Direktionsbeamte Oberleutnant a. D. Müller den Toten von Oppau nachgerufen: »Was liegt daran, es können noch viel mehr Proleten in die Luft gehen.«

Die Arbeiter zeigten, als sie dies hörten, nicht die notwendige Disziplin. So sah sich die Direktion gezwungen, vier Tage später bekanntzugeben: »Am 22. d. M. hat sich ein großer Teil unserer Arbeiterschaft wiederum zusammengerottet, um unter gänzlicher Ausschaltung des Betriebsrates und der gewerkschaftlichen Organisationen auf eigene Faust durch Drohungen mit Gewalt erneut tarifwidrige Forderungen durchzusetzen; außerdem wurde die sofortige Absetzung zweier langjähriger pflichttreuer Beamter verlangt. Unter dem Druck der vor dem Verwaltungsgebäude versammelten Arbeitermassen, welche die verschlossene Eingangspforte schon zum Teil zertrümmert hatten, sahen sich die betreffenden Mitglieder des Vorstandes zu Bewilligungen gezwungen, um Schlimmeres zu verhüten. (…) Die so erzwungenen Willenserklärungen sind nichtig. (…) Eine ruhige und geordnete Weiterführung des Betriebes ist nach Lage der Verhältnisse nicht gewährleistet. Die Werksleitung ist daher genötigt, hiermit unter fristloser Entlassung sämtlicher Arbeiter und Arbeiterinnen das Werk sofort zu schließen. Höchst a. M., den 25. September 1921.«

Das war genau der Tag, an dem Carl Bosch in Ludwigshafen den in die Luft gegangenen 585 BASF-Arbeitern seinen Kranz nachwarf.

Otto Köhler schrieb zuletzt am 24. Juli auf diesen Seiten über das als »Humboldt-Forum« wiedererrichtete Berliner Stadtschloss: »Wo der Deutsche gerne hingeht«

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  • Leserbrief von Emmo Frey aus Dachau (24. September 2021 um 12:47 Uhr)
    Otto Köhler ist ja immer sehr gut, hier konzentrierte er sich auf die Machenschaften und scheinheiligen Trauerbekundungen der Herrenmenschen wie Carl Bosch und Kollegen. Die Themen Großchemie, Düngerherstellung mit Bezug auf Sprengstoffe und überhaupt alle hochgefährlichen und problematischen Nebenwirkungen verdienen eine breitere Betrachtung. Schon allein deswegen, weil vor einem Jahr der Hafen von Beirut mit demselben Zeug in die Luft geflogen ist wie damals Oppau, nämlich Ammoniumnitrat. In Beirut waren es angeblich einige tausend Tonnen mehr als 1921, eine halbe Großstadt liegt seitdem in Trümmern. Es gab noch einige weitere katastrophale Ereignisse mit Ammoniumnitrat in den USA, wenn ganze Schiffe in die Luft flogen, man lese nach bei Wikipedia. Für mich als Chemiker unfassbar, wie offenbar immer noch unbekümmert mit diesem Explosivdünger umgegangen wird. Außerdem gibt es Parallelen zwischen der großindustriellen Kunstdüngerherstellung und ihren tödlichen Nebenwirkungen (Sprengstoffe, Militär, Katastrophen, langfristige Zerstörung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, Kriege um Phosphat) und der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomkraft mit ihren ebenfalls tödlichen Nebenwirkungen. Wir hatten Großkatastrophen mit Windscale, Three Miles Island, Tschernobyl, Fukushima, wir haben die militärische »Nutzung«, wir haben die Jahrtausende währende Verstrahlung ganzer Landstriche und schließlich die ungelöste »Entsorgung« gewaltiger Mengen Strahlenmülls. Kunstdünger versprach das Ende allen Hungers auf der Welt, er könnte langfristig mit seinen Brüdern aus der Pestizidchemie dafür sorgen, dass irgendwann nichts bzw. nichts Gesundes mehr zum Essen heranreifen kann. Über die sehr unfriedlichen Folgen der Atomkraft, die uns einst als quasi ewige Lösung aller Energieprobleme angedreht wurde, dürfte nirgends auf der Welt noch Unwissen bestehen.

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