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Aus: Ausgabe vom 21.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Links ist nicht mehr das, was es einmal war

»Die Buchhändlerin« am Dresdner Societaetstheater
Von Ralf Richter
DIE BUCHHÄNDLERIN_3_Fotos André Wirsig.JPG
Mitten im Midlife: Kathleen Gaube und Oliver Seidel als auf Krawall gebürstete Buchhändler

Es ist ein Versuch: Das kleine Dresdner Societaetstheater bringt eine mehr als stadtbekannte Buchhändlerin auf die Bühne. In der Stadt weiß jeder, wer gemeint ist, wenn von der »Buchhändlerin« gesprochen wird: Susanne Dagen. Eine, die Monika Maron im letzten Jahr »editorisches Asyl« gab und die nicht zuletzt mit ihrer Reihe »Mit Rechten lesen« für einen Aufschrei des Entsetzens gesorgt hat. Seit den 90er Jahren betreibt sie eine kleine Buchhandlung im kulturbürgerlich geprägten Stadtteil Loschwitz am Blauen Wunder, den Uwe Tellkamp mit seinem Roman »Der Turm« bekannt machte.

Anbei baute Dagen mit Freunden auf dem Grundstück ihrer Eltern ein rege besuchtes »Kulturhaus« auf, in dem u. a. Volker Braun und andere Autoren lasen. Viele Jahre war die prämierte Buchhändlerin von nahezu allen Seiten anerkannt – bis 2017 etwas ganz Einschneidendes auf der Frankfurter Buchmesse passierte und ihre Reaktion darauf sie ins Kreuzfeuer der Medien brachte und die Stadt intellektuell bis heute spaltet.

Ein starker Stoff also. Ein Drama mit ungewissem Ausgang. Man könnte daraus eine ganze Menge machen. Insbesondere »den Wendepunkt« beleuchten, wo es vom Unpolitischen ins Politische kippt. Die Buchhändlerin verfasste in Reaktion auf einen vermeintlichen Anschlag auf einen rechten Verlagsstand auf der Frankfurter Buchmesse die »Charta 2017«. Darin attestierte sie dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, zuvor unterschwellig zu Gewalt gegen »missliebige Verlage« aufgerufen zu haben. Besonders kreidete man ihr an, dass sie dabei das Wort »Gesinnungskorridor« benutzt hatte. Umgehend konzentrierte sich in der Dresdner Neustadt im Erich-Kästner-Museum der intellektuelle Gegenpol. Kann es sich ein kleines Theater auf der politisch eindeutig links-liberal verorteten Neustädter Seite der Elbestadt leisten, der Versuchung zu widerstehen, billige Abrechnung zu betreiben mit einer hier nicht wohlgelittenen Figur? Wohl nicht.

Bedauerlicherweise geben die Stückeschreiber A. Wransky und Robert Wagner die Buchhändlerin der Lächerlichkeit preis und ernten damit erwartbaren Applaus. Das beginnt mit dem Videoeinspieler am Anfang: eine Buchhändlerin allein im Laden, zu der keiner mehr kommt, scheinbar vergessen von allen. Nach dem Video treten zwei Puppengestalten auf, die sich clownesk bewegen. Im Programm heißt es: »Zwei Buchhändlerinnen prallen aufeinander. Sie sind politisch justiert, angekommen – im rechten und linken Midlife.« Genau das trifft es nicht. Die Menschen bleiben auf der Suche, sind nicht angekommen, auch politisch nicht.

Susanne Dagen wird von Kathleen Gaube gespielt, und ihren linken Widerpart spielt Oliver Seidel. Beide schenken sich nichts. Phrasen werden gedroschen, linke wie rechte. Man verletzt sich und versucht dann doch einmal den Standpunkt des anderen zu verstehen und findet dabei Gemeinsamkeiten. Die Buchhändlerin auf der Bühne reklamiert für sich zwar einen linken Standpunkt, ist aber der Meinung, dass sich die Gesellschaft schneller geändert habe als sie selbst. Dadurch, dass die Gesellschaft weit nach links gerückt sei, stünde sie nun ganz rechts. Links ist eben auch nicht mehr das, was es einmal war. Das zumindest wird auf der Bühne klar herausgearbeitet … ansonsten aber hat man ein spannendes Thema verschenkt. Schade!

Nächste Vorstellungen: 27. und 28.10.2021

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  • Leserbrief von Doris Prato (22. September 2021 um 12:30 Uhr)
    Wie wahr, wenn man sich erinnert, dass in Italien das Schaffen der Linken nach 1945 jahrzehntelang die Traditionen der Resistenza und das Ringen um den Fortschritt in beeindruckenden Werken des Filmschaffens, der Kunst und Literatur widerspiegelte. Dazu trug die von der IKP nach 1945 initiierte intensive Debatte um die Gestaltung von Formen und Inhalten einer demokratischen und revolutionären Kunst bei, an der Filmemacher, Schriftsteller und Künstler teilnahmen, was ihr Schaffen stark beeinflusste und zum Entstehen des Realismo führte. Einige Beispiele aus der Reihe der Filmemacher, denn alle und alles aufzuzählen würde Bände füllen. Als erstes sei Roberto Rossellini genannt, der mit »Rom, offene Stadt« (in Cannes preisgekrönt) zu einem der Begründer der neorealistischen Schule wurde. Später folgten »Il generale Della Rovere« (1959, in Venedig ausgezeichnet) und »Es war Nacht in Rom« (1960, in Karlsbad prämiert). Vittorio De Sica, ebenfalls einer der Pioniere des neorealistischen Films, hatte sich 1946 mit »Schuhputzer« und 1948 in seinem Meisterwerk »Fahrraddiebe« sozialen Problemen zugewandt. Als »nationaler Nestbeschmutzer« angegriffen, resignierte er und betätigte sich als Schauspieler und Regisseur in weniger anspruchsvollen Filmen. Unter seiner Regie stieg die attraktive Sofia Scicolone zur weltberühmten Schauspielerin Loren auf. Im Genre des Neorealismus machte in den 60er und 70er Jahren Luchino Visconti auf sich aufmerksam. Aus weit über einem Dutzend seiner Filme ragten »Sehnsucht« (1955), »Die weißen Nächte« (1956), »Rocco und seine Brüder« (1960, in Cannes ausgezeichnet) und »Der Leopard« (1963) hervor. Einigen dieser Filme verlieh die einzigartige Claudia Cardinale zusätzlichen Glanz. Francesco Rosi, der als Assistent bei Visconti begann, knüpfte mit brisanten politisch und sozial kritischen Filmen an neorealistischen Themen an: »Wer erschoss Salvatore G?« (1962), »Hände über der Stadt« (1963), »Der Fall Mattei« (1972), »Christus kam nur bis Eboli« (1979). In dieser Reihe stand auch Pietro Germi mit »Verlorene Jugend« (1947), »Bis zum bitteren Ende« (1951, in Venedig preisgekrönt), »Was geschah in der Via Merulana« (1959) und »Scheidung auf italienisch« (1961). Federico Fellini, ein Rossellini-Schüler, drehte »Roma« (1972) und »Amarcord« (1973). In »La dolce Vita« hatte er bereits 1960 in skandalträchtigen Szenen die Oberschicht des Landes während der Zeit des Wirtschaftswunders auf die Leinwand gebannt. In der Rolle des Klatschkolumnisten erlangte Marcello Mastroianni Weltruhm.
    Ende 1973 erregte ein Film von Giuliano Montaldo außergewöhnliche Aufmerksamkeit: »Giordano Bruno«. Bereits durch seinen mutigen Film »Sacco und Vanzetti« bekannt, gestaltete der Regisseur das Wirken des revolutionären Denkers der Renaissance. In dem Werk dominierten die Begeisterung und Überzeugung Giordano Brunos für eine Welt, in der sich das Gute und Vernünftige durchsetzen werden. Der Film zeigte aber auch die Isolierung des Intellektuellen, dessen progressive Ideen bei der herrschenden und zum Abtreten verurteilten Klasse kein Gehör finden. Die Unita überschrieb ihre Rezension »Giordano Bruno – ein Feuer, das noch immer brennt«.
    Alberto Moravias Buch »Die Verachtung« (1954), das die Dekadenz der bürgerlichen Gesellschaft enthüllte, wurde von Jean-Luc Godard mit Brigitte Bardot verfilmt und wie das Buch ein Welterfolg. »La Noia« (1960), der wegen seiner erotischen Freiheit umstrittene Roman, kam in der Bundesrepublik mit Catherine Spaak und Horst Buchholz unter dem Titel »Die Nackte« ins Kino.
    Pier Paolo Pasolini, der seit Mitte der 50er Jahre als Schriftsteller mit seinen Büchern »Ragazzi di Vita« (1955) und »Una Vita violenta« (1959) bekannt war, wurde ebenso durch seine ersten Filme »Accatone – wer nie sein Brot mit Tränen aß« (1961) und »Mamma Roma« (1962 mit Anna Magnani) als Regisseur rasch auch international bekannt. Er schrieb Gedichte und Essays in bildhafter, lebendiger Sprache, verfasste Streitschriften (Freibeuterbriefe, Lutherbriefe, Paulusbriefe) die seine kommunistische Gesinnung bezeugten, aber auch seine Sicht auf religiöse Gefühle ausdrückten, was auch sein verfilmtes Matthäus-Evangelium zeigte. Pasolini hat seine Homosexualität nie verheimlicht. In der Lyrik sind »Gramscis Asche« (1957, und »Die Nachtigall der katholischen Kirche« (1958) zu nennen, von den Romanen »Der Traum von einer Sache« (1962) und »Ali mit den blauen Augen« (1965). In der Bundesrepublik erschienen viele seiner Werke bei Wagenbach. In seinem letzten Film «Salò oder die 120 Tage von Sodom« gestaltete er nach Marquis de Sade fiktiv die grausamen Zustände in einem Gefangenenlager in Salò, dem Sitz des Mussolini-Regimes am Gardasee unter der Okkupation der Hitlerwehrmacht. Den heftig umstrittenen Film prägten Resignation und Lebensekel.
    Im November 1975 wurde Pasolini in Ostia bei Rom von mehreren Männern überfallen, schwer misshandelt und dann umgebracht. Der Regisseur Marco Tullio Giordana stellte 1996 in seinem dokumentarischen Spielfilm »Pasolini, ein italienisches Verbrechen«, auf dem Festival in Toronto uraufgeführt, die Tat als einen politisch motivierten Mord dar. Als 30 Jahre nach seinem Tod die Ermittlungen neu aufgenommen wurden, schrieb die NZZ am 12. November 2005, »Faschismus, Mafia und Geheimdienste« würden als »mögliche Täter identifiziert«. Eine späte Erkenntnis, denn schon in den 70er Jahren war bekanntgeworden, dass der Name Pasolinis zusammen mit anderen linken Schriftstellern, darunter Alberto Moravia, auf den Mordlisten der faschistischen Putschisten stand.
    Pasolinis Hinwendung zur IKP war der Liebe eines Kindes vergleichbar, das sich nach Zuneigung sehnt. Im Leben oft nicht erwidert, wurde sie ihm im Tode zuteil. Unter den Trauergästen, die zu Tausenden zu seinem Begräbnis kamen, befanden sich viele Parteimitglieder, an ihrer Spitze Enrico Berlinguer. Alberto Moravia sagte in seiner Totenrede: »Jedes Jahrhundert werden nur drei oder vier Dichter geboren, und wir haben einen Dichter verloren.« (Ausführlich nachzulesen in: Gerhard Feldbauers Geschichte Italiens, Papyrossa-Verlag, Köln 2015).

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