Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. Oktober 2021, Nr. 241
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 23.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Marxismus

Die eigene Zeit begreifen

Dem Marburger Politikwissenschaftler Frank Deppe zum 80. Geburtstag
Von Georg Fülberth
11.jpg
Marburg ist jetzt überall: Der Wüstenbegrüner Frank Deppe

Zwischen 1950 und 1972 fanden – von der Zeitgeschichtsforschung bislang unbeachtet – drei interessante innerdeutsche Migrationsbewegungen statt. Gemeint ist nicht die Ost–Westwanderung von der armen DDR in die reiche BRD, sondern: Abiturient(innen) und Studierende zogen gern entweder nach Frankfurt am Main, um bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, oder nach Marburg, um bei Wolfgang Abendroth zu studieren. Junge Männer, die nicht zum Militär wollten und keine Lust hatten, sich vor einem Gewissensprüfungsausschuss nackicht zu machen, verabschiedeten sich nach Westberlin, wo die Wehrpflicht nicht galt. Einige landeten in den Lehrveranstaltungen von Ossip K. Flechtheim und Johannes Agnoli. Soviel zur Entstehung der Neuen Linken und zur Geschichte des SDS, der im Lauf der Zeit an Mitgliederzahl und Radikalität gewann.

Mit der innerhessischen Migration hat es eine zusätzliche Bewandtnis: Wer in Marburg anfing, blieb da. In Frankfurt aber gab es ­­Dissident(inn)en: Sie gingen von Adorno/Horkheimer zu Abendroth – dankbar für das, was sie bei den Erstgenannten gelernt hatten (dialektisches Denken), aber mit dem Wunsch nach mehr: materialistische historisch-konkrete Fundierung und Arbeiterbewegung.

Einer von ihnen war Frank Deppe. Nach Anfängen in Frankfurt studierte er in Marburg und wurde Gruppenvorsitzender des SDS, in dessen Bundesvorstand er 1965 gewählt wurde. Abendroth stellte ihn als Hilfskraft ein. 1955 hatte er für eine Schriftenreihe der IG Chemie-Papier-Keramik eine Broschüre verfasst: »Die deutschen Gewerkschaften. Weg demokratischer Integration«. Eine Neuauflage war fällig, und der Eleve erhielt den Auftrag, Material dafür zu sammeln. Daraus ist nichts geworden. Für Frank Deppe aber wurden Gewerkschaften und Arbeiterbewegung die ganz großen Themen seiner lebenslangen Forschungen sowie seines praktischen Engagements.

Seine Doktorarbeit (1968) verfasste er über den französischen Umstürzler Louis-Auguste Blanqui. Es war eine historische Untersuchung mit einem doppelten Boden: Zugleich musste ihr Autor sich im SDS nämlich mit revolutionärem Voluntarismus auseinandersetzen, verkörpert von Rudi Dutschke, mit dem er sich trotz fraktioneller Gegensätze persönlich gut vertrug.

Nach seiner Habilitation 1971 wurde er für eine Professur in Marburg vorgeschlagen. Das Hessische Kultusministerium weigerte sich zunächst: zuviel Marxismus auf einmal. Eine heftige Bewegung der Studierenden kämpfte für ihn. Den Ausschlag zu seinen Gunsten gab, dass linke Gewerkschaftsführer, darunter Willi Bleicher, einst Buchenwald-Häftling, dann Leiter des Bezirks Stuttgart der IG Metall, für ihn eintraten. Beide, Studierenden- und linke Arbeiterbewegung, hatten Erfolg. Frank Deppe wurde berufen.

1977 revanchierte er sich. Als Dekan des Uni-Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften hatte er eine Kooperationsvereinbarung mit dem örtlichen DGB geschlossen. Aus einer Vortragsreihe in deren Rahmen ging der Sammelband »Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung« hervor, der große Resonanz in der Schulungsarbeit insbesondere der IG Metall fand. Mit der steilen These, es handele sich um kommunistische Einflussnahme, traten rechte Sozialdemokraten (darunter ein ehemaliger Trotzkist, der später in der Berliner CDU verkam) eine Kampagne los, die er siegreich überstand.

1987 erschien sein Buch »Niccolò Machiavelli. Zur Kritik der reinen Politik«. Letzterer setzte er eine aus den Klassenkonstellationen, den Entstehungsbedingungen der modernen Staaten und deren Beziehungen zueinander hergeleitete materialistische Theorie der Politik gegenüber.

Die Katastrophe des Sozialismus 1989 bis 1991 traf ihn tiefer als viele andere. Seitdem kämpft er darum, sich und anderen begreiflich zu machen, was geschehen ist – eingebettet in die Geschichte seiner eigenen Zeit. So entstanden vier Bände in fünf umfangreichen Büchern mit der Gesamtüberschrift »Politisches Denken im 20. Jahrhundert« (1999–2010) und 2013 die Diagnose »Autoritärer Kapitalismus« – gefolgt von den Beiträgen zur antikapitalistischen Gegengeschichte seit 1917 und 1968. Im Oktober erscheint: »Sozialismus«.

Jahrzehntelang war Frank Deppe parteilos geblieben. Seine Beziehungen zum DKP-nahen Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) in Frankfurt am Main sowie zu dessen Leitern Josef Schleifstein und Heinz Jung waren eng. 1984 kandidierte er für die »Friedensliste« zur Europawahl. Heute ist er in der Partei Die Linke. Sein Buch »Imperialer Realismus? Über Eliten, Experten und Journalisten und die ›neue deutsche Verantwortung‹« (2014) ist zugleich, und sei es nur nebenbei, eine Warnung vor Leuten in der eigenen Organisation, die vielleicht doch ganz gern auf der Atlantikbrücke wandeln möchten.

Zu Recht ist er stolz auf seine Schüler, darunter Klaus Dörre, der bei ihm promovierte und inzwischen in Jena lehrt – diese Stadt ist Ziel einer neuen linksakademischen Migration: nicht mehr nach Frankfurt am Main, Marburg oder Westberlin, sondern nach Thüringen. Dort werden Studierende den Privatdozenten Hans-Jürgen Urban treffen: doktoriert bei Deppe, im Hauptberuf linker Flügelmann im Geschäftsführenden Vorstand der IG Metall. Die Wüste lebt.

Als Frank Deppe 2006 emeritiert wurde, wurde seine Professur in Marburg gestrichen. Ihn hat das gewurmt, aber das war gar nicht nötig. Die dritte Generation der einstigen Marburger Schule, die er durch wissenschaftlichen Nachwuchs auf den Weg brachte, ist halt jetzt woanders.

Ein Mann mit vielen Begabungen. Er hat nicht nur Schüler, sondern auch Fans, darunter inzwischen sehr alt gewordene Marburger jenseits des akademischen Milieus. Sie schwärmen von einem schmächtigen Jazztrompeter, der während der 60er Jahre im »Domizil«, dann in der »Cavete« auftrat. Bis heute spielt er in einer Band – ein zweites oder drittes, ebenfalls leidenschaftliches Leben neben Wissenschaft und Politik. Schlechte Musik nimmt er persönlich übel.

Heute, am 23. September, wird er 80. Ihm ist vieles gelungen. Ein gewaltiger Grund zur Freude, nicht nur für ihn.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton

Die Buchlesewoche der Tageszeitung junge Welt vom 20. bis 23. Oktober. Alle Infos hier!