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Aus: Ausgabe vom 02.10.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
Literatur

To Kill a Motherbird

Von Lee Harper Oswald
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»Und was erzähle ich jetzt der Polizei, wer diese Schweinerei hier angerichtet hat?«

Die Sonne stand niedrig, und es war noch immer sehr stickig, aber das angekündigte Gewitter hatte sich irgendwo anders hin verzogen. Auf der Veranda vor dem Haus saß ein unrasierter, kleiner, stämmiger Mann im ärmellosen Unterhemd auf einem Klappstuhl und trank Blue Ribbon aus der Dose. Die Zikaden machten sch-sch-sch, im Mückengrill über dem Geländer knisterten die Moskitos, klick. Klick-klick. Klick. In der Nähe konnte man einen Ochsenfrosch blöken hören. Der Mann schaute zum Highway und drehte sich mit einer Hand, ohne hinzusehen, einen Grasjoint, so wie er es in der Army gelernt hatte. Ein Pick-up mit kreischenden Teenies auf der Ladefläche raste am Haus vorbei.

»Das ist gegen das Gesetz!«, brummte er empört und zündete sich den Joint an. Er musste heftig husten, holte Atem, trank einen Schluck Bier und zog wieder am Tütchen.

»Elwyn.«

Eine schneidende Frauenstimme rief aus dem Haus.

»Elwyn?«

»Verdammt.«

Er legte den Joint in den Aschenbecher, stand auf und ging hinein, durch das Wohnzimmer nach hinten ins halbdunkle Schlafzimmer, wo die Mutter im Sessel saß und auf einen kleinen Fernseher starrte.

»Mom?«

»Elwyn! Wo bist du die ganze Zeit?«

»Ich bin hier, Mom. Ich war auf der Veranda.«

»Mach mir was zu trinken, Fliegen schwimmen in meinem Becher!«

»Ich habe dir gerade ein Kool-Aid gemacht, das war vor zehn Minuten. Die Eiswürfel sind immer noch drin.«

»Das ist der Punkt, Sohn! Ich will Eistee, kein Kool-Aid, okay? Ich bin kein kleines Mädchen mehr!«

»Nein.«

»Was?«

»Ja, Mom.«

»Bring mir etwas Eistee, würdest du?«

»Der Doktor sagt, du sollst nicht …«

»Elwyn.«

»Mom. All der Zucker wird …«

»Elwyn!«

Er ging in die Küche, öffnete den laut brummenden Kühlschrank, holte eine Glaskanne heraus, nahm einen hohen Becher aus der Spüle, schüttelte ihn über dem Becken aus, ließ Eiswürfel hineinfallen, schenkte den Eistee ein und brachte ihn ins Schlafzimmer. Er stellte den Becher auf das Tischchen zwischen Sessel und Bett.

»Hier, Mom.«

Sie reagierte nicht, er zuckte mit den Schultern, ging hinaus, setzte sich in seinen Klappstuhl, nahm einen Schluck aus der Dose und zündete den Joint wieder an.

»Elwyn!« rief wieder es von hinten.

»Ja?«

»Bring mir die Fernsehzeitung!«

»Was?«

»Bist du taub? Bring mir die Fernsehzeitung!«

»Sie liegt neben dir auf dem Tisch.«

»Was?«

»Sie liegt – verdammt!«

Er schnippte den Stummel weg und ging hinein.

»Sie liegt hier doch …«

Elwyn nahm die Fernsehzeitung vom Tisch und gab sie ihr. Sie schaute kurz ­darauf und legte sie weg.

»Das ist die von dieser Woche.«

»Ja. Das ist die von dieser Woche.«

»Ich will die von letzter Woche.«

»Warum?«

»Was ist dein Problem, Sohn, hä? Okay, ich verstehe. Deine alte Mutter wird jetzt aufstehen und sie selbst holen.«

»Für was brauchst die Fernsehzeitung von letzter Woche?«

»Geh aus dem Weg.«

»Okay, ich hol’ sie …«

»Geh weg«, sagte sie und setzte sich doch wieder in den Sessel. Elwyn nahm ein kleines Messer aus der Hosentasche, ging durch die Hintertür zum Schuppen, öffnete einen Müllsack, wühlte darin herum, zog eine Fernsehzeitung heraus. Er hielt das Cover von sich weg und prüfte das Datum auf der Titelseite, packte den zerschnittenen Müllsack in einen neuen, knotete ihn zu, ging in die Küche und nahm einen nassen Lappen aus der Spüle. Ein Schwarm kleiner Fliegen schreckte auf. Er wischte die Zeitung ab und brachte sie der Mutter.

Sie nahm sie ihm wortlos aus der Hand, legte sie unbesehen auf das Tischchen und machte den Fernseher lauter.

Elwyn ging wieder auf die Veranda, drehte sich einen Joint, zündete ihn an, hustete, setzte die Bierdose an. Leer.

»Verdammt.«

Er ging in die Küche und zog die letzten drei Dosen am Plastikring heraus. Er setzte sich wieder auf die Veranda, leert eine Dose in einem Zug, zerdrückte sie und warf sie gegen eine Tafel am Straßenrand, auf der fettgedruckt die Zehn Gebote standen. Er las:

»Honour thy father and thy mother! Yeah. Motherfucker.«

Er lachte, legte die Beine auf den Tisch, öffnete die nächste Dose, trank, rauchte, zerdrückte die Dose und warf auch sie gegen die Tafel mit den Zehn Geboten. Er drehte sich noch ein Tütchen, rauchte, die Zikaden machten sch-sch-sch, und die Moskitos knisterten im Mückengrill, klick. Klick-klick. Klick …

Dann setzte er sich auf und starrte nachdenklich auf die Tafel. Er nickte, ging in die Küche, holte einen Revolver aus der Schublade, prüfte die Trommel, nahm die Patronen heraus.

»Elwyn.«

Er steckte eine wieder in die Trommel, spannte den Hahn, zielte auf den mädchenhaften Plastik-Jesus mit den langen, blonden Haaren, der auf der Kommode neben der dicken Bibel stand, und wisperte: »Puff …«

»Elwyn?«

Er grinste, lud die anderen fünf Kammern und steckte sich den Revolver in den Gürtel.

»Elwyn!«

»Hör auf zu schreien, Mutter!«

»Elwyn! Was läuft nur falsch mit dir! Elwyn!«

Er verließ die Küche und ging auf die Veranda, steckte das Beutelchen mit Gras ein, stieg in seinen Oldsmobile. Er startete den Motor, einmal, zweimal, dann sprang der Wagen an, der Keilriemen jammerte, und Elwyn rollte langsam vom Grundstück auf den Weg und bog rechts auf den Highway ab. Es wurde dunkel.

*

Elwyn parkte vor »Dicksie’s Food Store« vor einer Zapfsäule und ging hinein. Die Türklingel schellte, er lief am Pächter vorbei durch den Laden zu den gekühlten Getränken.

»Elwyn. Wie geht’s.«

»Wie geht’s, Dick.«

»Elwyn! Hast du Ausgang?« fragte ein älterer, hagerer Mann mit einem langen weißen Zopf und einer Baseballkappe, der am Ende des Tresens an der Wand lehnte.

»Hier ist Rauchen verboten, Archie. Das ist gegen das Gesetz.« Er nahm ein Sixpack aus dem Kühlschrank, stellte sich vor den Tresen, legte den Kopf schief und sagte zum Tankstellenpächter: »Gib mir noch drei Schachteln Kool und Heuschrecken.«

Dick ging nach hinten und kam mit einer kleinen, braunen Papiertüte zurück, in der es brummte. Er tippte mit der rechten Hand auf der Kasse herum und zeigte mit der linken auf die Kaffeetheke. »Sind 23,88. Nimm dir noch einen Kaffee und gib mir 25, habe nichts zum Wechseln.«

»Dein Kaffee ist scheußlich«, antwortete Elwyn und zählte ihm 25 Dollar vor.

»Danke. Was macht deine Mutter?«

»Schmerzen im Arsch. Ich werde sie erschießen müssen.« Elwyn deutete auf den Revolver im Gürtel. Dick spuckte in einen roten Plastikbecher: »Gib mir das Ding!« – »Vorsicht, sind keine Erbsen drin.« – »Ein alter Motherfucker! Von deinem Pa?« – »Ja.« Dick wog die Pistole und öffnete die Trommel. Elwyn: »Die sechste Kugel ist für sie.« – »Okay. Du wirst in der Hölle braten, Mister Hodges.«

Archie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, ging mit seinem Becher rüber zur Kaffeetheke und schenkte ein. »Was macht dein schönes Weib an einem schwülen Samstag abend, Elwyn?« – »Sie könnte im See ertrunken sein zusammen mit diesen verkommenen Kindern.« – »Ist das wahr!« – »Hat es in der Zeitung gestanden, Archie?« – »Nein.« – »Dann wird’s wohl nicht passiert sein. Wiedersehen.« Die Tür klingelte.

*

Zehn Minuten später fuhr Elwyn an der Southside an einem Drive-in-Geldautomaten der »First Citizens« vor und steckte seine Karte in den Schlitz. Keine Abhebung möglich. »Verdammt.« Elwyn stieg aus dem Wagen, lief ein paar Meter nach hinten, zielte mit dem Revolver auf den Automaten und drückte ab. Es krachte und knallte, der Querschläger landete im Schaufenster der Bank. »Nummer eins.« Er wandte sich dem Portal der Bank zu, suchte mit den Augen die Fassade ab, fand eine Überwachungskamera, zielte und schoss sie weg. »Nummer zwei.« Er stieg in sein Auto, zündete sich eine Zigarette an und fuhr auf den Highway Richtung Downtown.

*

Zwei Blocks weiter parkte Elwyn vor dem Whiskey-Inder. Er nahm den Revolver in die Hand und ging durch die Tür. Es schrillte, der Mann hinter dem Tresen sah von seinem Buch auf und grüßte: »Wie geht’s, Mister Elwyn.« – »Halt die Fresse, Ravi. Gib mir all dein Geld.« – »Ist das ein Überfall, Mister Elwyn?« – »Du hast’s erraten. Mach die Kasse auf. Und gib mir einen Whiskey.« – »Welchen?« – »Den da!« sagte er, zielte auf eine Flasche Evan Williams hinter Ravi und drückte ab. Es krachte, ein dreiviertel Liter Bourbon spritzte herum, Glassplitter sprenkelten rote Punkte in Ravis linke Gesichtshälfte. Er wischte mit der Hand darüber und fragte: »Ich könnte Ihnen etwas leihen? Wieviel brauchen Sie? Ich meine, wenn Sie mich ausrauben, muss ich den Alarmknopf drücken. Die Kamera filmt das alles hier. Hätten Sie nicht eine Strumpfhose über den Kopf ziehen können?« – »Ich nehme nicht kein Geld von keinem Sandnigger.«

Ravi machte die Kasse auf, nahm ein paar Scheine heraus und gab sie Elwyn. »Es ist nicht viel. Und ich bin kein Araber, Mister Elwyn. Ich bin Inder.« – »Wo ist der verdammte Unterschied? Ich kenne euch! Ich war im Irak! Ich habe alles gesehen. Ihr habt alle denselben armseligen Glauben und denselben Scheiß-Allah.« Er deutete mit der Pistole auf eine Flasche, neben der die zerschossene gestanden hatte. »Gib mir die da.« – »Bitte sehr. Ich habe drei Götter da hinten in der Ecke und noch zwölf andere im Lager, aber ein Allah ist nicht dabei, Mister Elwyn.« – »15 Götter? Hölle, das ist eine ganze Menge.« – »Wie viele Götter haben Sie in Ihrer weißen Kirche am See?« – »Nur einen. Sein Name ist Gott! Drück endlich den Alarmknopf, Heide.« – Ravi langte unter die Theke. »Und was ist mit Jesus?« – »Er ist nicht Gott. Er ist – der Herr?«

»Und was erzähle ich jetzt der Polizei, warum ich den Knopf gedrückt habe und wer diese Schweinerei hier angerichtet hat?« – »Du sagst ihnen, dass ich hier war und dir das Geld weggenommen habe, das du dem weißen Mann wegnimmst für Whiskey und Zigaretten, obwohl du verfluchter Moslem überhaupt nicht trinkst oder rauchst, damit der weiße Mann degeneriert und ihr die Macht übernehmen könnt und all das!« – »Okay. Sind Sie gerade auf Tournee mit der Nummer?« – »Ja. Es ist nichts Persönliches mit dir oder so.« – »Jetzt machen Sie, dass Sie wegkommen, die werden gleich hier sein.« – »Wir sehen uns Dienstag in der Bowlinghalle, Ravi.« – »Ich glaube nicht, Mister Elwyn.«

*

Elwyn stieg ins Auto, nahm einen ausgedrückten Joint aus dem Aschenbecher und zündete ihn an. Er hustete, trank von der Whiskeyflasche und spülte Bier hinterher. Er lenkte den Wagen auf den Highway zurück Richtung Süden. Auf Höhe Jefferson Plaza kam ihm ein Polizeiauto entgegen, mit Blaulicht, aber nicht besonders schnell. Er und der Officer grüßten sich beim Vorbeifahren durch die Scheibe. Beim See fuhr er runter, parkte und holte eine Angelrute und einen Klappstuhl aus dem Auto. Er suchte sich eine Stelle am Ufer und setzte sich. Mond und Sterne beschienen den See, es war nicht sehr dunkel, aber er hatte Schwierigkeiten dabei, die Heuschrecken an den Haken zu fummeln. Fluchte, nahm einen Schluck aus der Whiskeyflasche, leerte die Bierdose, schaffte es endlich, stand auf, holte mit der Rute aus und fiel nach hinten.

»Verdammt.« Rappelte sich auf, prüfte den Haken, warf wieder aus und setzte sich. Rauchte. Es zog an der Schnur, Elwyn stand auf, leichter Ausfallschritt, zog und kurbelte. Er griff nach dem herumschwingenden Fisch und verfehlte ihn einmal, zweimal, dann hatte er ihn und packte fest zu. »Aarrhh ...« Er ließ den Wels fallen, drückte mit der Linken die schmerzende Rechte, trank einen Schluck. Er setzte den Fuß auf den dornigen Fisch, riss den Haken heraus, nahm den Revolver, warf den Fisch in die Luft, schoss und verfehlte. »Verdammt. Drei? Vier? Vier.« Er guckte wieder auf seine Hand an und schüttete Whiskey darüber. »Aarrhh …« Dann setzte er sich, pustete ein bisschen, trank ein bisschen, drehte sich ein Tütchen, zündete es an und spießte zwei Heuschrecken auf den Haken. Er warf die Angel aus, guckte hinterher und murmelte zufrieden: »Ja. Ich werde in der Hölle braten.«

*

Etwa zur selben Zeit stoppte Deputy Deason seinen Streifenwagen vor »Dicksie’s Food Store«, stieg aus, ging gemessenen Schrittes in den Laden, die Türglocke klingelte, er stellte sich breitbeinig vor den Pächter, schaute ihn eine Zeit lang an und fragte dann: »War der Wahnsinnige auch bei dir?«

Dick: »Elwyn? Yeah. Warum?«

Deputy: »Er hat bei dem indischen Typen im Laden herumgeballert und bei der First Citizens einen Geldautomaten und eine Videokamera erschossen.«

Dick: »Ist das wahr!«

Archie: »Irgendwas muss ihn echt angepisst haben, Deputy.«

Deputy: »Du solltest hier nicht rauchen, Archie. Das ist gegen das Gesetz.«

Dick: »Wart ihr schon bei ihm zu Hause?«

Deputy: »Ja. Nein. Wir haben angerufen, aber niemand ist drangegangen. Ich nehme mir einen Kaffee …«

Dick: »Vorhin sagte er, er will noch seine Mutter erschießen. Dann hat er Heuschrecken gekauft.«

Deputy: »Heilige Scheiße! Wo wohnt die? Und wo ist die Kaffeesahne?«

Archie: »Das mit den Heuschrecken wird nur ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, Dick, er will, dass wir denken …«

Dick: »Halt’s Maul, Archie. – Die Sahne ist im Kühlschrank beim Bier da drüben. Seine Mutter wohnt in der Nähe, 235 McIntyre, eine Meile nach der Methodistenkirche links. Mit ihr wird alles okay sein. Er schießt, wie ich stricke, und er hat nur eine uralte ›Modell 25‹ mit.«

Deputy: »Das reicht, wenn er nur fünfmal danebenschießt.«

Deputy Deason öffnete den Kühlschrank und nahm zwei Sahnetöpfchen heraus. Dann öffnete er die Tür daneben und griff nach einer von »Dick’s Mom’s Cinnamon Rolls«. Die Zimtschnecke fiel auf den Boden. Er guckte hinunter, zögerte, hob sie auf, legte sie wieder zurück und nahm eine andere. »Was brauchst du, um deine Mutter zu ermorden, Dick? Ein Maschinengewehr?«

Dick: »Einen Holzpflock und einen Hammer. Hab nen schönen Sonntag, Dave!«

Deputy: »Dick.«

Archie: »Deputy.«

Türklingeln.

*

Elwyn verließ den Monticello-Bypass und fuhr auf die McIntyre Road. Vor ihm tauchte das leuchtende Reklameschild der Vereinigte-Methodisten-Kirche auf: »Remember the sabbath day.« Er schnippte seine Zigarette aus dem Fenster und zielte mit dem Revolver auf das Schild, drückte ab und traf das »s« in »sabbath«. »Nummer fünf. Schon besser.« Als er sich dem Haus der Mutter genähert hatte, machte er die Scheinwerfer aus, rollte langsam auf das Grundstück und sah sich um. »Diese von Gott verfluchten Zivilisten sind immer noch nicht da.« Die Zikaden zirpten, die Moskitos knisterten, ein Ochsenfrosch röhrte, sonst war alles still. Er war allein mit dem Mond und den Sternen, den Zikaden und den Moskitos. Und einem geilen Ochsenfrosch.

Elwyn stieg aus, ging mit der Waffe in der Hand über die Veranda ins Haus und öffnete leise die Tür zum Schlafzimmer. Die Nachttischlampe brannte, die Mutter saß aufrecht im Bett, aber ihre Augen waren geschlossen, sie atmete ruhig. Er stand da, kratzte sich mit dem Revolver am Kopf und blickte scheel seine Mutter an. Plötzlich bewegte sie den Kopf, öffnete die Augen, guckte ihn an und sagte böse: »Elwyn!« Er richtete die Pistole auf sie, drückte ab, es krachte. Er traf die Mutter in den Bauch, sie blickte langsam an sich herunter, Nachthemd und Bettdecke färbten sich rasch dunkelrot. Sie blickte wieder hoch und sagte leise: »Elwyn, Elwyn.« Dann drückte er noch einmal ab, aber es klickte nur. »Verdammt.« Elwyn stolperte rückwärts hinaus, die Mutter sah ihm dabei zu und lächelte spöttisch: »Elwyn …«

Er stürzte durch die Vordertür nach draußen und blieb wie angewurzelt auf der Veranda stehen, auf die grelles Scheinwerferlicht gerichtet war. »Hände hoch, Mister Hodges! Und werfen Sie die Waffe weg!« Vor dem Haus standen drei Streifenwagen, hinter den geöffneten Türen waren die Polizisten in Deckung gegangen. »Ihr seid zu spät!« Er hechtete hinter seinen Wagen, Deputy Deason rief: »Bleiben Sie stehen, Mister Hodges!« – »Fuck you!« – »Mister Hodges! Verdammt, seien Sie kein Narr! Wir sind hier überall! Werfen Sie die Waffe weg, Mister Hodges! Elwyn, du Narr!« – »Hier bin ich, Deputy!« brüllte Elwyn und stellte sich aufrecht hin.

»Passen Sie auf, Mister Hodges!« – »Was?« – »Hinter Ihnen!« – »Was?« Elwyn drehte sich um und erstarrte: Die Mutter kam auf ihn zu, langsam, schaukelnd, ein Bein nachziehend und mit einer Axt in der erhobenen Hand: ­»Elwyn!« Das Blut floss in Strömen an ihr herunter, die dünnen Haare standen wirr vom Kopf ab, er konnte erkennen, dass sie kalkweiß im Gesicht war, aus dem schwarzen Mund stöhnte es: »Elwyn!« – »Missis Hodges, lassen Sie die Axt fallen! Mister Hodges, nehmen Sie die Hände hoch!« ­Elwyn ging einen Schritt rückwärts, drehte sich plötzlich wieder den Polizisten zu, zielte auf Deputy Deason und drückte ab: Klick! Dann traf es ihn von hinten auf dem Kopf: tock! »Au! Verflucht! Mom!« – ­»Elwyn ...« Wieder sauste etwas auf seinen Schädel herunter, tock! »Au!« – ­»Elwyn ...« Tock! »Au!« – »Elwyn, wach auf du Schande von Tennessee!« Tock!

Er öffnete die Augen und schloss sie gleich wieder, die Sonne blendete ihn. Tock!

»Hör bitte auf, Mom!«

Er blinzelte vorsichtig und erblickte neben sich die Mutter, unversehrt, im rosa Schlafrock, sie holte gerade wieder aus – mit einem Edelstahl-Pfannenwender.

»Ist ja gut! Es reicht!«

»Seht ihn euch an! Schlimmer als sein Vater! Raucht mir mein Gras weg und kollabiert auf der Veranda! Schläft im Stuhl wie ein besoffenes Schwein, anstatt nach Hause zu fahren! Geh rein und rasier dich! Die Eier sind fertig! Kristie und die Kinder holen dich gleich ab! Du wirst heute zur Kirche gehen, Sohn!«

»Verdammt!«

Tock!

»Au!«

»Und hör auf, vor deiner Mutter zu fluchen, Elwyn …«

Lee Harper Oswald (1969–2004) war ein US-amerikanischer Schriftsteller aus ­Milledgeville, Georgia, der vor allem mit Erzählungen im Stil des imperialistischen Realismus keinen Erfolg hatte. Seit früher Jugend lösungsmittelabhängig wurde Oswald mit 17 Jahren Halbwaise, weil sein Vater von seiner Mutter im Teich ertränkt worden war. Die Georgia College & State University musste er nach drei Wochen verlassen, nachdem er die Kürbiskopfsammlung des Unipräsidenten in die Luft gesprengt hatte. Danach arbeitete er als Hausmeister einer Irrenanstalt und Pfarrer einer Pfingstlergemeinde und schrieb nachts an seinem 4.600 Seiten starken Schlüsselroman »Arbeitstitel«, der unvollendet blieb. Seit seinem frühen Hirntod, er hatte versehentlich einen Eimer Elmer’s Multi-Purpose Glue verschluckt, veröffentlicht Oswald nur noch kurze Geschichten. Sie erscheinen unter dem Pseudonym Pierre ­Deason-Tomory regelmäßig in dieser Tageszeitung.

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