75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 1. Dezember 2021, Nr. 280
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 20.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Graz von oben

Fürchtet euch nicht

Von Florian Neuner
imago0055314325h Kopie.jpg
Grazer Schloßberg mit Burg (Autotypie von 1880)

Unser Autor lebt als Grazer Stadtschreiber für ein Jahr im Schlössl am Schloßberg, hoch über den Dächern der Stadt. Hier schreibt er alle zwei Wochen, was er beobachtet.(jW)

Wer derzeit durch Berlin-Moabit spaziert und die politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland nicht kennt, der könnte leicht den unzutreffenden Eindruck gewinnen, die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) sei eine der aussichtsreichsten Mitbewerberinnen bei den bevorstehenden Bundestagswahlen – so präsent sind ihre Plakate im Straßenbild. Es ist zwar ausgesprochen unwahrscheinlich, dass der Einsatz sich in Stimmen bezahlt machen wird. Aber so sticht die Wahlwerbung der Partei aus dem Ruhrgebiet immerhin hervor aus der trüben Flut der neoliberalen Einheitsfront und erfreut den Flaneur mit Sprüchen wie »Revolution ist kein Verbrechen«. In der steirischen Landeshauptstadt Graz indes gehen die Uhren anders. Dort wird am 26. September auch gewählt. Während die MLPD in Umfragen genausowenig aufscheint wie die DKP, wird der KPÖ bei den Gemeinderatswahlen wieder ein Ergebnis von 20 Prozent vorausgesagt – Platz zwei nach der ÖVP, die den Bürgermeister stellt.

Auf der Innenseite meiner Berliner Wohnungstür klebt seit vielen Jahren ein roter Aufkleber mit Hammer und Sichel und der wohltuenden Beschwörung »Fürchtet euch nicht«. Er stammt aus Graz. Als ich nach einer Lesung und der anschließend durchzechten Nacht an einem späten Samstag vormittag wieder halbwegs auf die Beine gekommen war und durch die Grazer Innenstadt schlich, tobte dort der Wahlkampf mit Blasmusik. Meinem restalkoholisch ramponierten Gemüt war diese Lärmbelastung alles andere als zuträglich. Umso dankbarer vernahm ich die beruhigende Botschaft der KPÖ. Jahre später bin ich wieder in der Endphase des Wahlkampfs in Graz und habe dort mein Domizil auf dem Schloßberg hoch über der Stadt bezogen. Wenn ich mich hinunter begebe, bemerke ich allerdings nicht viel vom Wahlkampf. Zwar bauen die wahlwerbenden Parteien im Zentrum ihre Stände auf, aber die ÖVP hat mit knapper Mehrheit einen Antrag durchgebracht, der es verbietet, auf städtischem Boden »zusätzliche mobile Außenwerbeflächen« aufzustellen. Mit denen versuchen sonst vor allem kleine Parteien, die sich die großen kommerziellen Plakatflächen nicht leisten können, auf sich aufmerksam zu machen. Für das Stadtbild ist das Verbot ein Gewinn, für die kleinen Parteien von der Gruppe »Graz im Herzen« bis zum »Team HC Strache«, das allen Ernstes nach dem Misserfolg letztes Jahr in Wien auch in Graz antritt, ein Problem. Aber die KPÖ zählt hier, anders als in den anderen Landeshauptstädten, nicht zu den vom medialen Mainstream totgeschwiegenen »Sonstigen«.

Und die KPÖ stellt in Graz seit 2017 mit Elke Kahr (Verkehr) und Robert Krotzer (Gesundheit) sogar zwei von sieben Stadträten – natürlich nicht, weil die ÖVP mit den Kommunisten, gegen die sie auch in diesem Wahlkampf wieder mit einer so absurden wie erfolglosen »Rote Socken«-Kampagne schießt, eine Koalition eingegangen wäre. Aber gemäß dem Grazer Proporzsystem müssen Parteien entsprechend ihrer Stärke an der Regierung beteiligt werden. In der Praxis führt das oft zu einem Eiertanz: Pragmatisch müssen Lösungen gefunden und Beschlüsse herbeigeführt werden; gleichzeitig sind alle darauf bedacht, der KPÖ nur ja keine Erfolge zu gönnen. Unkorrumpierbare Politiker, mit denen man keine Deals auf dem Rücken der Bevölkerung machen kann und die sich auch noch erdreisten, große Teile ihres Gehalts zu spenden, sind in der Fassadendemokratie Störenfriede. Als Stadträte für Wohnungsangelegenheiten freilich waren Ernest Kaltenegger und später Elke Kahr seit 1998 so erfolgreich, dass die politischen Gegner ihr diese Bühne 2017 zu nehmen beschlossen. Als Verkehrsstadträtin kämpft die Spitzenkandidatin Kahr seither gegen die absurden, großmannssüchtigen Prestigeprojekte von Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP), der in Graz allen Ernstes eine U-Bahn bauen möchte. Veranschlagte Kosten: mehr als drei Milliarden Euro. Selbst in der Kleinen Zeitung, dem dominanten Lokalblatt, spricht man von den »Luftschlössern des Bürgermeisters«, der mit dem U-Bahn-Projekt Wien und mit Tunnelplänen am Murufer Paris nacheifere.

Auf originelle Verkehrsmittel kann der Stadtschreiber schon jetzt zurückgreifen. Um auf den Berg zu gelangen, kann er einen Aufzug benutzen, für den Brian Eno eigens seine »Music for Elevators« kreiert hat. Und für den Weg hinunter in die Stadt kann er alternativ die im Inneren des Berges, in dem auch eine »Märchenbahn« verkehrt, verlaufende Röhre einer Rutschbahn wählen. In seine Wohnung, die so exponiert knapp unterhalb des Uhrturms, des Grazer Wahrzeichens, am Berg liegt, dass sich kein Postbote heraufbequemt, dringt die Blasmusik des Wahlkampfs nicht.

»Come together: Begrüßung des neuen Stadtschreibers«, Literaturhaus Graz, 20.9.2021, 19 Uhr

Zeitung für das Recht auf Wohnen

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton