75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 1. Dezember 2021, Nr. 280
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 20.09.2021, Seite 8 / Ansichten

CDU-Wahlkämpfer des Tages: Wolfgang Berghofer

Von Nico Popp
imago0051021762h.jpg
Läuft doch: Wolfgang Berghofer in Dresden (15.6.2001)

Es dürfte in der Partei Die Linke nur noch wenige Mitglieder geben, die sich an die »Januarkrise« des Jahres 1990 erinnern. Damals wurde der mit Massenaustritten konfrontierten Vorgängerpartei, die sich soeben in den »demokratischen Sozialismus« reformiert hatte, um ein Haar das Lebenslicht ausgeblasen.

Ein Tatort dieses komplexen Anschlages war Dresden: Dort traten am 21. Januar Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer, der erst im Dezember 1989 zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt worden war, und 39 weitere halbwegs prominente Mitglieder mit Knalleffekt aus der SED-PDS aus – verbunden mit der »dringlichen« Aufforderung, die Partei aufzulösen.

Deren Existenz hing einige Tage lang am seidenen Faden; wichtige Leitungen und Kreisverbände lösten sich wie auf Kommando auf. Gerettet wurde die einstige Staatspartei nur dadurch, dass die überwiegende Mehrheit der noch verbliebenen Mitglieder die (insbesondere auch in Bonn gehegte) Absicht, sie noch vor der anstehenden Volkskammerwahl zu zerschlagen, durchschaute und an diesem Punkt nicht mehr mitmachte.

Der einst im FDJ-Apparat unaufhaltsam aufgestiegene Berghofer, im Winter 89/90 ein kleiner Medienstar (»Bergatschow«), hätte seine Laufbahn gerne in der SPD fortgesetzt. Das klappte nicht. Dann eben Unternehmensberater: »Die Marktwirtschaft stand vor der Tür. Ich vertraute auf meine Organisationstalente« (Berghofer 2001).

In diesen Tagen erhalten Wahlberechtigte im Berliner Bezirk Mar­zahn-Hellersdorf, wo der Ex-OB seit 1992 lebt, Post vom CDU-Kreisverband. Darin: Ein persönliches Anschreiben von Berghofer, der dafür wirbt, bei der Bundestagswahl dem CDU-Wahlkreiskandidaten Mario Czaja die Erststimme zu geben. Was ein paar Leute aufregt, ist nur folgerichtig: Das eigentliche Talent Berghofers war immer, genau dort zu stehen, wo die Macht ist. Die offene Frage ist, warum die Kaderauswahl der SED so häufig solche Talente nach oben befördert hat.

Zeitung für das Recht auf Wohnen

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Joachim Seider (22. September 2021 um 12:38 Uhr)
    Nico Popp hat eine sehr wichtige Frage berührt: Weshalb schafften und schaffen es so viele Schaumschläger und Karrieristen nach oben? Das Ganze wäre nicht so dramatisch, wäre das nur ein Problem der SED oder der DDR gewesen. Aber es ist eben – ein Blick in jegliche politische oder wirtschaftliche Struktur reicht aus, um das zu bestätigen – ein recht allgemeines Problem, dass es sich besser leben lässt, wenn man sich mit den Herrschenden gut stellt. Dazu braucht man keine Prinzipien. Man muss nur ausreichend gut verstehen, sein Fähnlein nach dem Wind zu drehen. Unentdeckt bleibt das trotzdem nicht. Das Volk hat ein feines Gespür dafür, wer ein Wendehals ist und wer nicht. Man muss ihm eben nur ernsthaft zuhören, wenn man den Kriechern den Weg nach oben versperren will.

Mehr aus: Ansichten