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Aus: Ausgabe vom 18.09.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Massaker in Bolivien

Von der Gewalt gezeichnet

Bericht zu Exzessen nach Putsch in Bolivien: Überlebende schildern ihre Erlebnisse und die Traumata, die sie davongetragen haben
Von Anton Flaig, El Alto
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Mit Waffen und Gewalt gegen Protestierende: Einsatzkräfte in Senkata am Tag des Massakers (El Alto, 19.11.2019)

Mitte August hat die Interdisziplinäre Gruppe unabhängiger Experten in Bolivien ihren Bericht zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen unter Jeanine Áñez vorgelegt. Die Rechtspolitikerin hatte sich im November 2019 zur Übergangspräsidentin des südamerikanischen Landes erklärt. Die Proteste gegen die erzwungene Absetzung von Evo Morales wurden blutig niedergeschlagen, es kam zu den Massakern von Senkata und Sacaba und vielen außergerichtlichen Hinrichtungen. Laut dem Bericht gab es zudem politisch motivierte Verhaftungen, Folter, Misshandlungen, sowie sexualisierte und psychische Gewalt. Dabei hätten antiindigener Rassismus sowie Falschmeldungen eine zentrale Rolle zur Legitimierung der Gewalt gespielt.

Auch für Marisa, Sprecherin der Organisation der aus politischer Motivation heraus Verfolgten in El Alto, lassen sich die gravierenden Menschenrechtsverstöße an einem Datum festmachen. Mit dem 11. November – ein Tag nach dem Putsch gegen Morales – »begann die Diskriminierung und rassistische Verfolgung von indigenen Personen. Dadurch kam es zu dem Massaker von Senkata«. Nach dem Putsch wurden massenhaft Ausweiskontrollen durchgeführt, bei denen willkürlich Bewohner mit dem Wohnsitz Senkata im 8. Bezirk El Altos festgenommen wurden. In der Kirche von San Roque – dem Ort, an dem der Bericht vorgestellt wird – schildert eine Anwohnerin, die lieber anonym bleiben möchte, wie ihr Bruder verhaftet, misshandelt und gefoltert wurde, weil er laut Personalausweis in Senkata wohnte. Das rassistische Narrativ der »wilden Indianer« war mit tatkräftiger Hilfe von rechten Medien wie Página Siete, El Deber und Unitel Bolivia verbreitet worden.

Helfer wird Opfer

Am Tag des Massakers, dem 19. November 2019, filmte der gelernte Krankenpfleger Ayben Huaranca Murillo die bolivianische Luftwaffe, die von Helikoptern aus auf Anwohner und Demonstranten schoss. Er sendete das Video per Whats-App an Bekannte, um sie vor der sich anbahnenden Gewalt zu warnen, wie er erzählt. Das Militär hatte auf Anweisung des mittlerweile in Untersuchungshaft sitzenden Generals Luis Valverde begonnen, den Protest, bei dem seit Tagen die Verteilstation der staatlichen Öl- und Gasfabrik YPFB in Senkata blockiert wurde, brutal niederzuschlagen.

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Bestattung der Toten im Tränengasnebel (La Paz, 21.11.2019)

Rechte Falschmeldungen

Eine zentrale Rolle zur Rechtfertigung des Massakers spielte die infame Behauptung, die »Terroristen hätten die Gasfabrik in die Luft jagen wollen«. Dieser Vorwurf wurde vom damaligen De-facto-Innenminister Arturo Murillo, der derzeit wegen Geldwäsche in Miami in Untersuchungshaft sitzt. Tatsächlich waren die Protestierenden so wütend über den Angriff des Militärs, dass sie mit bloßen Händen versuchten, die alte Steinmauer rund um das Gelände der Fabrik einzureißen. Aus Videos, die das zeigten, wurde die Falschmeldung fabriziert, es habe sich um fanatische Terroristen gehandelt, welche die Gasfabrik und damit das ganze Stadtviertel in die Luft jagen wollten.

Als Huaranca Murillo an den Ort des Massakers kam, leistete er in den Straßen Erste Hilfe für die Schwerverletzten – allein mit nur einem anderen Pfleger. Später sagte er in das Mikrofon eines Journalisten, dass er einen Jugendlichen in seinen Händen habe sterben sehen. Wegen dieser Aussage wurde der Krankenpfleger noch am gleichen Tag wie viele Verletzte, Demonstranten und Anwohner des Stadtviertels Senkata von der Polizei festgenommen. »Sie haben mir die Nase kaputt getreten«, erzählt er, während er sich den Mundschutz herunterschiebt, um seine krumme Nase zu zeigen. »Dann haben sie mich ausgepeitscht und bewusstlos geschlagen. Mir fehlen sogar Zähne. Als ich wieder aufgewacht bin, haben sie mich an den Hoden mit Elektroschocks gefoltert.« Drei Tage lang sei er badend in seinem eigenen Blut gefoltert worden – ohne Essen, ohne Wasser. »Ich wäre fast verdurstet.« Die Polizei habe Informationen über die Anführer der Gewerkschaft und der Nachbarschaftsverbände aus ihm herausprügeln wollen. »Sie zeigten mir gefälschte Fotos, die mich als Anführer einer Bewegung zeigten.« Später eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Terrorismus und Verschwörung gegen Huaranca Murillo.

Das politisch motivierte Verfahren wurde erst am 16. August 2020 eingestellt. Für den Pfleger, der mittlerweile eine kleine Berühmtheit in Bolivien ist, nur ein kleiner Trost: »Wir haben gewonnen, weil sie keine Beweise hatten. Aber sie haben mich zerstört. Sie haben meine Familie zerstört. Sie haben meine Kinder zerstört, sie haben alles zerstört.« Er musste sechs Monate im Gefängnis verbringen und sechs weitere im Hausarrest, seine Gesundheit ist ruiniert. »Sie haben mich hier«, er zeigt auf seine linke Kopfhälfte, »geschlagen. Ich fühle diese Seite meines Gesichts nicht. Auch meine Beine sind verletzt. Ich habe Rückenschmerzen, weil sie mich oft getreten haben. Ich habe sehr starke Schmerzen und gehe kaum. Ich kann auch nicht mehr lange sitzen und stehen.«

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Fliehen oder sterben: Gegen den Putsch demonstrierende Kokabauern werden mit Tränengas angegriffen (Sacaba, 15.11.2019)

Behandlung verweigert

Eine Falschmeldung der rechten Presse diente auch zur Rechtfertigung des Massakers in Sacaba, Cochabamba, das sich bereits am 15. November 2019 ereignet hatte. Behauptet wurde, es habe ein Kreuzfeuer zwischen Kokabauern und Militärs gegeben. Statt dessen – so belegt es auch der Bericht – hatten einzig Soldaten das Feuer auf einen Protestmarsch der »Sechs Föderationen des Wendekreises von Cochabamba« eröffnet, um die Teilnehmer davon abzuhalten, das Zentrum von Cochabamba zu erreichen.

Nach den Massakern, bei denen 38 Menschen quasi hingerichtet und über 100 Menschen verletzt worden waren, erhielten viele Schwerverletzte keine medizinische Behandlung in den Krankenhäusern. Juliana Calle, eine Anwohnerin, die wie die meisten Einwohner El Altos zum indigenen Volk der Aymara gehört, wohnt der Vorstellung des Berichts wegen ihres Sohnes bei. Am Tag des Massakers war er auf der Straße, als ihm ein Schuss den Kiefer zertrümmerte. Im Krankenhaus Hospital Holandés, das sich im reicheren Stadtteil Ciudad Satélite befindet, wurde ihm wie vielen anderen Opfern des Massakers die Behandlung versagt. Er wurde vom medizinischen Personal abgewiesen unter der Begründung, er sei ein Anhänger der Bewegung zum Sozialismus (MAS) und ein Terrorist.

In der Kirche sitzen Dutzende von Hinterbliebenen, bei der Gewalt Verletzte und in Haft gefolterte Personen, die der Welt von ihrem Leid erzählen wollen. Allerdings sind nur relativ wenige Medien zur Pressekonferenz in diesen armen Stadtteil El Altos gekommen. Auch während der Massaker waren praktisch kaum Journalisten vor Ort. Die Artikel mit den Falschmeldungen über die Gasfabrik in Senkata, Kreuzfeuer zwischen Kokabauern und Militärs oder auch über angebliche kubanische Guerilleros in Montero wurden in Journalistenbüros der städtischen Mittelschicht fabriziert und hatten einzig und allein ein Ziel: eine gewalttätige Niederschlagung der Proteste gegen den Putsch zu rechtfertigen.

Hass gegen MAS

David Mamani hat die Fotos von seinen Verletzungen auf DIN-A4-Seiten gedruckt. Er möchte der Welt zeigen, was ihm während des Putsches angetan wurde. Nach seiner Geschichte gefragt, erzählt er, dass er am 11. November zu Fuß zur Arbeit ging, da es wegen der politischen Unruhen keinen öffentlichen Nahverkehr gab. Dort sei er von Polizisten in Zivil angehalten worden, die ihn verdächtigten, Unruhe stiften zu wollen: »Sie schossen mir in den Magen und zertrümmerten mir mit einem zweiten Schuss das Schlüsselbein«, erzählt Mamani. »Dann schlugen sie mir viermal mit dem Gewehrkolben gegen meinen Kopf, bis ich das Bewusstsein verlor.« Er geht davon aus, dass sie ihn töten wollten, da sie ihn für einen MAS-Anhänger hielten. Die bei einer Demonstration anwesenden Ersthelfer hätten ihm das Leben gerettet. »Sie brachten mich von Krankenhaus zu Krankenhaus.« Er zeigt ein Video, auf dem er blutüberströmt zu sehen ist, und erzählt, wie ihn mehrere Krankenhäuser, obwohl er um sein Leben kämpfte, nicht aufnehmen wollten. Im Hospital del Norte, wo er schließlich angenommen wurde, fragte ihn das Personal: »MAS-Anhänger: Wieviel wurde dir fürs Unruhestiften bezahlt?«

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