Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Dienstag, 26. Oktober 2021, Nr. 249
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 18.09.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Stimmen und Geld

Friedrich Engels über Parlamentswahlen in England 1874: Kandidierende »Arbeiterführer« legten großen Wert auf Distanz zu Sozialisten
imago0072461216h.jpg
Das britische Unterhaus im Jahr 1843, Karikatur von George Cruikshank

Das vorige Parlament schon stand seiner Gesamtintelligenz nach unter der Mittelmäßigkeit. Es bestand wesentlich aus Landjunkern und Söhnen von Großgrundbesitzern einerseits, Bankiers, Eisenbahndirektoren, Bierbrauern, Fabrikanten und sonstigen reichen Emporkömmlingen andrerseits; dazwischen einige Staatsmänner, Juristen, Professoren. Von diesen letzteren »Vertretern der Intelligenz« ist eine ziemliche Anzahl diesmal durchgefallen, so dass das neue Parlament noch ausschließlicher als das vorige eine Vertretung des Großgrundbesitzes und des Geldsacks ist. Dagegen zeichnet es sich vom vorigen durch zwei neue Elemente aus: durch zwei Arbeiter und ungefähr fünfzig irische Home-Rulers (die 1870 gegründete Partei trat für irische Selbstregierung ein, jW).

Was die Arbeiter angeht, so ist zuerst festzustellen, dass es seit dem Untergang der Chartistenpartei in den fünfziger Jahren in England keine besondere politische Arbeiterpartei mehr gibt. Es ist dies erklärlich in einem Lande, wo die Arbeiterklasse mehr als anderswo an den Vorteilen der ungeheuren Ausdehnung der großen Industrie teilgenommen hat, wie dies in dem den Weltmarkt beherrschenden England nicht anders sein konnte; und obendrein in einem Lande, wo die herrschenden Klassen es sich zur Aufgabe machen, neben anderen Konzessionen einen Punkt des Chartistenprogramms, der Volks-Charte, nach dem andern durchzuführen. Von den sechs Punkten der Charte bestehen zwei zu Recht: die geheime Abstimmung und die Abschaffung des Wählbarkeitszensus; der dritte, das allgemeine Stimmrecht, ist wenigstens annähernd eingeführt; ganz unausgeführt sind die drei letzten: jährliche Neuwahlen, Diäten und der wichtigste: gleiche Wahlbezirke nach der Bevölkerung. Die Arbeiter, soweit sie sich an der allgemeinen Politik in besonderen Organisationen beteiligt, sind neuerdings fast nur als äußerster linker Flügel der »großen liberalen Partei« aufgetreten und in dieser Rolle ganz fachgemäß von der großen liberalen Partei bei jeder Wahl geprellt worden. Da kam plötzlich die Reformbill (1867 erhielten alle männlichen Haushaltsvorstände in Großbritannien und Irland Wahlrecht, damit auch Teile der Arbeiterklasse. Das allgemeine Wahlrecht wurde in Großbritannien erst 1918 für Männer und 1928 für Frauen eingeführt, jW), und änderte mit einem Schlage die politische Stellung der Arbeiter. In allen großen Städten bilden sie jetzt die Mehrzahl der Wähler, und Regierung wie Parlamentskandidaten sind in England gewohnt, den Wählern den Hof zu machen. Von da an wurden die Vorsitzenden und Sekretäre der Trade-Unions (Gewerkschaften, jW) und politischen Arbeitervereine, sowie sonstige bekannte Arbeiterredner, denen man Einfluss auf ihre Klasse zutrauen durfte, auf einmal wichtige Leute; sie erhielten Besuche von Parlamentsmitgliedern, von Lords und anderem vornehmen Gesindel, man erkundigte sich plötzlich teilnehmend nach den Wünschen und Bedürfnissen der Arbeiterklasse, man diskutierte mit diesen »Arbeiterführern« Fragen, über die man bisher vornehm gelächelt oder deren bloße Anregung man schon verdammt hatte, man zahlte auch Beiträge zu Sammlungen für Arbeiterzwecke. Den »Arbeiterführern« kam dabei ganz natürlich der Gedanke, sich selbst ins Parlament wählen zu lassen; ihre vornehmen Freunde gingen im allgemeinen mit Freuden darauf ein, natürlich nur, um in jedem einzelnen Falle die Wahl eines Arbeiters nach Möglichkeit zu vereiteln. Und so kam die Sache nicht weiter.

Dass die »Arbeiterführer« gern ins Parlament gekommen wären, nimmt ihnen niemand übel. Der nächste Weg dazu wäre gewesen, sofort zur Neubildung einer starken Arbeiterpartei mit bestimmtem Programm zu schreiten – die Volks-Charte bot ihnen das beste politische Programm, das sie wünschen konnten. Aber der Name der Chartisten – eben weil diese eine ausgesprochen proletarische Partei gewesen – stand bei den Bourgeois in üblem Geruch, und statt an die glorreiche Tradition der Chartisten anzuknüpfen, zogen die »Arbeiterführer« es vor, mit ihren vornehmen Freunden zu verhandeln und »respektabel«, das heißt in England bürgerlich, aufzutreten. Hatte das alte Stimmrecht die Arbeiter bis zu gewissem Grad gezwungen, als Schwanz der radikalen Bourgeoisie zu figurieren, so war es unverantwortlich, sie diese Rolle fortspielen zu lassen, seitdem die Reformbill mindestens sechzig Arbeiterkandidaten die Türen des Parlaments öffnete.

Und dies war der Wendepunkt. Die »Arbeiterführer«, um ins Parlament zu kommen, wandten sich in erster Linie an die Stimmen und das Geld der Bourgeoisie und erst in zweiter an die Stimmen der Arbeiter selbst. Damit aber hörten sie auf, Arbeiterkandidaten zu sein, und verwandelten sich in Bourgeoiskandidaten.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Mehr aus: Wochenendbeilage

Die XXVII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz findet am 8.1.2022 als Präsenz- und Livestreamveranstaltung statt. Informationen und Tickets finden Sie hier.